Startenor Jonas Kaufmann
Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Startenor Jonas Kaufmann: „Perfektion hat keinen Reiz“

Jonas Kaufmann im Interview. Machen KI-generierte Stimmen Konkurrenz? Was sagt er zu den Querelen der Salzburger Festspiele?

Er hat an der Met gesungen, an der Scala, in der Carnegie Hall, natürlich an der Wiener Staatsoper. Jetzt kommt er in den lauschigen Garten des Belvedere bei „Theater im Park“: Jonas Kaufmann, Startenor, Kammersänger, Operngigant. Der geborene Münchner, seit vier Jahren auch österreichischer Staatsbürger und Wahlsalzburger, blickt aber stets über den Tellerrand hinaus, singt Operetten und Wiener Lieder. Und gibt am 9.7. mit Helmut Deutsch die „Lieder im Park“: klassische Lieder, Evergreens aus Operetten und Wiener Schmankerln. Zu hören sein werden etwa „In einem kleinen Café in Hernals“ oder „Ich muss einmal wieder in Grinzing sein“.

Sie geben einen von Wien geprägten Liederabend. Ganz ehrlich: Mussten Sie sich so manchen Text, etwa von Liedern wie Hermann Leopoldis „I bin a stiller Zecher“, erst übersetzen lassen?

jonas Kaufmann: Nein, meine Großeltern haben ja in Tirol gelebt. Ihr Fernseher war für mich als Kind wesentlich leichter einzuschalten als jener, den meine Eltern daheim vor mir unter Verschluss gehalten haben. Ich habe sehr viel österreichisches Fernsehen geschaut und das Idiom hierzulande aufgesaugt, ob in Kindersendungen wie „Am dam des“ und dem Kasperl oder bei Heinz Conrads. Das hat mich immer fasziniert und dazu animiert, mich in diesen Sprachduktus ein bisserl hineinzuleben. Und nachdem ich schon als Jugendlicher sehr gerne performt und den Gästen meiner Eltern Witze vorgetragen habe, war der „Wiener“ immer ein Grundbestandteil dieser kleinen Auftritte. Insofern ist mir die Sprache sehr geläufig.

Haben Sie ein Lieblingswort im Wienerischen?

„Spompanadeln“ finde ich herrlich. Das musste ich tatsächlich zweimal lesen und fragen, was das eigentlich heißt. Der Preuße würde wahrscheinlich „Fisimatenten“ sagen. Auch ein unglaublich seltsames Wort. Es kommt aus dem 19. Jahrhundert, als Deutschland unter französischer Besatzung stand. Mit „Visitez ma tente“, also „Besuch mein Zelt“ versuchten Soldaten, junge Frauen in ihr Zelt einzuladen. Die Eltern warnten sie, beim Ausgang keine „Fisi-ma-tenten“ zu machen.

Jonas Kaufmann und Helmut Deutsch

Perfekt eingespielt: Jonas Kaufmann und Helmut Deutsch, der seinen Gesang am Klavier begleitet

©Sony/Lena Wunderlich

Sind Ihnen die charakteristischen Eigenarten des Wieners sympathisch?

Ich mag die Mentalität. Man raunzt über alles und gleichzeitig ist im Grunde doch alles wurscht. Diese Kombination aus sich über jeden Schmarrn aufzuregen, aber tief im Herzen zu denken: net amal ignorieren – das finde ich herrlich. Als Nicht-Wiener muss man damit umgehen lernen.

Zwei Seiten der gleichen Medaille.

Der „g’schamste Diener“ war früher der Inbegriff für: buckelnd lächelnd, aber zwischen den Zähnen hatte man bereits eine Unverschämtheit parat. Hans Moser konnte das perfekt nuschelnd. Unnachahmlich. (lacht)

In einem Interview meinte Franz Welser-Möst, er habe in Amerika seinen Wiener Schmäh auf das Minimum reduzieren müssen, weil man dessen Doppeldeutigkeit dort nicht verstehe.

Die englische Sprache ist viel direkter als die deutsche. Es gibt wenig Haken und Ösen, an denen man sich seitlich vorbeilavieren kann. Gleichzeitig gilt vor allem im britischen Englisch direkte Ansprache als Affront. Das ist köstlich! Ein Satz wie „That might cause problems“ ist dort eine klare, aber höfliche Absage. Amerikaner kommunizieren dagegen meist viel direkter. Welser-Möst hat recht, man muss aufpassen, dass einem die Ironie nicht völlig falsch ausgelegt wird.

Sie haben neben der deutschen die österreichische Staatsbürgerschaft und werden als musikalischer Botschafter des Landes gepriesen. Ist so ein Liederabend mit Ihr Beitrag, dem gerecht zu werden?

Um als Botschafter die Vorzüge der Heimat zu preisen, sollte man sich wahrscheinlich außerhalb des Landes betätigen. Aber was die Kombination von Klavier und klassischem Liedgesang betrifft, stimmt das natürlich. Das war über Jahrhunderte in Wien selbstverständlich und ist heute leider im Niedergang. Wenn man sieht, wie Konzerthaus und Musikverein ihre Liederabende zurückfahren mussten, ist es keine schlechte Idee, über die Hintertür durch Komponisten wie Hermann Leopoldi Liederabende wieder ins Bewusstsein zu rücken. Das ist eine besonders schöne Form des Musizierens. Insofern bin ich eher Kulturbotschafter für den klassischen Konzertgesang als fürs Land. Aber das haben die Wiener ohnehin nicht nötig.

Jonas Kaufmann

Startenor Jonas Kaufmann und Wien: „Ich mag die Mentalität. Man raunzt über alles und gleichzeitig ist im Grund doch alles wurscht“

©Sony/Gregor Hohenberg

Ein Hans Moser oder Peter Alexander sind große Interpreten der Evergreens, die Sie unter anderem präsentieren werden.

Gerade Peter Alexander war ja ein großartiger Sänger. Über die damaligen Arrangements kann man diskutieren, manchmal ist da etwas viel Staubzucker drauf. Aber grundsätzlich finde ich seine Lieder großartig. Er oder Moser sind große Interpreten dieser Stücke. Wir werden auch Lieder von Georg Kreisler bringen, die sind dann deutlich bissiger. Er hat an seiner Heimat oft kein gutes Haar gelassen, man denke nur an sein Lied „Wien ohne Wiener“ – und wie schön das wäre. Das war schon starker Tobak. Auch Leopoldi war ein scharfer Beobachter und hat sozialkritische Texte geschrieben und nicht nur die Melodien, die zum Rearn oder Schunkeln einladen.

Sie leben in Salzburg. Welche Bedeutung hat Wien für Sie?

Dadurch, dass ich seit ein paar Jahren ja sogar österreichischer Staatsbürger bin, ist Wien sozusagen meine Hauptstadt. Am Anfang meiner Karriere konnte ich hier leider nicht so gut Fuß fassen. Zwar habe ich oft Konzerte in Kirchen, im Konzerthaus und im Musikverein gegeben. Aber der damalige Staatsopern-Direktor Holender hat sich Zeit gelassen, mich für Wien zu entdecken. (lacht) Nichtsdestotrotz, ich habe in Wien eine schöne Zeit erlebt und liebe Freunde.

Wenn wir über Gesangsqualität und Interpretationen sprechen, ganz plakativ gefragt: Ist Perfektion möglich?

Perfektion hat keinen Reiz. Eine möglichst perfekte Technik ist Basis einer jeden Interpretation. Aber es darf sich nie um pure Perfektion und das Ausstellen von Könnerschaft drehen. Das ist kein Zirkus. Was die musikalische Interpretation betrifft, wäre nur ein Computer, aber kein Mensch perfekt – weil er jede Note in der exakten Tonhöhe und Länge wiedergibt. Aber genau das lässt den Zuhörer kalt. Ich hingegen kann einen Rhythmus minimal verändern, einen Hauch früher oder später einsetzen, kann Töne tiefer ansetzen, dann wirken sie dunkler und melancholischer, oder ein bisschen zu hoch, dann sind sie hell und strahlend und positiv. Genau diese Imperfektion ist es, was Musik lebendig macht.

Also keine Angst vor KI-generierten Stimmen, wie das im Pop bereits Erfolg zeitigt?

Zur Zeit merkt man den Unterschied noch deutlich. Wenn jedoch wie bei mir viel Audiomaterial zur Verfügung steht, kann eine KI davon sehr gut lernen und darauf trainiert werden, daraus etwas Neues zu machen. Vor einiger Zeit kursierte online ein KI-generierter Track, auf dem Freddie Mercury im Duett mit Luciano Pavarotti die berühmte Arie „Nessun Dorma“ singt. Das war noch nicht perfekt, aber erstaunlich. Das ist schon irre, da wird noch viel in dieser Richtung kommen. Es gibt jedoch ein großes Aber, das für mich entscheidend ist.

Und das wäre?

Eine KI kann ein Gesangserlebnis immer nur nachahmen, aber nicht originär herstellen. Der Computer sucht hier wie da verschiedene Schnipsel und klebt sie so zusammen, dass es ungefähr passt. Ich habe da keine Angst. Und den Reiz eines Live-Erlebnisses kann die KI ohnehin nicht überbieten. Klar, man kann ein Hologramm von jemandem hinsetzen und dazu Musik abspielen, es gibt alle möglichen Spinnereien. Aber solange es noch Menschen gibt, glaube ich, ist das nicht nötig. Konzerte gebieten der KI Einhalt.

Jonas Kaufmann

Jonas Kaufmann

Jonas Kaufmann wurde 1969 in München geboren.  Er trat u. a. an der Metropolitan Opera in New York oder am Royal Opera House in London auf, sang in Puccinis „Tosca“, Bizets „Carmen“ oder Wagners „Lohengrin“ und wurde für seinen dunkel timbrierten Tenor vielfach ausgezeichnet. Mit Liederabenden begeisterte er zuletzt mit dem Programm „Magische Töne“. Seit 2024 ist er Intendant der Tiroler Festspiele Erl. In zweiter Ehe verheiratet, vier Kinder.

Sie werfen sich in Bresche für Unterhaltungsmusik verschiedener Stil-Richtungen. Hören Sie eigentlich auch Pop?

Ja, qualitativ guten Pop. Einerseits gibt es schwache Sänger, die ohne Autotune keinen Ton treffen. Es ist faszinierend, welche Karrieren da trotzdem möglich waren. Andererseits gibt es eine Lady Gaga oder Adele, die unplugged genauso gut performen wie am Album. Der Jüngste meiner vier Kinder wiederum begeistert sich für K-Pop, also koreanischsprachige Popmusik. Es gibt stets Neues zu entdecken.

Sie sind öfter bei den Salzburger Festspielen aufgetreten. Der wilde Streit über den Abgang von Chef Markus Hinterhäuser hat dort für eine Kulturkrise und Debatten gesorgt. Wie haben Sie das erlebt?

All das ist sehr schade, weil man Schlagzeilen über Kultur sehr gerne liest, aber nicht solche. Als Wahlsalzburger hätte ich mir gewünscht, dass man diese Personalie mit mehr Konsens zu einem Abschluss bringt. Ich weiß darüber aber auch nur das, was ich in den Medien gelesen habe und kann mir dementsprechend kein Urteil bilden. Insofern habe ich Vertrauen in die Politik, dass die Entscheidungen, die sie getroffen haben, letztendlich richtig waren. Aber das „Wie“ macht natürlich den Unterschied.

Welches Verhältnis hatten Sie zu Markus Hinterhäuser in Salzburg?

Ich kenne Markus natürlich seit vielen Jahren. Als Sänger hätte ich mir gewünscht, bald wieder einmal bei den Festspielen aufzutreten. Vergangenes Jahr hatte ich zwar einen Liederabend mit Diana Damrau und Helmut Deutsch. Aber einen ganzen Monat vor Ort zu sein lässt mein Zeitmanagement kaum zu. Der August ist mein heiliger Monat, in dem ich meistens mit meinen Kindern auf Urlaub fahre. Ich kann nur sagen: Man kann Markus Hinterhäuser nicht vorwerfen, dass er nicht versucht hat, das Who-is-Who der Musik und Theaterwelt nach Salzburg zu locken. Das ist vielleicht nicht jedes Jahr geglückt, aber das liegt ja meist nicht am Intendanten, sondern an den Agenten oder Künstlern selbst.

Zwischen Auftritten als Sänger und als Intendant bei den Tiroler Festspielen Erl, wie schalten Sie ab vom Beruf?

Ich habe verschiedene Hobbys, die ich alle gleichermaßen vernachlässige. Seit meiner Jugend spiele ich Tennis, seit ein paar Jahren Golf, nachdem meine älteren Söhne mich dazu überredet haben. Auch dieser Sport macht süchtig. Ich segle gerne, früher war ich gern am Berg. Und ich bin Autofan. Wenn ich nach Hause komme, fahre ich gerne eine Runde mit einem meiner Oldtimer – das versetzt mich in eine andere Zeit und bringt mich sofort runter. Da geht es nicht ums Rasen, sondern ums Genießen.

Alexander Kern

Über Alexander Kern

Geboren in Wien, war Chefredakteur verschiedener Magazine und stand im Gründungsteam des Seitenblicke Magazins des Red Bull Media House. 12 Jahre Chefreporter bzw. Ressortleiter Entertainment. Schrieb für 110%, das Sport- und Lifestyle-Magazin von Die Presse. Seit 2020 Redakteur der KURIER Freizeit mit Reportagen, Kolumnen, Texten zu Kultur, Gesellschaft, Stil, Reise und mehr. Hunderte Interviews, von Beyoncé und Quentin Tarantino über Woody Allen und Hugh Grant bis Jennifer Lopez und Leonardo DiCaprio sowie in der deutschsprachigen Kulturszene. Reportagen vom Filmfestival Cannes bis zur Fashionweek Berlin. Schreibt im KURIER jeden zweiten Dienstag die Kolumne „Alexanders Showtime“. Liebt Kino, Literatur und Haselnusseis.

Kommentare