Wallis Giunta
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Opern-Star Wallis Giunta: "Ich bin ein neugieriger Mensch"

Die kanadische Diva wird Anfang Juni eine Hauptrolle bei der letzten großen Premiere der Saison spielen: „Hoffmanns Erzählungen“, unter der Regie von Volksopern-Direktorin Lotte de Beer.

Covent Garden, Scala Mailand, Metropolitan New York, Sydney Opera House  – Wallis Giunta hat an allen großen Häusern der Welt gesungen. In Wien ist sie Anfang Juni in der letzten großen Opern-Premiere der Saison an der Volksoper zu sehen: „Hoffmanns Erzählungen“. 

Mit der freizeit spricht sie über ihre überraschend aktuelle „Transgender“-Rolle im Stück, warum Oper in Wien etwas ganz Besonderes ist – und wie sie überhaupt nach Österreich kam. 

Wallis Giunta

Vor vier Jahren holte Direktorin Lotte de Beer Wallis Giunta an die Volksoper – ein großes Glück für Opernfans

©tim dunk

Sie spielen die, meiner Meinung nach, faszinierendste Rolle in „Hoffmanns Erzählungen“: Die Muse, eine Frau, die sich relativ früh in einen Mann, nämlich Nicklausse, den besten Freund des Helden Hoffmann, verwandelt ... 

Ja, das klingt erstaunlich aktuell, nicht? Er, sie, „es“  verändert sich nach Belieben! Aber die Idee dahinter ist sehr alt, das taten schon die antiken griechischen Göttinnen. Und sie ist ja auch eine Göttin, eine Muse. Wobei wir hier unterscheiden müssen zwischen dem, was im täglichen Sprachgebrauch Muse genannt wird:  Also eine – meistens – Frau, die einem – meistens – männlichen Künstler als Inspiration dient. Und der klassischen Definition: Nämlich eine Göttin, die dem Gott Apollo zur Seite steht und aktiv hilft, Kunst zu schaffen. So eine ist die Muse in Hoffmanns Erzählungen. Und im speziellen Fall bin ich noch relativ neu in meinem „Job“, und brauche unbedingt einen Erfolg.

Hoffman soll also zum Dichter werden. Die Mittel scheinen nicht immer ganz ... selbstlos. Sie bringt ihn dazu, Dinge zu tun, die seinem Liebesleben nicht zuträglich sind. Fördert die Muse  den Poeten – oder sabotiert sie den verliebten Mann?

Na ja, die Muse nimmt ihren „Job“ sehr ernst. Und es ist ja auch die Frage: Wie verliebt ist Hoffmann denn tatsächlich in diese drei, oder eigentlich vier, Frauen? Oder sind es nicht eigentlich seine Wunschvorstellungen einer Frau, in die er verliebt ist? Das Püppchen, die romantische, von ihrem Vater unterdrückte Tochter, die Kurtisane – und am Schluss die Opern-Diva, der Star? Hoffmann ist ein Narzisst, und die Muse muss ihn dazu bringen, dass er das erkennt. Weil erst dann kann er als Künstler wirklich etwas erschaffen.

Das stimmt, die großen Frauenfiguren der Oper, also die Puppe Olympia, die Tochter Antonia und die Prostituierte Giulietta sind zweidimensional. Männliche „Idealbilder“ von Frauen. Wie gesagt, Ihr Charakter ist der spannendste – weil er eben Charakter hat! Aber täuscht es mich oder ist  doch so etwas wie Eifersucht im Spiel, wenn die Muse dem armen Hoffmann am Ende auch noch die Sache mit der Opern-Diva Stella vermiest?

(lacht) Ja, das könnte man tatsächlich so interpretieren – in manchen Versionen. Aber es gibt ja so viele, schon von Offenbach selbst! Die Oper wurde immer wieder verändert, ganze Akte gestrichen, dann wieder hinzugefügt. In unserer Version ist Hoffmann in Stella nur deshalb verliebt, weil er sie eben als Star auf der Bühne gesehen hat und sich einbildete, dass sie „für ihn“ singt. Wie gesagt, er ist ein ganz schöner Narzisst. Bei uns ist  Stella mit Hoffmanns „Rivalen“ Lindorf liiert. Und der ist auch keineswegs das „personifizierte Böse“. Das wird er nur in Hoffmanns Vorstellung – und der ist in diesem Fall ein „unzuverlässiger Erzähler“, wie es so schön heißt.

Das klingt ausgesprochen spannend! Regie führt die Direktorin selbst: Lotte de Beer. Man darf sich also auf ganz großes Musiktheater freuen. Sie kam ja in der Saison 22/23 nach Wien. Im selben Jahr wie Sie. Besteht da ein Zusammenhang?

Doch, tatsächlich. Wir haben seit 2018 immer wieder zusammen gearbeitet. Und als sie in Wien Direktorin wurde, hat sie mich angerufen und gefragt, ob ich mitmachen will. Sie wollte hier etwas Neues aufbauen. Ich fand das sehr spannend, obwohl ich eigentlich Festengagements meistens vermieden hatte, weil ich sehr gerne die unterschiedlichsten Projekte mache. Aber erstens kann ich das an der Volksoper auch – ich sag nur „Killing Carmen“, zum Beispiel. Und zweitens hatte ich damals gerade mein erstes Kind bekommen. Und so aufregend das Leben als „freie“ Künstlerin ist – mit einem Kind verschieben sich die Prioritäten. Und Wien ist wirklich eine unglaublich tolle Stadt! 

Es war also der richtige Anruf zum genau richtigen Zeitpunkt. Glück  für uns! Die Volksoper hat sich in den letzten Jahren zu einem der aufregendsten Häuser Europas entwickelt – das auch sehr viele junge Menschen, sogar Teenager anzieht. Wie „elitär“ ist Oper in Ihren Augen? 

Hm, das ist kulturell sehr unterschiedlich. Ich komme aus Kanada. Dort – und auch in den USA – ist klassische Musik ein echtes Nischengenre.  Nur ein kleiner Prozentsatz der Menschen in jeder Stadt interessiert sich dafür.  In Europa hingegen, und ganz besonders  in Wien,  ist klassische Musik ein so wichtiger Teil des kulturellen Erbes. Hier muss und darf ich davon ausgehen, dass die Menschen im Publikum die Oper in der ich singe schon öfter als nur einmal gehört haben. Und auch davon, dass sie  mich mit anderen Interpretinnen, die sie kennen, vergleichen!

Setzt das einen Künstler nicht fürchterlich unter Druck?

Druck ja – aber in positiver Weise. Es ist eine Herausforderung. Und ich liebe Herausforderungen.

Wallis Giunta

„Der erste Song, den ich als Kind singen konnte, war ,Come as You are’ von Nirvana.“ Wallis Giunta

©Tim Dunk
Apropos Herausforderung: Sie haben vorhin „Killing Carmen“ angesprochen. Da mussten Sie kurzfristig einspringen. Wie war das für Sie?
Ja, Katia Ledoux hatte sich verletzt und plötzlich musste ich ran.  Günther Eckes, der die männliche Hauptrolle spielte, musste ebenfalls einspringen – es waren drei wirklich intensive Probentage. Aber vielleicht war es gut, dass wir BEIDE neu waren, es neu erarbeiten mussten ...

Es war jedenfalls ein fantastischer Abend. Es war auch unglaublich mitzuerleben, wie mühelos Sie von Opernstimme zu Musical und Pop übergehen können.

Ja, es war ein Mix aus Oper, Pop, Jazz, Musical ... Natürlich hilft es auch, dass ich in den letzten Jahren das Glück hatte, ziemlich viel südamerikanische Musik zu singen – zum Beispiel Piazzollas Maria de Buenos Aires. Ich glaube, das hat mir geholfen, mich schnell in diesen großartigen musikalischen Stil der Bearbeitung von Carmen einzufinden, die unser musikalischer Leiter Gabriel Cazes für Killing Carmen geschaffen hat. Auf jeden Fall würde ich mich riesig freuen, so oft wie möglich mit dem gesamten Carmen-Team – Gabi, Nils und Lukas – zusammenzuarbeiten. Ihre Art, Perspektiven auf Dinge zu verschieben, von denen wir überzeugt sind, sie in- und auswendig zu kennen, ist wirklich einzigartig.

Weil wir gerade bei Ihrer wandelbaren Stimme sind: Sie singen Operette und Musical, Mozart – aber auch Barockmusik, Richard Strauss, Gospel, Folk  und zeitgenössische Komponisten. Wäre es karrieretechnisch nicht zielführender, sich in EINEM Genre zu etablieren?

Vielleicht, ja.   Ich liebe Barock-Oper, ja – aber mich nur darauf zu spezialisieren? Nein, das möchte ich nicht. Auch wenn das natürlich der übliche Weg wäre, sich einen Namen zu machen. Aber ich liebe eben auch Mozart, Strauss, Weill – und Musical, Operette, Folk oder Gospel. Es gibt einfach so viele großartige Ausdrucksweisen der Musik. Dazu gehört auch zeitgenössische E-Musik!

Stimmt, Sie haben tolle Kritiken bekommen für Ihre Interpretationen von John Adams’ „I was Looking at the Ceiling and then I saw the Sky“ und Missy Mazzolis „Breaking the Waves“. Und ganz nebenbei singen Sie Wagner. Wie geht das?

(lacht) Aber ich singe nur die „leichten“ Wagner-Mädchen. Walküren, Rheintöchter und so. Die großen Heldinnen vielleicht in ein paar Jahren, wer weiß. Wie das geht? Ich denke, ich bin einfach ein sehr neugieriger Mensch. In dem Sinn, dass ich gerne neue Dinge kennenlerne, neue Erfahrungen mache – entdecke!

Wie wurden Sie überhaupt zur Opernsängerin? Normalerweise haben Teenager ganz andere Role-Models  ...

Stimmt. Mein Vater war Radio-DJ mit Fokus auf Indie-Rock. Der erste Song, den ich als Kind singen konnte, war „Come as You are“ von Nirvana. Aber er hatte eben auch CDs von Maria Callas. Und zu denen habe ich dann auch sehr früh zu singen begonnen. Und irgendwie wurde daraus meine Bestimmung ...

Wallis Giunta wurde am 29. Dezember 1985 in Ottawa, Kanada, geboren. Sie besuchte nach ihrer Gesangsausbildung an der „Glenn Gould School“ in Toronto die renommierte  „Juilliard School“. Als Mezzosopran sang sie unter anderem an der New Yorker Met, der Mailänder Scala und in Covent Garden. 2018 wurde Bernsteins „Trouble in Tahiti“ mit ihr verfilmt.  

Andreas Bovelino

Über Andreas Bovelino

Redakteur bei KURIER freizeit. Ex-Musiker, spielte in der Steinzeit des Radios das erste Unplugged-Set im FM4-Studio. Der Szene noch immer sehr verbunden. Versucht musikalisches Schubladendenken zu vermeiden, ist an Klassik ebenso interessiert wie an Dance, Hip-Hop, Rock oder Pop. Sonst: Texte aller Art, von philosophischen Farbbetrachtungen bis zu Sozialreportagen aus dem Vorstadt-Beisl. Hat nun, ach! Philosophie, Juristerei und Theaterwissenschaft und leider auch Anglistik durchaus studiert. Dazu noch Vorgeschichte und Hethitologie, ist also auch immer auf der Suche einer archäologischen Sensation. Unter anderem.

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