Dinieren in der Kuppelhalle des Kunsthistorischen Museums

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Genuss
09/08/2019

Abends im Museum: Zum Dinner mit Tyrannosaurus

Kulinarik wird auch in Museen wichtiger. Spezielle Angebote zur Kulturvermittlung sollen neue Besucherschichten bringen.

von Ingrid Teufl

Spätestens seit die Exponate des Naturhistorischen Museums von New York im Kinofilm „Nachts im Museum“ zum Leben erwachten, ist es mit der Vorstellung von nächtens ausgestorbenen Kulturhäusern vorbei. In vielen Museen herrscht nach dem offiziellen Kassenschluss emsiger Betrieb. Das Skelett eines Tyrannosaurus Rex jagt zwar nicht einem geworfenen Stöckchen hinterher. In der Wiener Realität drängt man sich am Buffet.

Dahinter steht ein Konzept: Beeindruckende Orte wie etwa die Wiener Museen am Ring aus einer anderen Perspektive erleben können – und damit auch ein Publikum ansprechen, das nicht ohnehin gerne die Ausstellungen besucht. „Gut essen kann man an vielen Orten, aber das besondere Ambiente der Kuppelhalle ist etwas Besonderes“, heißt es bei der Firma Gourmet. Als „kulinarischer Partner“ wandelt ein Team aus 15 Mitarbeitern das Café im Kunsthistorischen Museum jeden Donnerstag zum Speisesaal um.

Ausgeklügelte Logistik ist notwendig

Wenn das Museum zum Restaurant wird, geht das nicht so nebenbei. Die Logistik muss stimmen, die Vorbereitung auch. Was Museumsbesuchern tagsüber und abends verborgen bleibt: In der Kuppelhalle befinden sich zwei Küchen, in denen die Speisen fürs Buffet vorbereitet und die Hauptspeisen frisch zubereitet werden. So sind reibungslose Abläufe gewährleistet, erklärt Restaurantleiter Stephan Glas.

Zum Dinner ist der Aufwand freilich größer als tagsüber, wenn Museumsbesucher im Café Schmankerl aus der Wiener Küche ordern. „Die Speisen sind so gewählt, dass wir hohe Qualität auch auf dem beengten Raum anbieten können. Dadurch, dass Teile am Buffet angerichtet sind, bestellen nicht alle Gäste zur gleichen Zeit.“

Naturhistorisches Museum: Muscheln und Dachführung

Ähnlich vorbereitet ist man nur ein paar Schritte gegenüber, im Naturhistorischen Museum. Hier wird jeden Mittwoch aufgekocht, mit kulinarischen Schwerpunkten. Bei „Kultur und Kulinarium“ bietet man je nach Saison Spargel- oder Muschel-Dinner an. Eine Extra-Führung aufs Dach gewährt eine ungewohnte Perspektive auf Ringstraße und ersten Bezirk. Der Weg dorthin durch Bereiche, die Museumsbesuchern sonst verschlossen bleiben, macht es besonders spannend.

In sonst unzugängliche Bereiche vorzudringen, kommt gut an. Nach dem Dinner führt ein Museumsmitarbeiter aufs Dach des Naturhistorischen Museum. Der Weg führt durch den sogenannten „Schädelgang“ der Anthropologischen Abteilung. Das ist eine lange, durchaus imposante Galerie mit Tausenden, feinsäuberlich beschrifteten Totenköpfen in Glasvitrinen. Sie bleibt manchen Teilnehmern ungleich stärker im Gedächtnis, als so manches andere Detail aus einer „normalen“ Führung im Haus.

Kulinarik wurde Kulturvermittler

Kulinarik ist in den vergangenen Jahren ein wichtiges Thema im Museumsbetrieb geworden. „Die Menschen suchen nach speziellen Angeboten“, sagt Verena Dahlitz von der Albertina. Mit dem „Frühstück mit Führung“ verfolgt man diesen Ansatz. Man wollte ein Angebot schaffen, „das den Museumsbesuch abrundet und unser Café stärker einbindet“, sagt Dahlitz. Dieses betreibt Do & Co. „Jedes Frühstück wird thematisch auf die Ausstellung abgestimmt. Wir machen für jedes Thema passende Tischsets, die haben sich schon als Sammlerstück herausgestellt.“

Naturhistorisches Museum
Kultur und Kulinarium: Mittwochs Muschel- oder Spargeldinner. Pro Person 56 €/P.  (inkl. Museumeintritt, exkl. Getränke; ab Oktober)
Mehr Infos finden Sie hier.

Kunsthistorisches Museum
Dinner im Museum: Donnerstags 4-gängiges Dinner. 55 €/P.  (inkl. Führung , exkl. Museumseintritt, Getränke; ganzjährig)
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Volkskundemuseum
Dinner im Palais: Backstageführung und 3-gängiges Dinner.  45 €/P. (inkl. Eintritt, Führung, exkl. Getränke; ganzjährig)
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Albertina
Frühstück mit Führung: 36 €/P. (inkl. Eintritt und Führung; wieder ab 20. 9. 2019)
Mehr Infos finden Sie hier.

Blicke hinter die Kulissen

Wie müssen Vermittlungsprogramme gestaltet sein, um interessant zu sein? Blicke hinter die Kulissen haben den Charakter einer besonderen Führung, sagt Gesine Stern vom Volkskundemuseum. „Der Wechsel vom öffentlichen in den nichtöffentlichen Bereich eines Hauses und zu Orten, die man sonst nicht sieht, hat besonderen Charme.“

Essen als Vermittlungsformat – das begann im Volkskundemuseum als Begleitprogramm der Ausstellung „Freuds Dining Room“. Mit den damaligen Betreibern des Museumcafés entwickelte man eine zur Ausstellung passende Speisenfolge. „Das kam so gut an, dass es zur ständigen Einrichtung wurde.“ Mittlerweile gibt es einen neuen Betreiber: Auch der Chef des jetzigen „Café Hildebrandt“ ziehe beim Konzept „voll mit“ und bringe Ideen ein. Weiße Tischtücher und Kerzen etwa betonen die besondere Atmosphäre.

Vor dem Dinner geht es quer durchs Museum und den ehemaligen Pferdestall, wo heute Volkskundler ihrer wissenschaftlichen Arbeit nachgehen, bis aufs weitläufige Dach des barocken Gartenpalais im achten Bezirk. Stern: „Wenn man über schmale Holzsteige in der Weitläufigkeit des Dachbodens ankommt, beeindruckt das die meisten.“

Der Höhepunkt sei aber jedes Mal der Besuch im nicht öffentlich zugänglichen „Blauen Salon“. Hier wird das „Amuse Geule“, das Appetithäppchen des Dinners, gereicht. Spätestens jetzt scheint das Kalkül aufzugehen: Man hat den Besuchern Kultur im wahrsten Sinn des Wortes schmackhaft gemacht.