Wohin reitet der Cowboy? Amerikas komplizierte Ikone
„Den Cowboy gibt es gar nicht, daher kann er gar nicht tot sein“, sagt Ute Behrend. „Aber er wird seit über hundert Jahren immer mit neuen Bedeutungen gefüllt.“
Die Fotografin hat sich selbst mehr als zehn Jahre lang an die sporenbewehrten Fersen des Cowboys geheftet. Mehrmals bereiste sie den amerikanischen Westen, wo man die Originalversion des wahlweise einsamen oder geselligen, schießwütigen oder grundanständigen, nachdenklichen oder sprunghaften, jedenfalls aber unabhängigen Freigeists vermutet.
Die Langzeitreportage führte die Kölnerin aber auch zum Karneval in ihrer Heimatstadt, zu Rodeos sowie in zahllose Westernstädte in Deutschland und Spanien. Denn der Cowboy, diese Ikone des amerikanischen Individualismus, war und ist seit seinen Ursprüngen ein Fall von kultureller Aneignung – insbesondere im deutschen Sprachraum, wo William Cody alias „Buffalo Bill“ mit seinen Shows die Idee des „Wilden Westens“ verbreitete (1890 und 1906 auch im Wiener Prater) und Karl Mays Romane den Westen als Sehnsuchtsort beschworen.
Vor dem Hintergrund von Donald Trumps Politik und der vielfachen Abkehr von den USA als kulturellem Leitstern ist der Cowboy erneut einem Bedeutungswandel unterworfen. Steht er heute eher für Machotum und „Wildwest-Politik“ – oder doch für etwas ganz anderes?
Reitend ins Weiße Haus
„Trump spielt sicher mit dem ,zuerst schießen, dann Fragen stellen-Ethos“, sagt Stephen Aron, Historiker und Direktor des „Autry Museum of the American West“ in Los Angeles, im KURIER-Gespräch. „Wenn wir den Cowboy als stillen Typ begreifen, steht Trump allerdings in Kontrast dazu.“
Viel mehr habe Theodore Roosevelt (1858–1919), der 26. Präsident der Vereinigten Staaten, dazu beigetragen, das Image des Cowboys als Ur-Amerikaner zu zementieren: Wiewohl New Yorker, lebte Roosevelt zwei Jahre auf einer Ranch in North Dakota und stilisierte sich im Cowboy-Dress. Auch der zuerst als Schauspieler in Westernfilmen erfolgreiche Ronald Reagan (1911–2004) und der Texaner George W. Bush (Präsident von 2001–2009) pflegten das Cowboy-Image.
Tatsächlich seien die Landarbeiter, die in einer relativ kurzen Periode (grob zwischen 1865 und 1890) große Viehherden von noch uneingezäunten Weideflächen zu Verladestationen für Schlachthöfe in den Großstädten trieben, aber eine diverse Gruppe gewesen, erklärt der Historiker. Rund ein Viertel waren Schwarze, oft befreite Sklaven. „Sie arbeiteten meist in Teams – ein ,lonesome cowboy’ könnte nie eine Herde treiben. Und sie waren schlecht bezahlt“, sagt Aron. „Aber im Vergleich zu den Bedingungen, die Schwarze im US-Süden vorfanden, genossen Cowboys relative Freiheit.“
Die Identifikation von Cowboys mit gesellschaftlichen Randfiguren überlebte in den populären Mythen von „Outlaws“ und Rebellen – die „Make America Great Again“-Bewegung, die sich gern in Opposition zum urbanen Establishment begreift, hake hier ein, erklärt der Historiker: „Deshalb sieht man auf MAGA-Versammlungen relativ viele Cowboyhüte.“
Als Kristi Noem, Trumps Ministerin für Innere Sicherheit und vormalige Gouverneurin des Präriestaats South Dakota, jüngst mit einem solchen Hut vor die Presse trat, um die Erschießung der Zivilistin Renee Good durch ICE-Kräfte in Minneapolis zu verteidigen, zog sie prompt den Furor (und Spott) von Trump-Kritikern auf sich.
Queer und divers
Dennoch ist der Cowboy zu facettenreich, als dass er sich auf eine eindimensionale Sichtweise reduzieren ließe. Mehrere Filme machten die homoerotische Komponente zum Thema und öffneten das Feld für weibliche Charaktere („Even Cowgirls Get The Blues“, 1993; „Brokeback Mountain“, 2005). Das Erbe schwarzer Cowboys, in der Musik durch Stars wie Charley Pride, Darius Rucker oder Dom Flemons hochgehalten, betrat mit dem Album „Cowboy Carter“ von Beyoncé 2024 die Mainstream-Bühne. Das Autry Museum legte zuletzt mit einer Schau zu „Black Cowboys“ nach.
Die Institution wurde von Gene Autry (1907–1998) gegründet, der ab den 1930er-Jahren als „Singender Cowboy“ Ruhm erlangte. Autry verfasste auch einen „Cowboy Code“: So ein Ehrenkodex existiert heute in verschiedenen Versionen, denen jedoch eine Verpflichtung zu geradlinigem Anstand gemein ist: „Ein Cowboy schießt nie zuerst, zieht keinen ungerechten Vorteil, sagt immer die Wahrheit, ist sanft zu Kindern, Tieren und älteren Menschen“ – so lauten einige der Grundsätze.
Fotografin Behrend begegnete diesen Neo-Ritteridealen bei Westernfans häufig, sah sie aber nicht immer umgesetzt: „Oft ist es auch patriarchal, hat viel mit Unterdrückung zu tun, auch von Tieren“, sagt sie.
Breitbeinig und gerecht
Cowboy-Klischees böten heute Anknüpfungspunkte, um über Rollenvorstellungen zu reden, sagt die Regisseurin Sarah Gaderer, die mit der Choreografin Emmy Steiner ein Stück für Kinder im „Dschungel Wien“ entwickelte. Mit breitbeinigem Auftreten Raum zu nehmen, würde Buben etwa viel eher zugestanden als Mädchen – auch wenn sich junge Männer vielleicht gar nicht so sehr damit wohlfühlen. „Wir wollen eine Reflexionsebene aufmachen“, sagt Gaderer, die hofft, auch Brücken zwischen der mit Westernfilmen sozialisierten Großelterngeneration und heutigen Kindern bauen zu können.
Dass der hypermaskuline Cowboy infolge erhöhter Sensibilität für Kolonialismus- und Genderfragen in der Kritik steht, leuchtet Westernfans oft nicht ein. Gleichwohl entdeckt eine neue Generation Reiten und Rodeo als Form der Selbstermächtigung, sagt Museumschef Aron mit Verweis auf afroamerikanische Vereine wie „Urban Saddles“ oder „Compton Cowboys“ in Los Angeles: „Diese Leute sehen es als ihre Mission, ein Gefühl von Freiheit und Stärke in ihre Gemeinden zu bringen.“
Freiheit unter Druck
Im Autry Museum nahm man den Ehrenkodex des „singenden Cowboys“ bisher als Auftrag, sich mit Diversitätsfragen auseinanderzusetzen. Eine eigene Abteilung beschäftigt sich mit der Rückführung von Sammlungsgegenständen, die aus indigenem Besitz stammen.
Wiewohl überwiegend privat finanziert, musste man im Zusammenhang mit Trumps Feldzug gegen Diversität zuletzt auf staatliche Zuschüsse verzichten, erzählt der Direktor. Die Gruppe der Smithsonian-Museen steht anlässlich des Jubiläums „250 Jahre USA“ unter noch stärkerem Druck der Regierung. Es ist also alles andere als klar, wie und von wem das nächste Kapitel in der Geschichte des Cowboys erzählt wird.
Kommentare