Der geduldige König lässt sich gut fotografieren.

© Stephan Brünjes

freizeit Reise
11/16/2020

Point Pelee: Wo Millionen Schmetterlinge eine lange Reise starten

Vom zweitkleinsten Nationalpark Kanadas begeben sich jedes Jahr Millionen Schmetterlinge auf eine lange Reise.

Sind das zu große Turnhallen? Oder Hangars für Kleinflugzeuge? Vielleicht XXL-Schützenfestzelte? Fährt man von Toronto zur Point-Pelee-Halbinsel, kann man den Blick kaum auf der Fahrbahn des Highway 77 lassen, so sehr bestaunt man die Hunderte Meter langen, milchig-weißen Leichtbauwände. Cielo Vista steht auf einer Fassade. Frei übersetzt: Anblick des Himmels. Auf einer anderen Wand prangt Nature Fresh und das Blätter-Logo liefert den Hinweis, dass hier gigantische Gewächshäuser stehen, von innen bestrahlt mit künstlichem Sonnenlicht. Glühende Landschaften quasi, die halb Kanada ganzjährig mit Treibhaus-Obst beliefern.

Bald hinter Leamington aber wird es naturgrün. Point Pelee ist ein fünfzehn Quadratkilometer großes,  lang gezogenes Land-Dreieck, das aus der Luft anmutet wie undurchdringlicher Dschungel. Dabei sind nur fünf Quadratkilometer wirklich fester Boden, dicht bewaldet mit Ahorn, Eichen, Walnussbäumen und Ulmen. Der Rest besteht aus Savanne, Stränden, Sumpf- und Marschland mit stillen Entengrütze-Seen, durch die lange Boardwalks führen, mit Bänken zum Beobachten von Vögeln und (mit Glück) von Schlangen (alle ungiftig!). Bedächtig kann man hier im Kajak durchs Schilf paddeln und diese bewässerten Ruheoasen auf sich wirken lassen.

Das war einmal anders: „Bis in die Sechzigerjahre schoben sich Blechkarawanen über die schmalen Wege, Autos parkten Spiegel an Spiegel auf den lang gezogenen Stränden dieses Land-Dreiecks“, erzählt Park-Ranger Andrew LaForet und zeigt Schwarz-Weiß-Fotos, die mit heutigem Blick Kopfschütteln auslösen: Picknickende Wochenendausflügler sonnten sich hier, die Besitzer von etwa dreihundert Häusern im Park breiteten ebenfalls ihr Handtuch aus. „Doch in den Siebzigerjahren bekam Point Pelee als einer der ersten Nationalparks in Kanada einen Management-Plan, der unter anderem vorsah, alle Wohnhäuser, die Schule, das Hotel und die Post abzureißen oder – sofern transportabel – aus dem Park zu bugsieren“, sagt Andrew. Grundstücke und Immobilien durften nur an den Staat verkauft werden, zu festgelegten Preisen. „Für die Eigentümer sehr schmerzlich, wie auf Erläuterungstafeln nachzulesen ist. Aber wohltuend für Point Pelees Natur, wie man heute sieht.“

Denn der Nationalpark ist zwar der zweitkleinste des Landes, hat aber die meisten Tier- und Pflanzenarten. Was auch daran liegt, dass dieser südlichste, in den Eriesee ragende  Zipfel Ontarios auf dem 42. Breitengrad liegt, der auf der Höhe von Rom und Barcelona verläuft. Nur wenige Kilometer weiter südlich liegt im Eriesee Middle Island, dieser südlichste Punkt Kanadas gehört auch zum Nationalpark.

Das von Frühjahr bis Herbst sommerliche bis heiße Klima macht Point Pelee zu einer Art Natur-Airport für Zugvögel und Schmetterlinge. Während der ersten drei Mai-Wochen zwitschern aus jedem Wipfel Tausende Zugvögel wie Teichrohrsänger, farbenprächtige Prachtmeisen und Pirole durcheinander. Sie pausieren hier auf ihrer Reise in den Norden, und Point Pelee lädt Besucher dann zum „Festival of Birds“. Übernachten können einige von ihnen in vierundzwanzig Hauszelten mit Gaskochern und einfacher Camping-Ausstattung.

Langstreckenfalter

Im September hält dann sogar ein König Hof. Dieser König von Point Pelee thront dann – scheinbar huldvoll winkend – auf Blumen und Beeren und lässt sich als geduldiger Souverän aus nächster Nähe fotografieren: Der Monarchfalter, ein leuchtend oranger Schmetterling mit schwarz-weiß gestreiften und gepunkteten Flügeln, die er bedächtig hin- und her bewegt.  Auch der Monarch nutzt Point Pelee als Luftdrehkreuz. „Dieser kleine, zerbrechlich und windanfällig wirkende Flattermann fliegt von hier aus in sein Winterquartier nach Mexiko – viertausend Kilometer weit über den großen Eriesee, die USA und den Golf von Mexiko“, erzählt Andrew LaForet.

Entdeckt wurde diese enorme Schmetterlingsmigration erst 1976 – von einem Mann, der sein ganzes Leben der Falterforschung widmete: Fred Urquhart aus Toronto hatte die Idee, Monarch-Schmetterlinge an ihren Flügeln mit ultraleichten Clips zu markieren. Urquhart gelang es, für diese Aktion Hunderte Freiwillige in Kanada und den USA zu begeistern, die 1975 Zigtausende Schmetterlinge vor ihrem Abflug in den Süden kennzeichneten. Urquhart flog ebenfalls Richtung Mexiko und fand tatsächlich am 9. Januar 1976 inmitten von dichten Monarchfalter-Schwärmen  einen markierten Schmetterling. Es war PS 397, auf die Reise geschickt von zwei Schülern und einem Lehrer.

Genau das können Besucher im Point Pelee Nationalpark heute auch tun: Schmetterlinge unter Anleitung der Ranger quasi beringen und drauf hoffen, dass einer der Falter anhand dieser Kennzeichnung in der Ferne gefunden wird

Klimafreundliche Anreise
Point Pelee liegt an Ontarios südlichstem Zipfel, der in den Eriesee ragt. Ab Toronto (CO2-Kompensation 46,52 € via climateaustria.at ) liegt Point Pelee etwa vier Stunden mit Auto/Bus entfernt

Nationalpark
Der Park ist ganzjährig geöffnet, Hauptsaison ist von Mai bis Oktober. Der Eintritt ist mit knapp acht Dollar günstig. Infos: parscanada.gc.ca/pelee

Übernachtung
Das Hotel The Grove im Städtchen Kingsville ist stylish: Tresen aus gestapelten Retro- Koffern, Holzoptik in Zimmern, Lesesessel, mygrovehotel.com

Essen und Trinken
In Kingsville speist man gut im Grove Brew House, direkt neben dem Hotel. In der Pub-artigen Beerhall laufen Footballspiele auf Großbildschirmen, ruhiger ist es nebenan in der Lounge

Auskunft und Buchtipp
Dieser und weitere Geheimtipps in: „Kanada – Ontario: 40 Highlights abseits der ausgetretenen Pfade“ von Stephan Brünjes, Verlag 360° medien, 208 Seiten, 14,95€
Allgemeine Infos auf der Website ontariotravel.net/ger

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