Seit ich weiß, wofür DSM-5 die Abkürzung ist und was sich dahinter verbirgt, glaube ich noch mehr als ohnehin, dass Karl Kraus möglicherweise Recht hatte, als er sinngemäß meinte, die Psychoheinis seien die Krankheit, als deren Heiler sie sich ausgeben. DSM-5 ist das US-amerikanische Diagnosemanual für psychische Krankheiten in seiner fünften Auflage, und angeblich ist es drauf und dran, direkt in die ICD-11 Eingang zu finden, die elfte Auflage der „International Statistical Classification of Diseases“ der Weltgesundheitsorganisation WHO (ich hatte tatsächlich gerade Weltgehundheitsorganisation geschrieben, es aber ausgebessert, wer weiß, kriegen die das mit und lassen mich in einem Vorgriff auf ICD-12 zwangsbehandeln). Und wenn das passiert, wenn also DSM-5 direkt in ICD-11 einfließt, gelten kindliche Wutausbrüche als „Disruptive Mood Dysregulation Order“. Und wenn einer wie ich dieser Tage versucht, den Kinderwagenaufbewahrungsschuppen im Kindergarten mit dem Autoschlüssel aufzusperren (Fernbedienung, nicht Schloss, muss ich zu meiner Verteidigung sagen), wäre das einwandfrei eine „Mild Neurocognitive Disorder“. Und wer nach dem Tod eines geliebten Menschen mehr als zwei Wochen trauert, wird gegen Depression behandelt. Das DSM-3 aus dem Jahr 1980 hatte den Amerikanern noch das menschheitsalte Trauerjahr genehmigt, ehe man auf Depression behandelt wurde, DSM-4 aus 1994 verkürzte die Frist auf zwei Monate, und jetzt, mit DSM-5, sind es zwei Wochen. Ich möchte den Mitgliedern der Arbeitsgruppe der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung, die für die Erstellung des DSM verantwortlich sind, nicht zu nahe treten, aber wenn die Massenselbstmord begehen, werde ich meine antidepressivafreie Trauerzeit im Vorgriff aus DSM-08/15 freiwillig auf zwei Sekunden verkürzen.

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