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freizeit Reise
03/20/2021

West-Texas: Im Cowboyland am Rio Grande

In den unendlichen Weiten Amerikas verloren sich Siedler, Goldgräber, Missionare und Abenteurer. Selbst heute findet man noch Gegenden, die diese Magie ausstrahlen – zum Beispiel im Big Bend Nationalpark in Texas, wo der Wilde Westen eine große Schleife schlägt.

Es gibt bestimmte Orte, die allein durch ihren Namen Reisefieber und Fernweh auslösen. Bei den Flüssen sind es lange Ströme wie der Amazonas und der Rio Grande. Kaum einen anderen Fluss verbindet man so sehr mit dem Wilden Westen wie den Letzteren. Rund zwei Drittel seiner insgesamt über 3.000 Kilometer schlängeln sich durch den US-Bundesstaat Texas und bilden eine natürliche Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko. Ein Großteil des Stroms befindet sich im Big Bend Nationalpark und kann per Boot oder Pferd erkundet werden.

Obwohl der Park mit seinen 3.242 Quadratkilometern zu den größten der USA zählt, kommen jährlich nur rund 400.000 Besucher (Stand 2020) in diese Ecke des Landes. Dabei beherbergt das UNESCO-Biosphärenreservat nicht nur weite Teile der Chihuahua-Wüste, einer Regenschattenwüste, sondern auch das Zentralmassiv der Chisos Mountains und ihre mit steigender Höhe immer grüner werdenden Hänge.

Mit jedem Höhenmeter verändert sich die Vegetation: von Kakteen, niedrigen Pinien über Wacholderbüschen bis hin zu dicht gewachsenen Eichen und Kiefern. „Wer sich eine Landschaft wie in der Sahara vorstellt, wird von der Vielfalt der angesiedelten Flora überrascht sein“, berichtet Robert Alvarez, Repräsentant des Brewster County Tourism Councils. Nach einem ausgedehnten Frühjahrsregen blühen sogar ganze Teppiche von Wildblumen. Und mittendrin schlängelt sich ein 250 Kilometer langes Netz aus Wanderwegen. Wer nach einer langen Tour durch die Chihuahua-Wüste im Zelt übernachtet und nachts in den Himmel schaut, versteht, wieso der Big Bend Nationalpark 2012 zum „Dark Sky Park“ (Lichtschutzgebiet) ernannt wurde.

Weit und breit ein funkelndes Himmelszelt, von Lichtverschmutzung keine Spur. „Das liegt daran, dass nur wenige Menschen den Weg in diese verlassene Gegend einschlagen“, erklärt Alvarez. Unabsichtlich lande hier niemand. Die nächste Großstadt ist Dallas und fast acht Autostunden entfernt.

Mit dem Ruderboot nach Mexiko

Gerade wegen seiner Abgeschiedenheit ist der Big Bend Nationalpark ein ganz besonderer Schauplatz. Zudem beheimatet er den wohl ungewöhnlichsten Grenzübergang der USA: nur fünf Ruderzüge über den Rio Grande entfernt liegt Mexiko. Der Grenzfluss ist hier so schmal und flach, dass man ihn durchwaten könnte. Einen Zaun, Patrouillen der US Homeland Security oder lange Warteschlangen bei der Passkontrolle gibt es nicht. Stattdessen werfen zwei nette Park-Ranger einen kurzen Blick in die Papiere, bevor sie die Weiterreise mit dem Ruderboot – scherzhaft „International Ferry Service“ genannt – gewähren.

Am mexikanischen Ufer angekommen, kassiert der Bootsführer Juan Pérez fünf Dollar und händigt im Gegenzug ein winziges Ticket für die Rückfahrt aus. Von dort ist das nächstgelegene Dorf Boquillas del Carmen nur noch einen zehnminütigen Eselritt entfernt. An ärmliche Lehmhäuser reihen sich eine kleine Medizinstation, eine Schule, eine einzige Telefonzentrale und zwei Restaurants. Strom haben die Dorfbewohner seit 2015, berichtet Bootsführer Pérez stolz, während eine mexikanische Grenzbeamtin gleichzeitig Ein- und Ausreise abstempelt: „Damit Sie nicht nochmal vorbeikommen müssen.“

Nirgendwo sonst ist der Grenzübertritt zwischen den USA und Mexiko so unkompliziert wie im Big Bend Nationalpark. Wer will, gelangt hier mühelos ohne Papiere über die Grenze. Von illegaler Einwanderung, Drogen- und Waffenschmuggel ist dennoch keine Spur. „Es gibt schlichtweg keine Infrastruktur, keine Straßen oder Umschlagplätze, die man für illegale Geschäfte im großen Stil benötigen würde“, erläutert Pérez. Der nächste Ort ist mehr als 150 Kilometer entfernt und zu Fuß kaum erreichbar. Schon spanische Entdecker, welche die Region im 16. Jahrhundert nach Bodenschätzen absuchten, gaben bald auf und tauften sie „El Despoblado“, das unbewohnte Land. Ganz dem Klischee eines typischen Westernfilms entsprechend rollt ab und zu ein „Tumbleweed“ aus vertrockneten Pflanzen über die weite Steppe.

Geisterstadt mit Weltruhm

Ruhig und gelassen geht es auch in Terlingua etwas außerhalb des Nationalparks zu. In den 1920er-Jahren lieferte das blühende Bergbaustädtchen noch vierzig Prozent der nationalen Quecksilbererträge, doch nachdem die Minen geschlossen wurden, verwandelte sich Terlingua in eine Geisterstadt. Erst in den 1960ern kehrten Hippies, Künstler und abenteuerlustige Aussteiger zurück und hauchten ihr neues Leben ein.

Am Abend trifft man sich im urigen Starlight Theatre, ein ehemaliges Kino, in dem sich heute ein Saloon befindet. Von der Decke hängen in die Jahre gekommene Ventilatoren, an den Wänden Rinderschädel. Der abgeplatzte Putz verbreitet den „Old Texan“-Charme aus Quecksilberzeiten. „So einsam es auch sein kann, einmal im Jahr wird Terlingua zum internationalen Treffpunkt“, betont Galeristin Zoey Coleman. Jedes Jahr im November pilgern über 10.000 Besucher in die Big-Bend-Region, um beim „Internationalen Chili Cook-off“ dabei zu sein.

Was 1967 als Duell zwischen zwei Köchen begann, hat sich im Laufe der Jahre zu einem feurigen Kochduell mit Weltruhm gemausert. Nach Lust und Laune werden „Chili con Carne“-Eintöpfe um die Wette gekocht und das Leben zelebriert.

Ähnlich wie Geisterstädte sind auch Künstlerdörfer regelrechte Touristenmagnete, je nachdem, wie malerisch gelegen sie sind oder wer dort lebt und arbeitet. Das Wüstenstädtchen Marfa ist ein solcher Künstler-Hotspot und zeigt den Lone Star State von seiner kulturell modernsten Seite. Den Grundstein dafür legte der New Yorker Minimalist Donald Judd (Bildhauer, Maler und Architekt), als er das verschlafene Marfa zu seinem persönlichen Rückzugsort machte und die abstrakte Kunst aus dem fortschrittlichen New York in die texanische Pampa brachte. Heutzutage befindet sich auf dem ehemaligen Militärgelände, das Judd Anfang der Siebziger kaufte, die „Chinati Foundation“. Neben seinen eigenen Werken sind dort auch Lichtinstallationen des Minimalisten Dan Flavin und zwei überdimensionale Kupferzirkel der Künstlerin Roni Horn zu sehen.

Absurdität im Nirgendwo

„Um wirklich alle Kunstwerke in und um Marfa zu besichtigen, sollte man sich einen Tag Zeit nehmen, besser zwei“, empfiehlt Alvarez. Und man brauche ein Auto. Denn auf dem US-Highway 90 bei Valentine befindet sich das meistfotografierte Kunstobjekt der Region: Prada Marfa, eine Installation des dänisch-norwegischen Künstlerduos Elmgreen & Dragset, welche ein Prada-Schaufenster darstellt, in dem die Schuh-Herbstkollektion aus dem Jahr 2005 zu sehen ist.

Dass mitten im Nirgendwo Schuhe im Wert von Tausenden von Dollar ausgestellt sind, soll nicht nur Konsumkritik, sondern auch die Absurdität der überspitzten Markenkultur vermitteln. Skurriler als ein Prada-Store in der Wüste geht es wohl kaum.

Klimafreundliche Anreise
United Airlines fliegt von Wien mit zwei Stopps nach Odessa/ Midland, united.com. CO2-Kompensation ab Wien via climateaustria.at: 69,56 €
Mit dem Mietwagen geht es weiter in die Big Bend-Region (billigermietwagen.at). EU-Bürger müssen vorab die elektronische Reisegenehmigung ESTA beantragen.

Reisezeit
Die besten Jahreszeiten sind Frühjahr und Herbst, dann sind die Temperaturen sowohl in den Bergen als auch in den Flussregionen angenehm

Unterkunft
– Das Gage Hotel in Marathon eignet sich perfekt für einen Zwischenstopp auf dem Weg zum Big Bend Nationalpark gagehotel.com
 – Das viktorianische Hotel Limpia befindet sich  nahe des historischen Militärgeländes Fort Davis, hotellimpia.com
 – Das Hotel Paisano in Marfa ist berühmt, seit Elizabeth Taylor und James Dean  bei Dreharbeiten („Giant“) dort  waren. hotelpaisano.com

Essen
– Die White Buffalo Bar im Gage Hotel bietet Livemusik und eine große Tequila-Karte
 – Das Blue Mountain Bistro im Hotel Limpia  überrascht mit einem Mix aus Rib-Eye-Steaks, Tapas und franz. Landküche

Auskunft
traveltexas.de,
visitbigbend.com

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