© REUTERS/Charles Platiau

freizeit
10/28/2019

Wow! Der Instagram-Effekt und seine Schattenseiten

Es wird mehr fotografiert denn je. Auch dank Instagram. Was hält ein Foto-Profi wie Lois Lammerhuber von diesem Trend?

von Bernhard Praschl

Es ist ein Haus mit alter Tradition und neuen Ritualen: das Café Hawelka  in der Wiener City. Seit 80 Jahren werden dort Kaffee und Kuchen gereicht. Andy Warhol war schon einmal hier, Grace KellyPeter Ustinov und Udo Jürgens ebenso. Ein gefundenes Fressen  für Touristen aus aller Welt  auf der Suche nach einem perfekten Instagram-Bild   vom alten  Wien.
Vom Kaffeehaussterben merkt man  wenig. „Über einen Mangel an Gästen  können wir uns nicht beklagen“, meint Amir Hawelka,  Enkel des legendären Leopold Hawelka.

Jö schau
... und wirklich. Zu Stoßzeiten greift er dort, wo einst Georg Danzer mit seinem Austropop-Klassiker „Jö schau“ die Wiener Seele einfing, etwas lenkend ein. Und schafft Platz. „Ich muss schon auf die Wiener aufpassen“, sagt er. „Tourismus ist ja  gut, aber bitte nicht zu viel.“ Die richtige Balance sei  wichtig, so wie das „Reserviert“-Schild  für Stammgäste. Wir würden uns  auch wundern, wenn wir im Urlaub nur Touristen und keine Einheimischen antreffen.

Fotos ohne Ende

Vor  bald zehn Jahren haben Kevin Systrom und Mike Krieger im kalifornischen Silicon Valley eine Erfindung gemacht, die der Fotografie Beine machte. Instagram. Die beiden Programmierer waren damals Mitte zwanzig. Ihr Gedanke: „Da die Kameras der Smartphones immer besser werden, wollen die User sicher mehr als nur SMS verschicken – Fotos nämlich.“ Ein paar Jahre später machten sie das Geschäft ihres Lebens. Sie verkauften ihre Erfindung an Facebook – für eine Milliarde (!) US-Dollar.

Während man zuvor zumeist nur im Urlaub fotografierte  und dann vielleicht ein paar Dutzend Aufnahmen machte,  stellte das Prinzip von Instagram – immer hungrig nach Neuem zu sein –  alles auf  den Kopf.    Unser Verhältnis zur Fotografie. Und unser Verhalten. Man will sich ja kein Blöße geben, nicht vor einer Milliarde Nutzer!

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Das perfekte Motiv

Noch nie war es so einfach, ziemlich gute Aufnahmen zu machen. Und nie zuvor, zeigte man sich so unzufrieden mit der Welt, wenn sie keine Location für ein perfektes Instagram-Motiv abgibt. Die Idee von Instagram ist nämlich, dass  man seine Fotos teilt, anderen zeigt, sich mit Freunden und anderen über die mehr oder weniger geglückten Aufnahmen freut. Vom Urlaub, von sich, von spektakulären Plätzen. Und das nicht erst Tage oder Stunden danach. Sondern sofort. So instant wie einst Polaroid funktionierte, und darüber hinaus total transparent. Abrufbar für alle.

Millionen Bildergalerien

Vom „Café Hawelka“ über „parisbynight“ bis zu „kimkglam“: Im Internet kursieren Abertausende  Instagram-Galerien. Das Spektrum reicht  von Stars und Sternchen, die ihren Alltag rund um die Uhr dokumentieren bis zu altehrwürdigen Institutionen, die Instagram originell als  PR nutzen. Man kann sich buchstäblich sattsehen, bis einem die Augen zufallen. Was sagt  ein professioneller Fotograf zu dieser sagenhaften Bilderflut?

„Nie zuvor gab es einen so barrierefreien Zugang für (fast) alle, sich kreativ auszudrücken“, zeigt sich Lois Lammerhuber von der Idee Instagram begeistert. Auch die „Freude, sich selbst  auszudrücken und diese dann mit anderen zu teilen“,  spricht ihn an.

Dieser Aspekt behagt  auch dem Psychologen. Für Dominik M. Rosenauer  ist „die Benutzung von Instagram prinzipiell eine positive Sache. Denn wie bei den meisten sozialen Medien gehe es auch hier um das Teilen von schönen Augenblicken oder Erfolgen.“

Die Dosis macht das Gift

Natürlich hat Rosenauer  auch schon von der Jammerei  gehört, Instagram fördere bloß den Narzissmus und leiste Vorschub für die soziale Isolation. Aber „wie bei allem im Leben, ist auch hier richtig, dass die Dosis das Gift macht.“  Der Klinische Psychologe aus Klosterneuburg hat noch einen Trumpf im Ärmel: „Nebenbei bemerkt, kann man bei Instagram  keine  ,dislikes’ vergeben. Davon hat man im realen Leben  ohnehin genug.“

Schauplatzwechsel:  Sigmund Freud Museum  in der Berggasse 19. Die  Lebens- und Arbeitsräume des Begründers der Psychoanalyse werden jährlich von etwa 100.000 Menschen besucht. Wenig im Vergleich zu Schloss Schönbrunn, das Jahr für Jahr Millionen  Besucher  anzieht. Aber genug, um von Touristen mit ausgeprägtem Selfie-Drang heimgesucht zu werden.

„Als Plage empfinden wir sie nicht“, sagt  Peter Nömaier vom Freud Museum. Gelegentlich würden Absperrungen ignoriert, wenn sich  Gäste in  Freuds berühmtem Behandlungszimmer  in Pose schmeißen. „Aber grundsätzlich bringen schöne Fotos und Selfies  aus dem Museum  positive Aufmerksamkeit.“

Harte Währung

Aufmerksamkeit ist die Währung von Instagram. Eine harte Währung, die aber soft und hochglänzend  vermittelt wird: Auf dem Online-Bilderdienst  hat sich eine exhibitionistische „I am so pretty!“-Bildsprache durchgesetzt. Aber das muss  nicht sein. Das Freud Museum etwa   setzt dieser Inflation des voyeuristischen Blicks etwas Amüsantes  entgegen,  etwa die   Kampagne „keepfreudalive“.

Über den Instagram-Account des Museums lässt sich ein „Sigmund Freud Filter“ runterladen, mit dem man sich selbst zum Doppelgänger des Nervenarztes stilisieren kann. Nömaier: „Es ist eine gezielte Kampagne, um einen möglichst breiten Anteil der tendenziell jüngeren Social Media-Nutzer zu erreichen.“  


Rekord, Rekord

Wobei die Nutzer mittlerweile nicht nur unter  Digital Natives, also den Unter-Vierzigjährigen, zu finden sind.  Jüngst legten Jennifer Anistons Follower Instagram lahm, weil sie  so begeistert waren, dass die Fünfzigjährige nach langer Absenz wieder ein Bild postete.  

Das fiel sogar Guinness World Records auf. Die Organisation gratulierte  für „die kürzeste Zeit, um eine Million Follower bei Instagram zu erreichen – nur 5 Stunden und 16 Minuten.“


Läppisch. Nicht unbedingt. Oder, um es mit Fotograf Lois Lammerhuber zu sagen: „Auf Instagram werden täglich etwa 80 Millionen Bilder hochgeladen. Und was glauben Sie, wie viele E-Mails pro Tag versendet werden? Zirka 294 Milliarden!  Und haben Sie je gehört, dass jemand gesagt hat: Wer soll denn diesen ,Mist’ lesen? Ich jedenfalls nicht.“

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