Das Kleinwalsertal ist gar nicht so klein, eigentlich ist es sogar recht groß: 15 Kilometer lang und  6,5 Kilometer breit. Es ist nur über Deutschland zu erreichen, eine direkte Verbindung ins eigene Land gibt es nicht.

© (c) Susanne Hassler-Smith

freizeit Reise
09/19/2020

Kleinwalsertal: Die schönste Sackgasse Österreichs

Regionale und saisonale Kulinarik, Wertschätzung und Achtsamkeit, alpines Wellness und hohes Qualitätsbewusstsein: Von den Menschen im abgeschiedenen Kleinwalsertal lässt sich einiges an Genussfähigkeit lernen.

von Magdalena Meergraf

Wer ins Kleinwalsertal reist, darf sich kein klassisches Hochgebirgstal erwarten. Denn kaum eines zeigt sich von einer so sanften Seite: Weitläufige grüne Berge, bunte Blumenwiesen bis ganz oben, erst weit dahinter liegen schroffe Felsformationen. Auch Wald begleitet die fünfzehn Kilometer lange Route durchs Tal. Am Fuße des Widdersteins angelangt, gleich nach dem kleinen Ort Baad, endet die Straße plötzlich. Der imposante Berg markiert das Ende des Kleinwalsertals, hinter ihm liegt der Bregenzerwald. Ein anspruchsvoller Weg führt hinüber – den sind einst auch fünf bergbäuerliche Familien aus dem Oberwallis auf ihrer Suche nach einer neuen Heimat gegangen. Das Tal war damals noch Eigentum des Freiherrn von Rettenberg. Als es schließlich dem Herzogtum Österreich zugesprochen wurde, erhielt es seinen Sonderstatus. Das zu Vorarlberg gehörende Tal ist noch heute nur über Deutschland auf dem Straßenweg erreichbar.

Das Gebiet kann auf über 700 Jahre Besiedlungsgeschichte zurückblicken. Das sind fast so viele Jahre, wie sie auch das Gebäude des Biohotels Oswalda Hus in Riezlern erlebt hat: 600. Wer ein übliches 4-Sterne-Wellnesshotel sucht, ist hier falsch. Wer sich jedoch eine familiäre und gesunde Atmosphäre wünscht, wird sich wohlfühlen. Nur zwanzig Zimmer zählt das Hotel, zu Höchstzeiten halten sich sechzig Gäste auf. „Mehr sollen es nicht werden. Nur so können wir zu hundert Prozent ehrlich bleiben, in dem, was wir tun“, sagt Joachim Müller, der das Haus gemeinsam mit seinen beiden Schwestern führt. Diese Ehrlichkeit und Freude am Tun ist den Menschen im Kleinwalsertal wichtig. Von den ganzheitlichen Behandlungen und Yoga-Stunden bis hin zu Service und Rezeption macht Familie Müller fast alles selbst. Eine gesunde Atmosphäre für alle zu schaffen, bedeutet auch, so ihr Credo, selbst Ruhephasen einzulegen. Deshalb gibt es etwa an Sonntagen kein Abendessen.

Apropos Essen: Das Tal hat eine hohe Dichte an Lokalen mit hochwertiger Küche. Nicht umsonst wurde es zu „Österreichs Genuss Region 2019“ ernannt. Das kulinarische Erbe der Walserinnen und Walser wird mit viel Liebe gepflegt. Im Oswalda Hus kocht der Chef jedenfalls nur, was er selbst gerne isst. Eine Mischung aus traditioneller Küche mit mediterranen Einflüssen. Alle Produkte sind bio, im Idealfall Demeter-zertifiziert oder aus dem eigenen Garten. Kreative Fischgerichte bis hin zu verspielten vegetarischen und veganen Speisen. Auch das zählt zur gesunden Atmosphäre und ist – entgegen manch verbreiteten Irrglaubens – besonders schmackhaft. Das Abendessen findet für alle Gäste gemeinsam um 19 Uhr statt. Nicht nur, um den organisatorischen Aufwand zu verkleinern. Es geht um das bewusste Zeitnehmen für den Genuss.

Innere Stärke wiederfinden

Denn Genussfähigkeit ist eine Ressource innerer Stärke. Es geht nicht darum, nach dem mehr Erleben und Erhalten zu suchen, sondern die nahe liegenden Erfahrungen zu vertiefen. So erfreut man sich im Kleinwalsertal besonders an gutem Essen und an der Natur. Davon können sich Besucherinnen und Besucher einiges abschauen. Wer diese Freude intensiviert und wertschätzt, fühlt sich auch gestärkt für die Herausforderungen des Alltags. Studien zeigen, dass Menschen, die sich dem Genuss ungeteilt hingeben können, nicht nur kurzfristig mehr Wohlbefinden erleben, sie weisen generell eine höhere Lebenszufriedenheit auf. Sie leiden zudem weniger an Depressions- und Angstsymptomen. Dabei zeigte sich, dass man sich in Genuss- oder Entspannungsmomenten nicht gedanklich ablenken lassen darf, um davon zu profitieren. Familie Müller bittet ihre Gäste, das Handy während des Abendessens im Zimmer zu lassen. Das mag gefallen oder nicht. Immerhin: „So bekommen wir automatisch die Gäste, die wir auch gerne hier haben möchten.“

Rund 5.000 Menschen leben im Kleinwalsertal, doppelt so viele Gästebetten werden angeboten. „Ich denke, es ist dennoch ein lebenswertes Tal für die Bewohnerinnen und Bewohner geblieben“, sagt Joachim Müller. Tatsächlich schieben sich keine Massen durch die vier Ortschaften. Österreichische Gäste sind kaum anzutreffen. „Ihr Anteil macht vielleicht ein Prozent aus. Der Großteil kommt aus Deutschland, der Schweiz und den Beneluxstaaten.“ Der medienwirksame Besuch des Bundeskanzlers hat den Scheinwerfer Österreichs heuer kurz auf das Tal gerichtet. „Seither sind vermehrt Autos mit nieder- und oberösterreichischen Kennzeichen zu sehen. Beim ersten Mal, als ich an einem Tag mehrere davon sah, dachte ich, ich träume. Wir freuen uns natürlich“, berichtet der Besitzer eines Shops für Outdoor-Ausrüstung.

Wissen

Wanderführerin mit Herz: Daniela Schwendiger ist im Kleinwalsertal geboren und aufgewachsen. Sie kennt das Gebiet in- und auswendig. Seit rund 25 Jahren arbeitet sie als  Wanderführerin. Daniela führt  Gruppen nicht einfach nur auf und über die Gipfel,  vielmehr gestaltet sie ihre Touren als geologisch-botanische Abenteuer und zeigt wichtige Vernetzungen der Natur auf.

Geologie als Basis: Daniela hat sich ihr breites Wissen  im Selbststudium angeeignet. „Geologie ist die Basis. Geologie bedingt das Erdreich, und das Erdreich  die Botanik“, sagt sie. Das Kleinwalsertal  besteht aus Sedimenten. Doch ein Stein ist nicht gleich ein Stein – jeder trägt verschiedene Mineralien in sich. Daniela zeigt Gästen einige Beispiele (im Bild)

Alpenvegetation: „Wilde Alpenblumenwelt“ heißt eine Wanderung. Dabei bekommt man nicht nur die Blumenvielfalt  von Enzian bis Arnika (im Bild) und Alpenrose zu sehen, sondern lernt erneut von Zusammenhängen: „Die Bodenbeschaffenheit, die Himmelsrichtung und die Formation, in der die Blumen wachsen, sind wichtige, wissenswerte Kriterien.“

Gerade jetzt bricht die beste Jahreszeit für beschauliche Wanderungen an. Während andernorts bereits die Herbstnebel ins Land ziehen, leuchtet oben auf den Bergen die Natur mit der Sonne um die Wette. Die geografische Lage macht Touren bis November auf drei Höhenlagen möglich: im Tal an den Gebirgsbächen oder in der Breitachklamm, zwischen den Wiesen und natürlich von Gipfel zu Gipfel. Auch bei Wanderungen mit Daniela Schwendiger erfährt man allerlei über das „Genuss Prinzip“, über das Leben auf der Alp und über den Kräuterschatz vor der Haustür. „Ich möchte Menschen vermitteln, dass alles miteinander verbunden ist: Boden, Pflanzen, Tiere und wir Menschen.“ Wenn Schwendiger mit einer Gruppe wandern geht, hat sie besondere Methoden, um Gäste von ihrem Stresslevel runter und ins Jetzt zu holen. „Wenn wir in den Wald kommen, müssen alle mit zwei Metern Abstand voneinander gehen, keiner darf sprechen. Für die meisten ist es ein schönes Erlebnis.“ Manchmal müssen Menschen eben zum Genuss – ähm – ermutigt werden.

Auch zu Silvester ist das Kleinwalsertal übrigens zu empfehlen. Hier wird weitgehend auf Feuerwerke verzichtet. Wozu auch, bei diesem atemberaubenden Sternenhimmel, hier, in der schönsten Sackgasse Österreichs.

Klimafreundliche  Anreise
Für Zugreisende ist das 10 Kilometer entfernte Oberstdorf im Allgäu Ziel- und Endbahnhof. Von da geht es mit dem Taxi oder Bus weiter

Übernachtung
Bio-Hotel Oswalda Hus in Riezlern, Tel.  05517/59 29, oswalda-hus.at
DZ im Sommer ab 97 €,  im Winter ab 115 € (inkl. HP), Sonntagabend ist Ruhetag  – Preis daher um 25 € reduziert

Tipps
Freitags findet in Hirschegg ein kleiner Wochenmarkt mit regionalen Produkten statt.
Das Tourismusbüro organisiert verschiedene Touren, z. B.  mit Senner Gerhard oder  mit Wanderführerin Daniela.
Im Hoflaada in Mittelberg gibt es guten, würzigen Bergkäse und andere Spezialitäten

Praktisch
Mit der Allgäu Walser Card ist man kostenlos im ganzen Tal unterwegs –  gilt für Bus und Bergbahnen

Auskunft
kleinwalsertal.com

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