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01/29/2020

Flitzen im Zeitalter der Influencer: Ein Millionengeschäft

Kinsey Wolanski flitzte erst im Finale der Champions League, jetzt beim Ski-Weltcup in Schladming - mit Kalkül.

von Fee Niederhagen, Katharina Triltsch

Ein überraschender Anblick bot sich den Zuschauern am Dienstagabend beim Nachtslalom in Schladming. Eine im knappen Einteiler bekleidete Frau lief während der Fahrt des Südtirolers Alex Vinatzer auf die Bahn und löste unmittelbar vor dem Südtiroler die Zeitnahme im Ziel aus.

Die Flitzerin – wie inzwischen bekannt wurde, handelt es sich um die US-Amerikanerin Kinsey Wolanski - hielt ein Schild hoch, auf dem "RIP Kobe 24 #Legend" zu lesen war. Damit erinnerte sie an den kürzlich bei einem Hubschrauberabsturz verunglückten US-Basketballer Kobe Bryant.

So uneigennützig die Aktion wirken mag: Die 23-Jährige zog damit nicht nur die Aufmerksamkeit der rund 38.000 Zuschauer vor Ort sondern auch jene von Millionen vor den Fernsehgeräten auf sich - beim Nightrace 2019 schauten laut ORF fast zwei Millionen zu. Ihr Auftritt dürfte so nur zweitrangig zum Gedenken an den verstorben NBA-Star geführt haben.

Vielmehr verschaffte sich Wolanski, die hauptberuflich als Influencerin tätig ist - nicht nur neue Follower auf Instagram, sondern gesteigerte Bekanntheit und eine gratis Werbefläche. Für jemanden, der hauptsächlich mit Werbedeals Geld macht, bedeutet jeder neue Follower nicht zuletzt potenziell höhere Gagen. Wolanski war bereits im Finale der Fußball-Champions League 2019 zwischen Liverpool und Tottenham in Erscheinung getreten.

Flitzen als Geschäftsmodell

Für einen finanziellen Einsatz von 15.000 Euro, den sie als Geldstrafe zu zahlen hatte, und dem Gegenwert eines bedruckten Badeanzuges generierte Wolanski mit ihren Flitz-Aktionen beim Finale einen Werbewert in Millionenhöhe. Das Video von ihr auf dem Spielfeld der Champions League wurde plattformübergreifend mehrere Millionen Mal geklickt - zugungsten ihres Ex-Freundes Vitaly Zdorovetskiy, der auf dem Badeanzug für seine Prank-Seite warb. Im Fernsehen war der Aufdruck zwar nicht scharf zu erkennen, Fotos von dem Ereignis verbreiteten sich allerdings in Lichtgeschwindigkeit in den Sozialen Netzwerken, und sorgten für einen rasanten Anstieg der Zugriffe.

Das Marketingmagazin OMR schätzte, dass Zdorovetskiys Seite innerhalb eines Monats nach dem Flitzen ein Plus von knapp vier Millionen Besuchen verzeichnen konnte. Dort bietet er für zehn US-Dollar im Monat einen Premium-Zugang für freizügige Internet-Pranks an. Falls nur 0,5 Prozent der vier Millionen Besucher mindestens für einen Monat ein kostenpflichtiges Abonnement abgeschlossen haben sollten, hätte Zdorovetskiy durch seine Ex-Freundin einen niedrigen sechsstelligen Umsatz generiert - lediglich in den Wochen nach dem Finale, das im Juni 2019 stattfand.

Das US-Unternehmen Apex Marketing hat ausgerechnet, dass Wolanski mit ihrer Aktion damals innerhalb von zweieinhalb Stunden einen Markenwert von 3,97 Millionen US-Dollar (rund 3,5 Millionen Euro) generiert haben soll – und zwar rein digital, durch Medienberichte, Blogs und über Social Media. Durch die fortgesetzte Aufmerksamkeit habe der Wert in der darauffolgenden Woche die zehn Millionen Dollar überstiegen, wie die Marketingfirma im Juni 2019 gegenüber OMR erklärte. War Flitzen vor dem digitalen Zeitalter lediglich ein Bubenstreich, so lassen sich heute mit der richtigen Strategie horrende Summen scheffeln.

Einst Bubenstreich - heute Strategie

Der erste Flitzer handelte noch ohne Hintergedanken, sondern wollte lediglich eine Wette gewinnen. Beim Fußballspiel England gegen Frankreich am 20. April 1974 rannte der damals 25-jährige Australier Michael O'Brien nackt über das Feld. In den USA wird seit den 1990er Jahren verstärkt geflitzt, in Europa kommt derlei hingegen seltener vor.

Die Zusammenarbeit mit ihrem damaligen Freund Vitaly Zdorovetskiy hat Kinsey Wolanski im Dezember beendet. Nun scheint sie sich an allein geplanten Flitz-Aktionen zu versuchen. Bereits kurz nach dem Spiel Tottenham - Liverpool kündigte sie an, derlei wieder tun zu wollen. Gegenüber der britischen Sun sagte die 23-Jährige zudem, dass sie mit 30 in Rente gehen wolle.

Um die Followerzahl ihres Instagramaccounts noch weiter anzukurbeln und auch Follower für ihren dort verlinkten, eigenen Prank-Youtube-Kanal zu generieren, scheint sie sich für das Skirennen in Schladming entschieden zu haben. Nach dem Finale der Champions League stieg ihre Followerzahl von 316.000 auf zwei Millionen an, Stand heute sind es 3,4 Millionen. Eine Reichweite, mit der sich durch geschickte Werbe- und Sponsoringverträge hohe Summen verdienen lassen. Potenzielle Partner dürfte Wolanski jedenfalls auf sich aufmerksam gemacht haben, sie kann ob ihrer Followerzahl mehrere tausend Euro für einen gesponserten Post verlangen.

Wolanski muss jetzt jedenfalls erneut mit einer Verwaltungsstrafe rechnen. Laut Polizei wurde die 23-Jährige wegen des Verdachts einer Verwaltungsübertretung bei der Bezirkshauptmannschaft Liezen angezeigt und eine vorläufige Sicherheitsleistung eingehoben. Die "Gewinnspanne" dürfte für Wolanski dennoch lohnend sein.