Alfons Haider: „Die Zeiten verändern sich wieder zum Schlechten“
Alfons Haider über „Ein Käfig voller Narren“, die Seefestspiele Mörbisch, die Kunst der Travestie und seinen letzten Shitstorm.
Hitze und High Heels. Mit beidem hat Alfons Haider derzeit umzugehen. Denn wenn am 16. Juli das Kultmusical „Ein Käfig voller Narren“ bei den Seefestspielen in Mörbisch Premiere feiert, sind einerseits hohe Sommertemperaturen zu erwarten, zum anderen ein schillerndes Showballett, das mit aufwendigen Tanzszenen beeindruckt. In der Hauptrolle: Alfons Haider selbst, der gleichzeitig Mörbisch-Intendant ist, und damit von der größten Open-Air-Musicalbühne Europas, die 3.600 Quadratmeter misst. Erzählt wird die Geschichte des homosexuellen Paares Georges und Albin, die den Travestie-Club La Cage aux Folles (so auch der Originalname des Musicals) in Saint-Tropez betreiben. Als Georges’ Sohn die Tochter eines erzkonservativen Politikers heiraten will, schlüpft Albin in die Rolle der „Mutter“. Es entwickelt sich eine bunte Verwechslungskomödie, die Toleranz und Lebensfreude groß schreibt.
„Ich bin, was ich bin“ heißt der Riesenhit und das Motto von „Ein Käfig voller Narren“ – ganz Ihre Rede?
Es ist nur ein einfacher Satz, und doch so treffend formuliert. Nämlich, dass niemand für einen entscheiden sollte, wen man liebt, ob schwarz oder weiß, Frauen oder Männer, oder beides. Ich bin, was ich bin – das ist eine Frage der Menschenrechte, im Stück bezieht es sich auf die sexuelle Orientierung zwischen zwei Männern. Das Stück ist mehr als 40 Jahre alt. Das damals zum Thema zu machen, war mutig.
Das Stück ist ein Plädoyer für Toleranz, damals war es auch eine Provokation. Ein Zeichen dafür, dass sich die Zeiten doch manchmal zum Besseren verändern?
Nun, im Moment verändern sich die Zeiten wieder sehr zum Schlechten. Auch in Westeuropa. Wir merken, dass die starke Rechte und die Reaktionären wieder in Frage stellen, ob man etwa zwei gleichgeschlechtlichen Personen ein Kind anvertrauen kann oder ob eine Hochzeit erlaubt sein soll. Ein Zeichen dafür, dass es wieder wichtig ist, dieses Stück zu spielen.
Was sind die Stärken des Musicals?
Das Stück ist mahnend, ohne den Zeigefinger zu erheben. Gleichzeitig ist es eine der unterhaltsamsten Musiktheaterkomödien, die es gibt. Eine Pointe jagt die andere. Die Musik ist ein Ohrwurm. All das ist unwiderstehlich entwaffnend. Viele, die sich vorher gedacht haben: Männer in High Heels, das interessiert mich nicht, können sich dem Sog des Stücks nicht entziehen. Gerade Menschen, die dem Thema skeptisch gegenüberstehen oder in ihrem Umfeld keine Berührungspunkte mit schwulen, lesbischen oder Transmenschen haben, kann ich einen Besuch nur empfehlen. Sie werden fasziniert sein. Und vielleicht mit einem anderen Blick auf das Thema nach Hause gehen.
Feiern in Mörbisch am 16. Juli Premiere: Mark Seibert und Alfons Haider in „Ein Käfig voller Narren“
©Wasserbauer GerhardSie haben das Stück vor 18 Jahren bereits einmal gespielt. Was ist heute anders?
Es ist vor allem eine Frage der Kraft. Damals war ich bedeutend jünger. Heute bei Temperaturen zwischen 34 und 40 Grad Celsius auf der Bühne zu stehen strengt sehr an. Der Boden heizt sich auf und schleudert die Wärme zurück. Unsere Bühne ist momentan die größte Grillplatte Österreichs, man wird von unten wie oben gegart. Dafür muss ich viel Kraft und Disziplin aufwenden.
Und Ihr Rollenverständnis?
Damals war die Zaza deutlich erotischer angelegt. Jetzt interpretiere ich die Rolle zurückhaltender. Ich bin jetzt eher der Wesenstyp „liebende Mutter“. Trotzdem hat die Zaza von ihrer Pfiffigkeit nichts eingebüßt. Und sie liebt den großen Auftritt: Wenn ich im roten Kleid auf die Bühne gehe, werde ich zur Lady Gaga von Mörbisch. Zumindest optisch. (lacht)
„Ein Käfig voller Narren“ lebt von der Komik, der Musik und von der Kunst der Travestie. Wie reizvoll finden Sie es, sich in jemand anderen zu verwandeln?
Ob ich mich in einen Mörder, in den Prinzen Hamlet oder Daniel Kaffee in „Eine Frage der Ehre“ verwandle, macht als Schauspieler für mich wenig Unterschied. Privat habe ich mit Travestie nichts am Hut, das war nie meins. Das ist einfach eine Bühnenfigur, für die ich lernen musste, auf High Heels zu gehen und für die ich eineinhalb Stunden in der Maske sitze, um mich in sie zu verwandeln. Aber ich habe tiefsten Respekt vor der Travestie. „Ein Käfig voller Narren“ ist Travestie ohne Vollplayback, bei uns wird live gesungen. Das hat große Kraft.
Wenn ich angefeindet werde, dann meistens aus der Community. Jedes falsche Wort wird da schnell zum Skandal aufgebauscht.
Wie ging es Ihnen damit, vor Ihrem Outing lange Zeit vorzugeben, jemand anderer zu sein?
Ich gehöre noch zu einer Generation, die erlebt hat, dass Homosexualität in Österreich strafbar war und Menschen dafür ins Gefängnis gekommen sind. Dieses Sich-Verstecken und diese Angst, das prägt einen. Der heutigen Jugend ist leider oft in Vergessenheit geraten, wie hart für diese Freiheit gekämpft wurde, von Gery Keszler, Günter Tolar und mir etwa, und auch jenen, die heute nicht mehr leben. Die Freiheit wird als Selbstverständlichkeit angesehen. Ist sie aber nicht.
Früher wehte ein schärferer Wind.
Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten so viel erreicht. Und ich hoffe, dass die nachfolgenden Generationen nicht wieder auf die Straße gehen müssen, um für ihre Rechte zu kämpfen. Ich bin Optimist, aber wenn man die Entwicklungen in der Welt beobachtet, kann man zum Pessimisten werden. Speziell bei älteren Menschen, die diese schlechten Zeiten noch selbst erlebt haben, spüre ich, wie die Angst wächst, dass sich die Geschichte wiederholen kann.
Werden Sie heute wegen Ihrer Homosexualität wieder vermehrt angefeindet?
Wenn ich angefeindet werde, dann meistens aus der Community. Da wird auf jedes Wort und jede Silbe, die man sagt, genau geschaut, und wenn man etwas findet, wird sehr scharf reagiert und das zum Skandal aufgebauscht. Ich habe mich aus dieser Szene relativ zurückgezogen, weil ich der Meinung bin, ich habe in meinem Leben genug für die Sache gekämpft. Was aber nicht heißt, dass ich nicht sofort wieder mitmachen würde, wenn es an der Zeit ist, diese Rechte zu verteidigen.
Man kann es nicht allen recht machen. Ich bin auch nicht auf der Welt, um es allen recht zu machen.
Durch Ihre Aussage in einem Podcast, dass Political Correctness und die vielen Gender-Bezeichnungen Sie nerven, haben Sie kürzlich die Community verprellt.
Nicht die Community, sondern eine Gruppe, die man an zehn Fingern abzählen kann und die in den Sozialen Medien mit ihren Followern eine gewisse Macht hat. Ich habe dann selbst mit einem Posting reagiert, das mehr als 150.000 Leute gesehen haben – und dafür nur positive Reaktionen aus der Community erhalten. Man hat mir recht gegeben und sich gewundert, dass wir, die immer für gleiche Rechte für alle gekämpft haben und dass alle alles sagen und leben dürfen, auf einmal selbst aufeinander einhauen.
Warum hat sich diese Diskussion über Ihre Aussage so emotionalisiert?
Ich habe, mit Verlaub, nichts anderes gefordert, als den Menschen mehr Zeit zu geben, sich mit den unterschiedlichen Geschlechteridentitäten auseinanderzusetzen. Gesellschaftlicher Wandel funktioniert nicht von heute auf morgen. Um die Gleichstellung von homosexuellen Menschen zu erreichen, hat es 50 Jahre lang gedauert. Warum sollte so ein Wandel dann innerhalb von nur zehn Jahren klappen? Das geht nicht so schnell wie einen Lichtschalter umzulegen. Das muss man erlernen, das braucht Zeit. Und das sind manche nicht bereit zu akzeptieren und daher folgen diese scharfen Reaktionen. Aber ich weiß, dass die Community, auf die ich Wert lege, zu mir gestanden ist.
Haben die Reaktionen Sie gekränkt?
Es hat mich schon verletzt. Ich habe mich gefragt, wie es sein kann, dass ich – nachdem ich ein Leben lang für unsere Sache eingestanden bin – plötzlich als jemand dastehe, der seine Überzeugungen geändert hat. Sagen wir so, viele Online-Reaktionen nerven mich. Umso schöner waren die Begegnungen auf der Regenbogenparade in Wien. Dort haben mir viele gesagt – Schwule wie Heteros: „Sie haben völlig recht. Lassen Sie sich nix gefallen.“ Ich habe immer gesagt: Man kann es nicht allen recht machen. Und ich bin auch nicht auf der Welt, um es allen recht zu machen. Ich muss den Weg gehen, der sich für mich richtig anfühlt, und für jene Menschen, die an mich glauben und die mir vertrauen.
Sie haben in Mörbisch eine Doppelrolle: Sie spielen im Stück die Hauptrolle und Sie sind Intendant. Fahren Sie Sparkurs?
Es ist immer darüber diskutiert worden, ob ich in Mörbisch selbst auf der Bühne stehen werde oder nicht. Für mich war diese Rolle ein Herzenswunsch. Der Regisseur hat zu mir gesagt, das Schöne an meiner Zaza sind ihre Sensibilität und ihre Zerbrechlichkeit. Ich glaube, das konnte ich vor 20 Jahren, als ich die Rolle gespielt habe, noch nicht so glaubhaft verkörpern.
Das Showballett der Cagelles ist eine schillernde Truppe. Wie wild wird’s?
Es wird sexy, aber kein Nacktspektakel. Die Frauen bewundern meistens die schönen Beine der Männer. In meinem Fall antworte ich immer, die sind „made beim lieben Gott“. Aber auch Kinder werden das Stück lieben: Es gibt viele lustige Charaktere, tolle Kostüme und alles ist einfach ein riesengroßer Spaß. Es geht um zwei Männer, die sich lieb haben und einen Sohn großziehen. Die Message ist: Die Liebe kennt viele Wege.
Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass – wie im Stück – eines Tages ein Spross aus einer vergangenen Liaison vor Ihrer Tür steht, eine „Jugendsünde“?
Wenn das so wäre, würde ich es nie zugeben. Nicht, um mich zu schützen, sondern um diese Person zu schützen.
Sie sagen das so ernst, als wäre das tatsächlich eine reale Möglichkeit.
Man weiß es nicht, weil ich in meinen Teenagerjahren ja noch beidseitig orientiert war. Wetten möchte ich nicht darauf. Im Moment habe ich ein Kind, das ist ein Storch. Ich habe in Rust die Patenschaft für ein Junges übernommen, das aus dem Nest gefallen ist. Er heißt Alfons.
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