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Burgschauspieler Justus Maier: "Ich war ein wütender Jugendlicher"

Shootingstar Justus Balamohan Maier ist am 29. 1. in einem urösterreichi- schen Klassiker zu sehen: Nestroys „Zu ebener Erde und erster Stock“.

Umstrittenes Stück – ein eindeutiger Sieger: Justus Balamohan Maier lieferte am Burgtheater in „Die Kopien“ eine schauspielerische Tour de Force ab, die einhellig Begeisterung fand. Als Liebhaber Adolf in „Zu ebener Erde ...“ wagt sich der junge Deutsche jetzt an ein Stück Wiener Seele.   

Mit der freizeit sprach er über Dialekt, den Sound einer Stadt - und die Kraft der Musik. 

Wie nähert man sich als deutscher Schauspieler einer österreichischen Institution wie Johann Nestroy an?

Respektvoll? (lacht) Also ja, ich hab schon von Kolleginnen gehört: „Das ist Österreichisch, das kannst du doch gar nicht!“, und so. Aber ich hab mit dem Regisseur Bastian Kraft schon in Köln Herta Müllers „Atemschaukel“ gemacht und wollte unbedingt wieder mit ihm arbeiten. Und ich war mir sicher, dass er mich nicht für etwas besetzt, wo’s dann hinten und vorne nicht passt. Er hat mich dann auch beruhigt, denn der Adolf, den ich spiele, spricht nicht wirklich Dialekt, sondern österreichisches Hochdeutsch.

Sie sind jetzt seit über einem Jahr an der Burg – wie steht’s generell mit Ihrem Wienerisch? Melanzani und Paradeiser kennen Sie inzwischen?

Auf jeden Fall, ja! Ich mochte es  schon in Leipzig, wo ich studiert habe, oder dann in Köln, die Sprache der Stadt zu hören, diesen  eigenen Sound. Und das ist in Wien nicht anders. Ich glaube auch, man sollte sich wirklich dafür interessieren, wenn man in einer Stadt wohnt, sich dort zu Hause fühlt. Es dauert aber ein wenig, bis es  wirklich abfärbt. Man muss  üben und möglichst viel mit Menschen sprechen, die diese Färbung haben, in der Kantine, in Geschäften. Gestern habe ich ein interessantes neues Wort gelernt aus meinem Nestroy-Text: „durchkabatschen“.

Wie?!
Durchkabatschen. Haben Sie das schon mal gehört?

Noch nie! Was heißt das?

So richtig in die Mangel nehmen, glaub ich. „Ausdiskutieren“ . Ich spiele ja nicht nur den Adolf, sondern auch einen der Diener, den Friedrich, und der hat einen „Wickel“ mit dem anderen Diener...
Wie sieht’s mit Nestroys berühmtem Extemporieren aus, also dem spontanen Einbauen neuer Textzeilen in die Couplets, die sich dann auf aktuelle Zustände bezogen, oft auch persönliche Animositäten behandelten?

Bastian Kraft, der diese Couplets bearbeitet hat, hat uns schon darauf hingewiesen, dass hier immer auch ein bisschen Raum bleibt, um Positionen zu wechseln und einander zu überraschen. Aber viel mehr will ich vor der Premiere dazu nicht sagen ... Man stellt sich ja auch immer die Frage: Darf man das machen mit dem Nestroy?

Ich denke, er hätte das von jeder Aufführung nach ihm erwartet!
Oh, wirklich?! Das wäre toll.

Das Stück war damals ja auch – oder vor allem – wegen der spektakulären Bühne eine Sensation. Also die beiden Ebenen des Hauses, in dem sich alles abspielt.

Ja, das ist aber auch immer noch sehr cool. Dazu kommen bei uns  zeitgemäße Elemente wie Videoprojektionen und dazu eben die Texte, die ja auch heute noch richtig flippen, die so aus der Hüfte kommen, rasant sind. Und die Problematik „arm und reich“ ist ja ohnehin heute so aktuell wie zu Nestroys Zeiten. Ich selbst kann mich  an dieses Gefühl erinnern „Ach, die sind eh zu gut für mich, da komm ich nie rein, da gibt’s niemanden für mich“. Dieses Gefühl steckt auch in Adolf.

Burgschauspieler Justus Balamohan Maier

Burgschauspieler Justus Balamohan Maier

©TOMMY HETZEL
Genau, und deshalb bekommen Sie das Mädel nicht, weil Sie zu denen „unten“ gehören, obwohl Sie durch Ihre Sprache auch dort ein Fremdkörper sind.

Stimmt. Und die Bühne tut da auch für uns Schauspieler ihre Wirkung. Weil’s eben einen Unterschied macht, ob man auf der  unteren Ebene spielt, wo man eingeschränkt ist, nicht nur durch die relativ niedrige Decke, sondern auch, weil man sich nur in bestimmten Bereichen bewegen darf, um auch vom Rang aus  gesehen zu werden. Oder oben, wo man sich  dagegen frei fühlt. Das ist nicht fair – aber so ist das Leben oft auch heute noch.

Nestroy galt zu seiner Zeit als Frauenheld und Spieler. Hätten die Deutschlehrer ihn uns Jung-Boomer unter diesem Aspekt nähergebracht, hätten wir wohl besser zugehört, weil wir das cool fanden. Wie gehen Millennials und Gen Z mit diesen inzwischen doch in Verruf gekommenen Eigenschaft um?

Ja, dieses Klischee vom Frauenheld und so …  Er ist Autor und natürlich muss nicht immer alles wirklich passiert sein, was ein Autor erzählt, damit es glaubwürdig ist. Er ist ja auch Beobachter. Aber man muss das Leben schon leben, um es erzählen zu können, denke ich.

Ein wenig wie ein Rockstar? Apropos, Sie haben mit Ihrer Band Helga Weiss auch erfolgreich Musik gemacht ... 

(lacht) Na ja, wir haben drei Singles herausgebracht. Und ja, „Karies“ war sogar auf der New-Music-Friday-Playlist von Spotify, mitten zwischen den neuen Releases von John Mayer und allem, was eben groß ist. 

Das war in Köln, wo Sie nach der Schauspielschule Ihr erstes Engagement hatten. Gespielt haben Sie aber schon zuvor.

Ja, von 15 bis zum Abitur hatte ich meine erste Band. Die Ärzte waren für mich ein großer Einfluss. Aber auch alte Bands wie Deep Purple und Led Zeppelin, die ich von meinem Vater kannte. Rockmusik spielte dann eine große Rolle, als ich viel im Skaterpark abgehangen bin. Ich war ein wütender Jugendlicher, würde man heute sagen. Und die Wut musste irgendwo hin, da hat mir die Musik geholfen. 

Wie sind Sie von der Musik zum Schauspiel gekommen?

Sich auf der Bühne ausdrücken zu dürfen, ist eine großes Geschenk. Und das war wohl sehr früh eine große Sehnsucht von mir... 

Sind die Klassiker für junge Schauspieler heute auch noch so ein oberstes Ziel –  „sein oder nicht sein“? 

Ich glaube ja. Ich hoffe! Den Jago aus Othello würde ich persönlich gerne machen. Als Student hab ich den schon einmal zum Vorsprechen einstudiert mit Kollegen aus Köln. Das war eine geile Arbeit. Ich bin ja ein lieber Kerl – umso reizvoller ist es, in die Rolle eines Bösewichts zu schlüpfen. Franz Moor wäre natürlich auch ein großer Wunsch. 

Beate Maly

Bestseller-Autorin Beate Maly

©kurier/Martin Winkler

Und was würde sie letztendlich machen?

Sie würde wohl Kunst studieren, denke ich. Vielleicht später Karikaturen zeichnen, ganz, ganz freche. Unter ihrem eigenen Namen, ohne Pseudonym. Das wäre für sie wohl ein unglaublich tolles Gefühl. 

Die Lebensspannen mancher ihrer Protagonisten überschneiden sich doch einigermaßen. Der Jahrhundertwende-Kommissar Felix Zack, über den wir leider überhaupt noch nicht gesprochen haben, wäre zum Beispiel ein ideales Bindeglied für Aurelia und Ernestine. Reizt es Sie nicht, Ihre Helden und Heldinnen in einem Roman zusammenzubringen?

(lacht) Stimmt, daran habe ich überhaupt noch nie gedacht. Aber es ist eine wunderbare Idee!

Andreas Bovelino

Über Andreas Bovelino

Redakteur bei KURIER freizeit. Ex-Musiker, spielte in der Steinzeit des Radios das erste Unplugged-Set im FM4-Studio. Der Szene noch immer sehr verbunden. Versucht musikalisches Schubladendenken zu vermeiden, ist an Klassik ebenso interessiert wie an Dance, Hip-Hop, Rock oder Pop. Sonst: Texte aller Art, von philosophischen Farbbetrachtungen bis zu Sozialreportagen aus dem Vorstadt-Beisl. Hat nun, ach! Philosophie, Juristerei und Theaterwissenschaft und leider auch Anglistik durchaus studiert. Dazu noch Vorgeschichte und Hethitologie, ist also auch immer auf der Suche einer archäologischen Sensation. Unter anderem.

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