© Uwe Mauch

Reportage
08/15/2021

Endstation Dalmatien: Mit dem Zug von Wien nach Split

Der neue Zug schleicht langsam dahin, gibt unterwegs Rätsel auf, ärgert auch – und ist genau deshalb eine Empfehlung.

von Uwe Mauch, Christa Schimper

Die Zieleinfahrt nach einer sehr langen Nacht ist selbstverständlich triumphal, wenngleich nicht ganz so majestätisch wie das Ankommen mit dem Zug in der Kvarner Bucht via Opatija. Vom kleinen Bahnhof Perković bummelt unser EuroNight 1253 noch mehr als eine Stunde durch das bergige dalmatinische Hinterland. Doch irgendwann taucht zwischen den Felsen die Farbe des Meers auf, mit der Inselwelt dahinter. Und zum ersten Mal freuen sich die Bahnreisenden über diese nur langsam enden wollende lange 30-km/h-Zone.

Die Menschen in Dalmatien werden von ihren Landsleuten im Norden gerne als ein bisserl langsam beschrieben. Der Autoreisezug nach Split ist somit die optimale mentale Annäherung. „Polako“, wird der junge Lokführer am Ende sagen und lächeln. Polako ist langsam, nicht Bahn-Hochgeschwindigkeit.

Der EN 1253 rollt ohne Stau, ohne große Hektik im Hafen der dalmatinischen Hauptstadt Split ein. Zumindest in dieser Beziehung lässt er das Auto und den Flieger deutlich hinter sich. Wenige Meter nur sind es vom Perron zu den Fähren, die weiter zu den Inseln Brač, Hvar, Korčula, Šolta oder Vis führen.

Diese Anreise hat je nach Herkunft schon am Vortag in Bratislava (Abfahrt um 15.51 Uhr) oder Wien (Abfahrt um 18.01 Uhr) begonnen. Von Wien aus ist der Nachtzug laut Fahrplan 16 Stunden unterwegs, von Bratislava sind es sogar 18. Doch wer in den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens jemals Bahn gefahren ist, ist darauf vorbereitet, dass er noch weit mehr Zeit im Zug verbringen wird ...

Bei der Autoverladestation am Hauptbahnhof Wien füllt sich der Zug einigermaßen. Die neue Sommer-Nachtverbindung in Richtung Dalmatien ist das Produkt einer Kooperation der slowakischen und der österreichischen Bahngesellschaft: Die Lok stellen zunächst die ÖBB, die an die 1980er-Jahre erinnernden Schlafwagen, die beiden Sitzwaggons und das Personal die Železnice Slovenskej republiky.

Ist es das Fläschchen lauwarmer Prosecco oder die Freude auf den Urlaub? Die Stimmung an Bord ist angenehm entspannt. Im Abendlicht zieht der Semmering am Zugfenster vorbei. Er lädt zu jeder Jahreszeit ein, auszusteigen und loszuwandern. Bei aller Magie: Es wartet der Süden. Das Meer.

Noch bei Tageslicht passiert der EN 1253 die sattgrüne Mur-Mürz-Furche, Graz und das Grazer Becken, ehe im Grenzbahnhof Spielfeld-Strass bei älteren Semestern Bilder von Urlaubsfahrten in das ehemalige Jugoslawien auftauchen. In aller Ruhe werden Lokomotive und Lokführer getauscht. Bei einer Atempause draußen auf dem Bahnsteig taucht unweigerlich die Frage auf, inwiefern nationale Bahngesellschaften heute noch zeitgemäß sind.

In Spielfeld lässt Jugoslawien grüßen

Eingleisig führt die Reise weiter nach Maribor. Dass das zweite Bahngleis abgetragen und nie wieder gelegt wurde, was sagt das? In Maribor wird es Nacht. Wieder einmal wird der Vorsatz gefasst, das nächste Mal hier auszusteigen. Von der deutschsprachigen Minderheit wird die zweitgrößte Stadt Sloweniens Marburg genannt. Sie ist Gegenpol zur Hauptstadt Ljubljana und hat viel junge Kunst zu bieten.

Was die Reisenden des EN 1253 naturgemäß nicht mitbekommen: Die Bahnstrecke bis Split ist landschaftlich durchgehend schön und abwechslungsreich. Auch den Bahnhof Zidani most, in den Fahrplänen der Monarchie Steinbrück genannt und steinalt aussehend, sehen sie nicht. Ihn lässt ihr Zug kurz vor Mitternacht rechts liegen, ehe er entlang der Save fährt und am AKW Krško vorbeibrettert.

Dobova: Der Grant des Wieners erwacht

Beim neuerlichen Loktausch im Grenzbahnhof Dobova verdoppeln die kroatischen Eisenbahner die dreißig Minuten Verspätung, die ihre slowenischen Kollegen angesammelt haben. Ein über Jahrzehnte eingeübtes Ritual. Ebenso kundenfreundlich reißen die slowenischen Grenzpolizisten aus dem Schlaf, was den gelernten Wiener im Nachbarabteil zum ersten Mal grantig werden lässt. Lautstark lässt er uns alle wissen: „Nie wieder foahr’ ma mit der Bahn!“

Ein Railjet würde die kurze Strecke von der Grenze bis Zagreb in weniger als fünfzehn Minuten packen, wären die Gleiskörper nicht derart desolat. Nicht neu: Kroatien hat eines der schlechtesten Bahnsysteme in der Europäischen Union. Die wenigen internationalen Züge, die hier verkehren, benötigen mehr als 45 Minuten für die rund zwanzig Kilometer.

In der kroatischen Hauptstadt erinnert das Hotel Esplanade gleich neben dem Hauptbahnhof daran, dass hier auch einmal der luxuriöse Orient-Express Station machte. Der Bahnhof ist kleiner als jener in Graz. Das hat mit der Geschichte Zagrebs als Teil der Monarchie zu tun, erklären kroatische Historiker. Die ungarischen Aufpasser hätten in der Monarchie neben Budapest keine zweite Metropole geduldet.

Und es wird schon sehr bald Fahrgäste geben, die sich denken werden: Ach, hätte ich nur in Zagreb übernachtet! Die Oper, der Dom, der Kunstpavillon, das Grüne Hufeisen, der Markt Dolac – alles hätten wir uns ansehen können, und wären am Ende auch nicht viel später in Split gelandet.

Ab Ogulin: Lange Nacht der Lokomotiven

Via Karlovac (Karlstadt), wo ein gleichnamiges Bier gebraut wird, geht es eingleisig weiter nach Ogulin. Dort wird zum vierten und nicht zum letzten Mal in dieser Nacht die Lok getauscht. Weiter bis Split treibt Diesel den Zug an. Spätestens jetzt wäre über die ÖBB-Werbung zu reden: Der Lockruf mit der „Klimafreundlichkeit“ verhallt im Gedröhne der altersschwachen kroatischen Diesellokomotive.

Gut, das spartanisch eingerichtete, nur mäßig komfortable Schlafwagen-Kammerl mit Ostalgie-Bettzeugmotiven ist sauber, aber für Klo am Gang zahlt man anderswo viel weniger. Und fliegt zum Schleuderpreis nach Amerika. Passiert aber auch nicht die waldreiche Lika, die sich am ehesten mit unserem Waldviertel vergleichen lässt. Traditionell kühl sind die Sommernächte in der Lika. Linker Hand in Fahrtrichtung liegen die Plitvicer Seen, rechts hinter dem Velebit-Gebirge die Adria.

Mehr als vier Stunden benötigt der Zug für die rund zweihundert Kilometer von Ogulin nach Knin. Im Traum erscheint einem ein schwarzes Loch. Und Pierre Brice, der hier in der Nähe als Winnetou in die ewige Fernseh-Geschichte einreiten durfte. Der Häuptling der Apachen stoppt unseren Traum-Zug, um sich mit unserem jungen Schienenkutscher ohne viel Hektik ein Erfrischungsgetränk zu genehmigen.

Vor Knin geht ein Filter „kaputt“

Meet and greet: Im Mini-Bahnhof Pađene besteht die exklusive Möglichkeit, unseren Lokführer privat kennenzulernen. „Ein Filter ging kaputt“, erklärt er, ohne darüber erstaunt zu sein. „Auf die Ersatzlok werden wir jetzt mehr als zwei Stunden warten.“ Stolz erzählt der kroatische Eisenbahner dann, dass es einige Streckenabschnitte gibt, auf denen er sogar die 100-km/h-Schallmauer erreicht.

Seine Kollegen spielen derweil im Bahnwärterhäuschen Karten. So wie in alten Zeiten. Und der grantige Wiener packt das alles schon lange nicht mehr. Wenn ihn die ÖBB nicht vermittelt hätten ...

Zwei Stunden später in der Stadt Knin. Erneut Aufenthalt! Niemand sagt, warum. Ist halt so. Doch man höre und staune! Viele im Waggon klatschen Applaus, als der Zug irgendwann wieder anruckt.

Knin wurde zu Beginn des Jugoslawien-Krieges von den Serben erobert. Seit August 1995 weht oben auf der mächtigen Burg eine kroatische Fahne. Knin wird von Bergen umgeben, die Vegetation ist bereits mediterran. Kurz flackert die Idee auf, hier auszusteigen und die Reise per pedes fortzusetzen. Doch Vorsicht! Manches ist hier noch vermint.

Und dann Endstation Dalmatien! Die meisten Reisenden im EN 1253 sind bei der Ankunft neben dem Fährhafen in Split noch immer relativ gechillt, was angesichts einer Verspätung von vier Stunden doch erwähnenswert erscheint. Noch einmal sind jetzt die kroatischen Eisenbahner am Zug: Beim Rangieren der Waggons mit den geparkten Autos und Motorrädern spielen sie Katz und Maus. Egal. Der Blick gilt längst den Fährschiffen oder aber den Wegweisern zu den Badeorten an der Küste.

Fahrplan: Freitags und dienstags ab 18.01 Uhr von Wien nach Split; samstags und mittwochs ab 16.48 Uhr von Split nach Wien. In Wien müssen die Fahrzeuge bereits bis 16.45 Uhr bereitgestellt werden. In diesem Sommer noch bis Samstag, 11. September

Fahrkartenpreise: Sitzwagen ab 29,90 Euro (Standardpreis: 99 Euro); Schlafwagen (3er) ab 69,90 Euro (Standardpreis: 139 Euro); Schlafwagen (2er) ab 89,90 Euro (Standardpreis:  159 Euro); Schlafwagen Single ab 139,90 Euro (Standardpreis:  209 Euro); Motorrad-Mitnahme ab 79,90 Euro (Standardpreis: 99 Euro); Pkw ab 109,90 Euro (149 Euro). Achtung: Die Ab-Preise sind Sparschiene-Tickets, alle Preise nur in eine Fahrtrichtung.

Info und Buchung hier.

Und wenn dann Split endlich erreicht ist

Die große Hafen- ist auch die Hauptstadt Dalmatiens: Split ist mit knapp 180.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Kroatiens. Für Dalmatiner ist die Hafenstadt mindestens so wichtig wie die Metropole Zagreb im Norden des jüngsten EU-Landes

Abseits der touristischen Trampelpfade: Selbstverständlich ist ein „kava“ auf der herausgeputzten Stadtpromenade Riva Pflicht, auch ein Spaziergang durch die engen Gassen der Altstadt mit anschließendem Besuch des römischen Diokletianpalastes. Aber wenn Sie Zeit haben, besuchen Sie den schattigen Naturpark Marjan auf der gleichnamigen Halbinsel. Irgendwann ist dort Schluss mit Auto. Doch erst dort beginnt der mediterrane Wald so richtig zu duften, zu klingen, zu entspannen. Badetücher nicht vergessen!

Vor der Tür: Dalmatiens schönste Inseln: Fähren bringen Urlauber und Einheimische übers Meer. Brač ist die größte Insel, Hvar die Hippe, Korčula die Abwechslungsreiche, Šolta die Vergessene und Vis die weit Vorgelagerte 

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