freizeit
19.03.2016

Winterfrische

Eine Geschichte über Zitronen, magisches Licht und morbiden Luxus. Und über einen intellektuellen Dandy. An der Côte d’Azur, im Paradies der Provence.


Ein hagerer Herr auf der Suche nach der Sonne. Viele Jahre lang fertigte der Meteorologe auf der Hohen Warte tagtäglich Tabellen an – mit jenen Orten Österreichs, in denen am längsten die Sonne scheint. Spitzenreiter wurde Trausdorf an der Wulka. Eines Tages zog sich der Wetter-Professor in den verdienten Ruhestand – und in die sonnige, burgenländische 1.800-Seelen-Gemeinde – zurück.
Auch an der Côte d’Azurwar man schon immer auf der Suche nach der Sonne. In Cannes und Cagnes, Ramatuelle und Roquebrune, Antibes, Saint Tropez und Villefranche, versucht man sich Jahr für Jahr mit Angaben über die meiste Sonnenscheindauer zu übertrumpfen. Fast immer gewinnt aber eine kleine Grenzstadt zu Italien: In Menton scheint die Sonne im Jahresschnitt an 316 Tagen.

Die milden Temperaturen und das magische Licht zogen schon immer Maler an die französische Riviera: Picasso arbeitete aus Geldmangel mit billigen Bootsfarben, der zittrige Rollstuhlfahrer Renoir ließ sich im Olivenhain von Cagnes den Pinsel an die Hand binden und Matisse schrieb in MentonAls ich verstanden hatte, dass ich dieses Licht jeden Morgen wieder sehen würde, konnte ich mein Glück kaum fassen.Bald kamen diehivernants, kränkelnde britische Winterfrischler, an die Cote – das Paradies in der Provence. Sie blieben oft viele Wintermonate, um sich den Traum von immerwährendem Frühling vorzugaukeln. Für ein Rendezvous unter ewig strahlender Sonne mit lebenshungrigen Industriebaronen, russischen Großfürsten, Dandys aus Berlin, Paris und New York.
Später kam tout le monde: Gabrielle ,Coco’ Chanel und die Colette, die Dietrich, die Garbo und Igor Strawinski. Dichter wie Der große Gatsby-Autor Scott Fitzgerald, der die Stimmungsschwankungen seiner schwermütigen Frau Zelda bei Chablis zu vergessen versuchte. Die Potentaten Adnan Khashoggi und Aga Khan, in Begleitung der Begum. Der Autokonstrukteur André Citroën, wie immer im PS-Gesprächsrausch versunken. Gerne mit Louis Chiron, der 1929 das erste Autorennen von Juan-les-Pins gewann.

Und als Aufputz der beiden Herren war vielleicht die schwarze Venus Josephine Baker, deren Oben-ohne-Tanz gerade in Paris für Furore gesorgt hatte, dabei. Eine andere Ausdruckstänzerin, die nur barfuß hüpfte, tänzelte, schwebte, schien auch mühelos von Erfolg zu Erfolg zu eilen. Bis Isadora Duncans Leben nach einem Besuch im Tétou in Golf Juan ein dramatisches Ende fand: Erst wenige Meter vom Fischlokal entfernt, verfing sich ihr wallender Seidenschal in der hinteren Felge ihres Bugatti-Cabrios. Die Göttliche war auf der Stelle tot.


Das malerische Menton war für Künstler und Aristokratie schon immer ein famoser Rückzugsort. Wem der Glanz, das ewige Spiel vom üppigen Leben, der morbide Luxus auf den Terrassen in den Villen und Strandhotels zu viel wurde, zog sich hierher zurück. Fast die halbe Zarenfamilie und bedeutende Adelsgeschlechter Europas haben nach vielen milden Wintern am großen Friedhof der kleinen Hafenstadt Menton ihre letzte Ruhe gefunden.

Der Landschaftsarchitekt Lawrence Johnston entwarf in Menton ein auf das spezielle Mikroklima zugeschnittenes Gartenspektakel, Serre de la Madone, nach dem britischen Prinzip des kontrollierten Chaos. Mit australischen und fernöstlichen Pflanzen, die hier – bei hoher Luftfeuchtigkeit und gleichzeitiger Niederschlagsarmut – wie Unkraut wachsen. Der englische Arzt H. Bennet pries Menton, wo im Winter das wärmste Klima Mitteleuropas herrscht, schon 1880 als unvergleichlichen Kurort. Ein ganz besonderes Klima garantiert, abgeschirmt durch die Ausläufer der Seealpen, zwei bis drei Grad höhere Temperaturen als in Nizza und Monaco. In beide Richtungen jeweils nur wenige Kilometer entfernt. Zitronen und Orangen gedeihen hier besonders gut und begründeten den Wohlstand der einst unscheinbaren Stadt. 1929 war Menton der größte Zitrusfrüchte-Produzent Europas. Ein Wirt kam auf die Idee, in den Gärten des Hotels Riviera eine Zitronen-Ausstellung zu gestalten. Ein Riesenerfolg – schon im nächsten Jahr übersiedelte das Spektakel in die Parks und Straßen von Menton.

seit damals feiert man hier jedes Jahr im Februar ein 20-tägiges Fest, La fête du citron. Die ganze Stadt präsentiert sich in leuchtendem Gelb und Orange. Bei einem wohlriechenden Schauspiel. Stolz erklärt man in Menton, dass das Zitronen-Fest und die rund 150 Tonnen Orangen und Zitronen, mit denen künstlerische Skulpturen geschmückt werden, inzwischen mehr Besucher anlocken als der Karneval in Nizza. Und sogar das Formel-1-Rennen von Monaco. Ein Meer aus Zitrusfrüchten dominiert für einige Wochen die Stadt. Konfetti werden in den azurblauen Himmel geschleudert, Fanfaren erklingen, bunte Masken und ausgelassene Musiker beherrschen die labyrinthische Altstadt. Und jeden Donnerstagnacht zieht der Faschingsumzug – vorbei an historischen Gärten und bröckelnden Belle-Époque-Palästen – an der Küstenstraße entlang.
Mit gigantischen Wagen, von Zitrusfrüchten geschmückt. Jedes Jahr wird ein eigenes Motto ausgegeben: Heuer feierte man Cinecittà. Mehr als 300.000 Besucher erlebten eine Reise durch die Welt des italienischen Kinos der 1950er- und 1960er-Jahre. Mit einem Maestro im Mittelpunkt, der die fantasievollsten Bilderwelten schuf: Federico Fellini. Bis zu zwölf Meter hohe Skulpturen erinnerten an seine Filme 8 ½, La Strada oder La dolce Vita.

Ab 1955 lebte der intellektuelle Dandy Jean Cocteau in der östlichsten Küstenstadt Frankreichs. Bereits 1911 kam der 22-Jährige nach Menton. Bald nannte die jeunesse dorée den fragilen Jean mit seinen schmalen, pausenlos flatternden Händen den Götterjüngling. Ein Leben lang ließ die pittoreske, fast intime Kleinstadt mit italienischem Flair den späteren Dichter, Maler und Regisseur nicht mehr los. Er entwarf in der ehemaligen Bastion am Hafen selbst sein eigenes Museum, im Rathaus von Menton gestaltete er den Hochzeitssaal. Mit fröhlichen Fresken. Jeden Samstag sieht man heute hier zumindest ein japanisches Paar heiraten. Jean Cocteau wird in ihrer Heimat als fantasievolles Genie adoriert.
2011 wurde auch ein neues Cocteau-Museum eröffnet. Mit fast poetischer Architektur, stilistisch elegant eingebettet zwischen der Altstadt und dem Meer. Mit 1.800 Kunstwerken, davon 990 Arbeiten von Jean Cocteau, der Sammlung Séverin Wunderman. Der Belgier, ein glühender Verehrer Cocteaus, war auch eine Legende der Uhrenindustrie. Mehr als 25 Jahre entwarf der eklektische Kunstsammler Luxus-Zeitmesser für Gucci.


Im Salon der Marquise Anna de Noailles trug Cocteau erste Gedichte vor. Der Paradiesvogel war mit Marcel Proust, Charlie Chaplin und Yul Brynner befreundet. Bei Édith Piaf war es mehr als Freundschaft. Als Jean Cocteau im Oktober 1963 von ihrem Tod erfuhr, versagte sein Herz. Man sprach vom Brautpaar des Todes.


In Menton war er der maître de plaisir. Noch heute erinnert man sich an seine virtuose Selbstinszenierung. Seine erfundenen Geschichten, mit denen er verblüffte und verzauberte: Gestatten Jean, Jean Cocteau. Mein Name ist der Plural von Cocktail. Sein Leben war von schillernden Beziehungen zu beiden Geschlechtern – aber auch von immer wiederkehrenden Schaffenskrisen und Opiumabhängigkeit geprägt. Bald war der lichtscheue Süchtige nur mehr nachts arbeitsfähig. Immer wieder unterwarf er sich qualvoller Entziehungskuren – pro Tag rauchte er bis zu 60 Opium-Pfeifen. In meinen Beinen, schrieb er während einer dieser Kuren, kribbelt eine Schlange von tausend Menschen, die vor einem Fahrkartenschalter warten.


Heute lebt Menton nicht nur vom milden, beständigen Klima, von den besten Zitronen und Orangen des Mittelmeer-Raums, von den Touristenschwärmen im Februar, sondern auch von mafiosen Unternehmern aus Rom oder Neapel, die in der ersten Stadt nach der italienischen Grenze steuerschonend Penthouse-Suiten erwerben. In den ehemaligen Grandhotels, die man längst zu gesichtslosen Appartement-Luxus-Giganten umgewandelt hat.


Aber Menton lebt auch immer noch von den fantasievollen Werken und Geschichten des Exzentrikers Jean Cocteau. Von dessen außergewöhnlichem Leben unter ewiger Sonne und azurblauem Himmel.

ESSEN & TRINKEN
Le Galion
In Menton ein gutes Restaurant zu finden, ist gar nicht so leicht. Le Galion am Boulevard de Garavan gehört jedenfalls dazu, der Gastgeber ist ein Original und die mediterrane Küche erstklassig.

Mirazur
Zwei „Michelin“-Sterne für das beste Restaurant der Stadt. Für das große Menü zahlt man allerdings 200 Euro pro Person, der herrliche Blick über das Meer ist inklusive . www.mirazur.fr

A Boire a Manger
Schönes, schlichtes Bistro in 5 Rue du Vieux Collège. Einfache, frische Küche. Gutes Preis-Leistungsverhältnis. Ohne Reservierung geht allerdings nichts.  +33 4 93 17 87 84

Maison Herbin
Ein süßer Leckerbissen, den man sich nicht entgehen lassen sollte: die hausgemachten Konfitüren des Maison Herbin in 2, rue du Vieux Collège.
www.confitures-herbin.com

WOHNEN & MEER
Royal Westminster Hotel
Mitten in der Stadt und strandnah gelegen. Very british,
viel Charme und Stil. Unbedingt Balkonzimmer
mit Meerblick buchen.
www.hotel-royal-westminster.com

Hotel de Londres
Mit nur 27 Zimmern liegt dieses familiär geführte Hotel im Herzen der Stadt. Einfach, sauber und stilvoll.
www.hotel-de-londres.com

Princess & Richmond
Nachdem sich die Fünf-Sterne-Hotellerie aus Menton zurückgezogen hat, gibt es nicht mehr viele Hotels, die mit „très comfortable“ ausgezeichnet sind. Dieses familiär geführte Mittelklassehotel gehört dazu. Schöne Lage am Meer.
www.princess-richmond.com


SEHENSWERT
Musée Jean Cocteau
Im November 2011 eröffnet, zeigt das Museum auf 2.700 Quadratmetern die Sammlung Séverin Wunderman – Bilder, Dokumente und Filmausschnitte des künstlerischen Universalgenies Jean Cocteau.
www.museecocteaumenton.fr