freizeit
01/28/2014

Hase und Igel, digital

Der wirkliche Sinn der pseudosozialen Medien besteht darin, Dich zum Aufgeben zu zwingen, noch ehe Du das Rennen um Deine eigene Meinung aufgenommen hast.

von Michael Fleischhacker

Weil ich lange als grimmiger Verweigerer der Microblogginplattform „twitter“ galt und erst vom dort mit ungefĂ€hr 120 Prozent der Stimmen regierenden österreichischen Landeshauptmann Armin Wolf in einem knapp einstĂŒndigen BeichtgesprĂ€ch zur Teilnahme bekehrt wurde, werde ich regelmĂ€ĂŸig und nicht ohne einen gewissen hĂ€mischen Unterton gefragt, wie es mir denn nun so gehe in den pseudsozialen Medien.

„Eh“, sage ich dann meistens, „ein bisserl anstrengend ist es halt.“ Das liegt am dort obwaltenden digitalen Hase-Igel-Syndrom, das dann auf besonders asoziale Art zuschlĂ€gt, wenn sich das soziale und das pseudosoziale Netzwerk am selben Ort befinden. KĂŒrzlich zum Beispiel hatte ich an meinem frĂŒheren Wohnort das VergnĂŒgen, mit Journalismus-Studentinnen ĂŒber das Ende der Zeitung und die Zukunft von Allem zu diskutieren. Hinterher wusste ich: Einer der asozialsten Aspekte der pseudosozialen Netzwerke ist die Tatsache, dass Du als Vortragender nicht so schnell twittern kannst wie als Zuhörender.

Ich hatte keine Chance. Als ich den Hörsaal verlassen hatte, wollte ich auf Twitter sehen, ob es den anwesenden Damen und Herren gelungen war, meine Großartigkeit in angemessener Form zu wĂŒrdigen. Es ging so, aber hier schien mir ein Zitat nicht ganz prĂ€zise zu sein und dort kam mir vor, dass man mich absichtlich missverstanden hatte. Ich wollte eben mit den notwendigen Korrekturen beginnen, als ich merkte, dass das fĂŒr mich bedeutet hĂ€tte, alle Reaktionen und die Reaktionen auf die Reaktionen auf meine nicht in meinem Sinn wiedergegebenen Ansichten korrigieren zu mĂŒssen. Ich gab also auf, noch ehe ich begonnen hatte klarzustellen, was ich wirklich meinte, und das ist, glaube ich, der wirkliche Sinn und Zweck der pseudosozialen Medien.

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