Playa del Socorro:
Ein guter Strand für Surfer und all jene, die Entspannung und Nähe zur Natur suchen.

© Susanne Lintl

freizeit Reise
01/13/2020

Ein Hoch auf den Norden Teneriffas

Der Süden der Insel ist von Massentourismus geprägt, doch im Norden zeigt sich Teneriffa von seiner urtümlichen Seite.

von Susanne Lintl

Magali ist leicht sauer: „Ich dachte schon, ihr findet nie hierher“, bemerkt die Empfangsdame während sie uns die Treppen zum ersten Stock des alten Herrenhauses hinaufführt. Wir sind zerknirscht. Und müde. Tja, beim Reisen funktioniert manchmal nicht alles so reibungslos, wie man es sich wünscht: Verspäteter Flug, lange Schlange beim Autoverleiher, Einbruch der Dunkelheit, Herumirren in der unbekannten Provinz Teneriffas. Aber es war die Odyssee wert: Unser Ziel, die Hazienda de las Cuatro Ventanas nahe der Ortschaft Los Realejos, ist Teil eines aus sechs Gebäuden bestehenden Anwesens aus dem 17. Jahrhundert. Behutsam renovierte Häuser mit schiefen, knarzenden Holzböden, alten Meistern und jungen Designerstücken, mit Schlafzimmern im Blümchen-Landhausstil und ultramodernen Küchenzeilen.

Am Morgen schauen wir aus dem Fenster. Wow! Wir reiben uns die Augen. Wir befinden uns mitten in dichten Bananenplantagen. Direkt unter diesem grünen Staudenmeer liegt das echte Meer. Mit kleinem Strand, an dem sich – wie wir später feststellen – fast nur Einheimische tummeln. An unserer Eingangstür hängt ein Sackerl mit frischem Gebäck, der Kühlschrank ist gefüllt mit allem, was man noch für einen guten Start in den Tag braucht. Im Garten und im Erdgeschoß unseres Hauses herrscht geschäftiges Treiben: Es wird geputzt, gejätet, gegossen, parliert. Viele spanische Gäste sind hier mit ihren Kindern, die den Pool für sich okkupieren. Paare und Familien, die die gediegene Ruhe abseits des Touristenrummels genießen. Silvia kommt atemlos in den Gymnastikraum hereingestürmt – die Yogalehrerin, die an diesem Sonntag nur eine Schülerin hat. Eine ziemliche Herausforderung für mich.

Dann kreuzt Alberto auf. Mister Lässig in Jeans, gestreiftem Baumwollhemd und Espadrilles, die wie Sneakers aussehen. „Hola“, sagt Señor Del Hoyo, macht ein bisschen Frisch-angekommene-Gäste-Smalltalk und fragt: „Would you like to have a tour with me?“ – „Si, si, naturalmente“ antworten wir und steigen in Albertos alten Jeep. Er ist der Besitzer der Hacienda de las Cuatro Ventanas. Alter kanarischer Adel. Seine Vorfahren zählten zu den Ersten, die Ende des 15. Jahrhunderts die Insel in Besitz nahmen. Alberto arbeitete viele Jahre lang als erfolgreicher Marketing-Manager in Madrid und im Ausland, bis ihn die Erkenntnis einholte, dass es sinnvoller sei, seine Kenntnisse über Qualitätsbewusstsein und Vermarktung auf das eigene Familienerbe anzuwenden. Mit seiner Mutter, die sich ums Design kümmerte, machte er sich an die aufwendige Renovierung der brach liegenden Immobilien. Heute vermietet er mit seinem Unternehmen Be Tenerife sechs Haziendas – die einen ganz traditionell, die anderen in modernem Stil.

Alberto fährt mit uns in die Berge. Im wildromantischen Anaga-Gebirge wandern wir auf dem Weg der Sinne durch den dichten Wald. Wir bleiben an Aussichtspunkten stehen, an denen uns die Landschaft zu Füßen liegt. Passieren alte, kaum bewohnte Ortschaften, in denen sich die Häuser an die steilen Hänge klammern und kehren mittags in der Taverne von Oma Paca ein, wo man sich das Essen – traditionelle Hausmannskost – noch brodelnd in den Töpfen aussuchen kann.Auf dem Weg zurück, der wieder über endlose Serpentinen führt, zeigt uns Alberto noch von einer Anhöhe aus den Strand von Las Teresitas nördlich der Hauptstadt Santa Cruz, einen der populärsten Strände der Insel.

Am nächsten Tag setzen wir uns selber hinters Steuer und tuckern nach La Orotava, einem Bergdorf mit vielen Autos und wenigen Straßen. Man braucht gute Nerven, um einen legalen Parkplatz zu finden, wird aber mit prächtigen Kolonialvillen belohnt. In der ältesten Pasteleria des Ortes, der Casa Egon, genehmigen wir uns ein paar Blätterteigröllchen und einen Cortado. Mit der nötigen feierlichen Schwere besichtigen wir die imposante Kirche Nuestra Señora de la Concepción.

Nächste Station ist Garachico. Im 16. und 17. Jahrhundert der wichtigste Hafen der Kanaren und bedeutender Warenumschlagplatz zwischen Europa und Amerika. Direkt vor der Küste ragt steil der Fels Roque de Garachico aus dem Meer, am Ortseingang ist die Ermita de San Roque, die jedes Jahr beliebtes Ziel einer Wallfahrt ist, nicht zu übersehen. Im Restaurante Ardeola an der Uferstraße essen wir herrlichen Fisch und Salat mit fangfrischen Gambas. Für Fleischliebhaber gibt es auch tolle Steaks.

Was Schönbrunn für jeden Wien-Besucher, ist für den Teneriffa-Urlauber der Besuch im Teide-Nationalpark. Um ihn kommt man nicht herum. Die archaische Landschaft, die mit ihren Kratern und Felsformationen und ihrer kargen Flora gerne als Kulisse für Science Fiction-Filme genutzt wird, ist ein Erlebnis. Es hat etwas Kontemplatives, unbeirrt von den hingekarrten Bus-Touristengruppen im Auto die Gegend zu durchstreifen, immer wieder stehen zu bleiben, Fotos zu schießen und schließlich am Ende der Straße beim (nicht öffentlich zugänglichen) Observatorium zu landen. Die Seilbahnfahrt auf den Pico del Teide, den höchsten Berg Spaniens, ist gar nicht notwendig, um die Großartigkeit und Schönheit der Natur zu gegenwärtigen.

 

Anreise
Austrian Holidays fliegt einmal pro Woche in rund sechs Stunden direkt von Wien nach Teneriffa. CO2-Kompensation via climateaustria.at: 15,77 Euro. Die Temperatur auf den Kanaren sinkt auch im Winter selten unter 20 Grad.

Be Tenerife
Alberto del Hoyo bietet sechs Haziendas an. z.B. Villa Marques de San Andres mit zwei Schlafzimmern im Februar pro Nacht um 230 Euro. Del Hoyo will in seinen Häusern rund um den Ort Los Realejos Interesse für Land und Leute wecken. Gäste machen sich mit der Region vertraut, entdecken ihre Schönheiten und Reize. Sein Netzwerk mit Gleichgesinnten vermittelt ein authentisches Bild davon, was der Norden Teneriffas kann: Interessierte werden von Winzern der Region, innovativen Erzeugern landwirtschaftlicher Produkte, Künstlern oder Küchenchefs  herzlich empfangen. Buchungen: betenerife.com, haciendacuatroventanas.com

Essen
–  Restaurant Meson Casa Mi Madre im Nachbarort von Los Realejos, in Las Aguas: ganz frischer Catalufa-Fisch mit den inseltypischen kleinen Erdäpfeln und  großartigem Ensaladilla Langostinos. Fast nur Einheimische, keine Website, +34 647 94 40 09
– Casa Papa in Benijo: ausschließlich Hausmanns- kost wie Escalon de Gofio (Pasta aus geröstetem Getreidemehl und Gemüse od.  Fleischfond, mit Schafkäse- stücken, Fisch oder Fleisch). Tel. +34 922 59 02 44
– Tasca José mi Niño in Arona:  keine Speisekarte, der Wirt bestimmt, was gegessen wird. Er bringt  Speisen an den Tisch, bis man glaubt, man platzt. la-cocina-de-joseminino.
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Auskunft
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