Wildnis Friedhof

Reh überquert einen Gang zwischen den Grabreihen…
Foto: www.wienerwildnis.at Im besten Licht: Der Rehbock taucht unvermittelt in der Allee zwischen den Gräberreihen auf

Ein wunderbares Stück Natur mitten in der Stadt, Rückzugsraum für Tiere und ein Ort, um zur Ruhe zu kommen: Der Zentralfriedhof lebt.

So ein Feldhamster ist ein stattlicher Bursche. 25 oder gar 30 Zentimeter kann er groß werden. Und wenn er sich wohlfühlt, dann ist er ganz schön selbstbewusst. Da kann es sein, dass der dreifärbige Nager mit seinen Pfoten einen Mooskranz von einem Grabstein in die Höhe stemmt, um zu einem schmackhaften Fichtenzapfen zu gelangen. Auf dem Wiener Zentralfriedhof fühlt der Hamster sich wohl und ist so gar nicht scheu. Während er auf den Feldern auf dem Land ziemlich gefährlich lebt und auf Grund der effizienten Erntemaschinen nur noch wenig Nahrung findet, ist die riesige Gräberstätte in Wien-Simmering, auf der mehr als drei Millionen Menschen ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, für ihn das Schlaraffenland. Keine natürlichen Feinde, keine Maschinen, Nahrung in Hülle und Fülle. Eine heilige Ruh’ halt.

Deswegen ist der Feldhamster, der in den meisten Regionen Mitteleuropas schon äußerst selten geworden ist, dort in großer Zahl anzutreffen. Wer den kleinen Kerl beobachten will, hat dazu Gelegenheit, wenn er sich am frühen Morgen, sobald um 8 Uhr die Tore des Friedhofs geöffnet werden, auf den Weg macht. Er sollte sich aber beeilen: Denn demnächst wird sich der Feldhamster in seine mit ausreichend Nahrung gefüllten unterirdischen Gemächer zum Winterschlaf zurückziehen.

Macht aber nichts, auf Wiens Friedhöfen gibt es trotzdem genug zu sehen – außer Grabsteinen natürlich. Sie sind Naturraum und willkommener Rückzugsort für viele Tierarten, die man in Großstädten nicht unbedingt vermuten würde. Wildnis Friedhof.

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Foto: www.wienerwildnis.at

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Naturfotograf Georg Popp legte sich mit der Kamera auf die Lauer und hat viele Tage die Gewohnheiten der Zentralfriedhofsbewohner studiert und festgehalten. „Das ist so schön wie ein Nationalpark. Die Tiere fühlen sich ungestört.“ Vor allem auf dem alten jüdischen Friedhof, wo zwischen verfallenen Gräbern Bäume und Sträucher wild wuchern. Ein Feldstecher oder eine Kamera sind die passende Ausrüstung, der Morgen oder der Abend, wenn die Dämmerung beginnt, sind die besten Zeiten für Naturbeobachtung. „Rehe kann man aber auch zu Mittag antreffen, die sieht man praktisch immer.“ Unvermittelt tauchen sie zwischen Grabsteinen auf, bleiben stehen, schauen sich gelassen um, ehe sie mit einem graziösen Sprung in der Nebenreihe verschwinden. Oder der Fasan, der sich von Menschen nicht bei der Nahrungssuche in der Wiese stören lässt. Oder Dachse, die ebenso wie Wildschweine Kulturfolger sind und für eher unheimliche Begegnungen sorgen können. Und natürlich Eichhörnchen, die in Wien – warum eigentlich? – gern „Hansi“ genannt werden und die so zutraulich sind, dass sie dem Spaziergänger den Mantel hinaufklettern und in der Tasche nach Futter suchen.

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Foto: www.wienerwildnis.at

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Aber nicht alle Friedhofsbewohner sind so leicht zu finden. Richard Zink, Wildbiologe an der Wiener Veterinäruniversität, hat sie dennoch aufgespürt. „Die Waldohreule ist an sich ein Einzelgänger, der sich zu  Pärchen zusammenschließt und sein Revier verteidigt, aber im Herbst sammeln sie sich zu großen Gruppen und suchen Plätze, wo sie ungestört sind.“ Das sind immergrüne Bäume wie Thujen, in denen sie tagsüber hocken und schlafen. Bei Nacht schwärmen sie aus, um auf Nahrungssuche zu gehen. Mäuse munden den immerhin 40 Zentimeter großen Nachtvögeln, die aussehen wie Miniatur-Uhus, besonders gut.Dass auf Friedhöfen so reges Leben herrscht, hat eine urbane Legende entstehen lassen, die nicht auszurotten ist: Jagd! Gerne wird die Geschichte erzählt, wie Jahr für Jahr Grünröcke auf der Pirsch den Friedhof durchstreifen. „Alles nicht wahr“, versichert Andreas Januskovecz, Leiter des städtischen Forstamts. „Das gibt es seit den 1970er-Jahren nicht mehr. Erstens aus Pietätsgründen, zweitens wäre es zu gefährlich.“ Man stelle sich vor: Ein Querschläger, der vom Grabstein abprallt? Nein, unmöglich. Außerdem wolle man die Tiere von ihrem Rückzugsort Friedhof nicht vertreiben. Dass das manchmal zu Interessenskonflikten führt, gibt Januskovecz allerdings zu.

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Foto: www.wienerwildnis.at

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Davon weiß auch Walter Pois, Verwalter des Evangelischen Friedhofs Matzleinsdorf, ein Lied zu singen. Immer wieder kommen Friedhofsbesucher zu ihm und beklagen sich über Vandalenakte. Erikastöckerln, Chrysanthemen und Blumenzwiebeln liegen brutal ausgerupft zwischen den Gräbern verstreut, Kerzen sind zerhackt. Das ist freilich keineswegs das Werk von Vandalen, sondern von Saatkrähen, die jeden Herbst zum Überwintern in unsere Breiten kommen. Die schwarzen Vögel sind extrem intelligent. So klug, dass sie etwa Nüsse von einem Baum auf den Boden werfen, um sie zu knacken. Doch auch Verwalter Pois hatte auch eine findige Idee, wie er die Krähen von seinem Friedhof vertreiben könnte: „Ich habe mich mit einem Falkner zusammengetan und wollte an einem Tag pro Woche ein Falkenpärchen im Friedhof auslassen.“ Die hätten ein paar Runden gedreht und die Krähen vom Friedhof vertrieben. „Aber ich durfte leider nicht. Verboten. Das hätte als Jagd gegolten“, ezählt Pois.

Wildbiologe Zink hat Trost für den Friedhofsverwalter, wenn auch nur schwachen: „Krähen sind nicht nur intelligent, sondern auch sehr sozial. Die hätten sich zu einer Horde formiert und wären auf die Greifvögel losgegangen. Da hätten sich die Falken warm anziehen müssen, wenn sie gewinnen wollten.“

Man sieht: Auf dem Friedhof geht es zu wie im richtigen Leben.

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Feldhase am Zentralfriedhof…
Foto: www.wienerwildnis.at

Tier im Visier

Nicht nur der Zentralfriedhof, auch andere Wiener Friedhöfe (Winteröffnungszeiten: 8-17 Uhr) sind Naturparadiese. Auf dem „Umweltfriedhof Neustift“ (18., Pötzleinsdorfer Höhe 2) wurden Nistkästen für Fledermäuse geschaffen, er ist wegen seiner Nähe zum Wienerwald idealer Lebensraum für Singvögel und das Biotop dort ist Futter- und Laichplatz für Amphibien wie Feuersalamander, Springfrosch und Erdkröte. Einen Vortrag über die „Wiener Wildnis“ gibt es am 17. November, 15 Uhr auf der Messe Wien (im Rahmen der „Photo + Adventure 2013“). Wer möchte, kann am Wettbewerb „Wien fotografiert“ (bis 4. 2. 2014) teilnehmen.

www.wienfotografiert.at

www.wienerwildnis.at

(KURIER freizeit am Samstag) Erstellt am
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