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David Schalko: Was der "Braunschlag 1986"-Schöpfer privat liest

David Schalko ist einer der wichtigsten Filmemacher Österreichs. In der KURIER freizeit verrät er, welche Bücher ihn geprägt haben.

Mit "Braunschlag" landete David Schalko 2012 einen TV-Hit. Während wir am 20./21. März die zwei Fortsetzungs-Episoden Braunschlag 1986 in Spielfilmlänge schauen, wird er vielleicht lesen – denn Bücher sind seine Begleiter im Alltag. Der Kurier freizeit hat der Braunschlag-Regisseur seine Bibliothek zu Hause gezeigt und verraten, welche Bücher ihm wichtig sind und ihn inspirieren. 

Intelligent inszenierten Wahnsinn zu erzählen, ist seit Jahrzehnten David Schalkos Erfolgsrezept. Und so nennt man ihn in einem Atemzug mit Kultsendungen und -filmen wie Sendung ohne Namen, Aufschneider mit Josef Hader und natürlich jener Provinzserie, die jetzt als "Braunschlag 1986" weitergeht. In derselben Besetzung rund um Robert Palfrader und Nicholas Ofczarek. Wir wollen wissen: Was liest jemand, der den absurden Humor derart beherrscht? 

Mit Pippi Langstrumpf fing für den Regisseur von "Braunschlag" alles an

"Es ist vermutlich eines meiner ersten Bücher, wo mehr Buchstaben als Bilder drin waren", sagt der Autor, Produzent und Regisseur über Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf. "Sie hat mich wegen ihres Widerstands gegen Konventionen gefesselt. Ich habe mich als Erwachsener oft gefragt, was wohl aus Pippi Langstrumpf geworden wäre. Würde sie vereinsamt in ihrem Haus als Junkie wohnen? Wäre sie eine Art Querdenkerin geworden? Oder Schwurblerin? Oder wäre sie gar konservativ verheiratet? Sie regt noch immer meine Fantasie an."

"Tief berührt" hatte ihn als Jugendlicher der Roman Der Fänger im Roggen von J.D. Salinger. "Weil die Sprache und der Blick auf die verdorbene Welt der Erwachsenen eine zerbrechliche Form der Rebellion war.“ Das Buch habe Schalkos Empfinden widergespiegelt und bis heute nichts von seinem Charisma eingebüßt. "Selbst meine Tochter hat es als Jugendliche mit der gleichen Faszination gelesen. Was man von Hermann Hesse vielleicht nicht mehr behaupten kann."  

Bücher – in Wohnung und Büro verteilt, weil schlicht zu wenig Platz  ist – nennt Schalko seine wichtigsten Begleiter im Alltag. Manchmal liest er kurz rein. Manchmal legt er sie neben das Bett. Manchmal stellt er sie um, weil sie sich mit anderen Nachbarn besser vertragen. 

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Lesen ist für den Filmemacher und Schriftsteller Alltag

©nicole albiez

Ansonsten mag Schalko es, wenn seine Bücher in jeder Größe ins Regal hineinpassen. Und geht es um die Bücher selbst, sei ihm mit zunehmendem Alter wichtig, dass sie groß genug gedruckt sind. "Da haben wir Peter Handke viel zu verdanken. Ich wünschte, viele andere Autoren wären in einer solchen Seniorenschriftgröße gesetzt. Wobei es ja bei Suhrkamp eine eigene Edition dahingehend gibt. Eine tolle Sache." 

"Durch Borroughs habe ich begriffen, dass eine Erzählung wie ein Virus funktioniert, der sich langsam im Leser ausbreitet und erst zeitversetzt seine Symptome entwickelt.“

David Schalko zu Naked Lunch von William S. Burrough

David Schalko entdeckte eine neue Welt mit Naked Lunch

Als Filmemacher (z. B. "Kafka") und Romanautor (zuletzt "Was der Tag bringt") gehört das Geschichtenerzählen ebenfalls zu seinem Alltag. Literatur wie Naked Lunch von  William S. Burroughs kann da neue Welten öffnen. 

"Seither ist Burroughs für mich ein immer wieder angefahrener Hafen. Durch ihn habe ich begriffen, dass eine Erzählung wie ein Virus funktioniert, der sich langsam im Leser ausbreitet und erst zeitversetzt seine Symptome entwickelt." Burroughs Roman habe mit Kommerzliteratur nichts zu tun. "Als ich ihn erstmals gelesen und laut aufgelacht habe, konnte ich gar nicht glauben, dass so etwas gedruckt wird." 

"Dass einem Literatur so nahe gehen kann, dass sie das eigene Umfeld quasi so literarisiert, hat mir klar gemacht, was relevante Literatur ausmacht."

David Schalko

Nah an der Wiener Lebenswelt mit Thomas Bernhard

Thomas Bernhard wiederum hat für Schalko die Art von Freiheit repräsentiert, die er von einem Schriftsteller erwartet. „Er war nicht von parteipolitischen Tendenzen durchfressen wie die meisten Autoren in Österreich.“ Zudem schrieb er, was mit Schalkos Wiener Lebenswelt zu tun hatte. „Er wohnte ums Eck in der Obkirchergasse. In seiner Literatur kamen Orte und Personen vor, die ich kannte. Dass einem Literatur so nahe gehen kann, dass sie das eigene Umfeld quasi so literarisiert, hat mir klar gemacht, was relevante Literatur ausmacht. Dass sie immer mit einem selbst zu tun haben muss.“

Schalkos erstes selbst gekauftes Buch

Erinnert sich der Filmemacher an das erste Buch, dass er sich selbst gekauft hat? "Ich glaube Der Fremde von Albert Camus war eines der ersten Bücher, die ich mir von meinem eigenen Geld gekauft habe. Und ich habe es bestimmt drei Mal in der gleichen schönen roten Rowohlt-Taschenbuch-Ausgabe gelesen." 

Und welches Buch hat er besonders gerne verschenkt? Mordecai-Richler-Bücher, weil ihn hierzulande kaum jemand kannte. "Aber ich missioniere eigentlich nicht mit Buchkäufen. Ich versuche jemandem ein Buch zu schenken, von dem ich glaube, dass es ihm oder ihr gefallen könnte. Zum Glück kenne ich fast nur sehr unterschiedliche Leute."

Was ein Bücherregal über Menschen verrät

Für manche ist Ihr Regal etwas sehr Persönliches, Sie wollen es nicht gerne herzeigen, kann David Schalko das erklären, es verstehen? "Klar, wenn ich in eine Wohnung komme, dann mustere ich auch sofort das Bücherregal. Aus Neugier. Aber natürlich verrät es viel über einen Menschen. Seine Gedankenwelt, sein Inneres. Und wenig wird so gern beurteilt wie ein Bücherregal. Man sollte nicht sagen: Don´t judge a book by ist cover, sondern Don´t judge people by their books."

David Schalkos Buchtipps

Diese Bücher haben David Schalko geprägt:

  • Astrid Lindgren: Kinderbuchreihe Pippi Langstrumpf
  • J.D. Salinger: Der Fänger im Roggen
  • William S. Bourroughs: Naked Lunch
  • Albert Camus: Der Fremde
Annemarie Josef

Über Annemarie Josef

stv Chefredakteurin KURIER Magazin freizeit. Lebt und arbeitet seit 1996 in Wien. Gewinnerin des Hauptpreises/Print bei "Top Journalist Award Zlatna Penkala (Goldene Feder)" in Kroatien. Studium der Neueren Deutschen Literatur in München. Mein Motto: Das Leben bietet jede Woche neue Überraschungen.

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