Nach Yellowstone kommt Dutton Ranch: Warum Western boomen
Mit „Dutton Ranch“ kommt ein neuer Ableger des Hits „Yellowstone“. Western haben Hochkonjunktur. Doch sie sind mehr als Nostalgie: Sie erzählen alte Mythen neu.
Der Colt sitzt wieder locker im Halfter, der Blick geht gen Westen. Dorthin, wo die erhoffte Freiheit wartet oder – schlecht für ihre Opfer, gut für die Zuschauer – überall Bösewichte lauern.
Auf den Streaming-Plattformen schwingt sich der Western seit einiger Zeit zu neuer Hochform auf. Und das in allen erdenklichen Spielarten. Nach fünf Staffeln Yellowstone rund um Kevin Costner als Großgrundbesitzer ist zwar Schluss. Doch es geht mit dem Spin-off Dutton Ranch (Paramount+) weiter. In der Serie setzen Rip und Beth Dutton alles auf ein neues Leben in Süd-Texas. Womöglich sind die anderen Ableger, 1883 und 1923 mit Helen Mirren und Harrison Ford, noch gar nicht fertiggeschaut. Sie erzählen die Vorgeschichte zu all dem.
Vor nicht allzu langer Zeit veröffentlichte Netflix The Abandons. Darin treten Lena Headey und Gillian Anderson gegeneinander an. Es ist ein Konflikt Reich gegen Arm, ein Kampf um die Vorherrschaft. Dass die zwei schießwütigen Matriarchinnen bei Publikum und Kritik nicht die gewünschte und geschürte Wirkung erzielt haben, ist für Western-Fans wohl verkraftbar. Die nächste Serie rollt bestimmt bald wie ein Tumbleweed in der staubigen Steppe heran.
Die große Freiheit
Der Wilde Westen ist gefühlt fast überall. In der Mode schmücken in regelmäßigen Abständen Cowboyhüte die Köpfe von Beyoncé bis Taylor Swift, die Boots klackern auch in europäischen Großstädten.
Warum das alles so gut funktioniert, hat Andrew Patrick Nelson, Historiker für amerikanisches Kino und Kultur an der University of Utah, einmal treffend auf den Punkt gebracht. „Der Westen ist seit jeher Projektionsfläche für Sehnsüchte: für ein Leben, das echter, rauer, freier wirkt als der durchgetaktete Alltag“, sagte er der New York Times. Und man muss hinzufügen: Die Landschaft mit ihren unendlichen Weiten, Schluchten und Bergen macht diese Fantasie besonders reizvoll.
Frauen-Power im wahrsten Sinne des Wortes in „The Abandons“. Lena Heady gegen Gillian Anderson.
©Michelle Faye/Netflix 2024 ©Nach Corona bekam sie neuen Schub. Nach Monaten der Lethargie, der Lockdowns und des Stillstands zog es viele Menschen wieder hinaus – gedanklich wie ganz real. Weite, Natur, Aufbruch: Der Westen lieferte die passenden Bilder und Geschichten gleich mit.
Doch Hollywood hatte den Trend schon vor der Pandemie am Radar. Zwischen 2000 und 2009 entstanden laut dem Kinodatendienst Comscore 23 Westernfilme, in den zehn Jahren danach waren es bereits 42. Mittendrin – und wohl für viele weitere Western verantwortlich – die Rancher-Serie Yellowstone, in der Kevin Costner den Witwer John Dutton spielt. Seine Ranch in Montana steht im Visier gleich mehrerer Gegner.
Afroamerikanische Cowboys und Ureinwohner
Die Serie richtet sich eher an ein konservatives Publikum. Doch einige der neuen Western sehen anders aus. Sie setzen sich kritisch mit Gewalt, Besiedlung und der Verdrängung der Ureinwohner auseinander. Schwarze Cowboys stehen im Zentrum, Frauen holen die Knarren heraus, indigene Figuren erzählen ihre eigenen Geschichten. In The Harder They Fall (Netflix) sind die Hauptdarsteller allesamt Afroamerikaner, ihre Figuren basieren auf realen Personen des 19. Jahrhunderts. In der BBC-Serie The English (Prime) will eine von Emily Blunt gespielte Engländerin den Tod ihres Sohnes rächen und trifft dabei auf einen ehemaligen Kavallerie-Scout und gebürtiges Mitglied der Pawnee-Nation.
Emily Blunt und Chaske Spencer in "The English".
©Courtesy of Amazon Prime VideoAuch queere Protagonisten finden ihren Platz: Jane Campions The Power of the Dog (2021) mit Benedict Cumberbatch und Kirsten Dunst ist das Porträt eines zutiefst ambivalenten, vermutlich schwulen Ranchers. Der Film wurde mit zwölf Oscar-Nominierungen bedacht.
Filmhistoriker weisen, wie die New York Times schrieb, darauf hin, dass Western schon immer ein Spiegel ihrer Zeit waren. Während des Zweiten Weltkriegs lieferten sie klare Gut-und-Böse-Botschaften und stärkten den Gemeinschaftsgedanken. John Fords Ringo von 1939 mit John Wayne gilt gern als Gleichnis auf den New Deal: Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe Amerikaner muss zusammenhalten, um zu überleben.
Ein Wilder Westen ohne Ordnung
In den 1960er-Jahren kippte das Bild. Gesellschaftliche Umbrüche, Proteste und Zweifel an Autoritäten brachten neue Helden hervor: ungewaschen, misstrauisch, gegen das Establishment. Clint Eastwood ritt als Fremder ohne Namen heran und nahm Rache für einen Mord. Italowestern wie Django zeigten eine Welt ohne Ordnung, dafür mit umso mehr Brutalität. Auch dieser kehrte 2023 wieder zurück – als Serie auf Sky.
Und manchmal darf ein Western sogar ganz woanders spielen: etwa in Down Under, wie Territory auf Netflix bewiesen hat.
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