© Amélie Losier

freizeit Reise
10/11/2020

Führung durch Babylon: Berlin in den 1920er-Jahren

Einblick in das Berlin der 1920er-Jahre, wo es nicht nur geglänzt hat, sondern auch viel Staub gab.

von Sandra Lumetsberger

Die Luft ist feucht, es riecht säuerlich. Wer unter dem S-Bahn-Viadukt an der Friedrichstraße vorbeigeht, würde nicht vermuten, dass sich hinter der schweren Eisentür eines der exklusivsten Lokale Berlins verbirgt: die Bar Tausend. Fans der Serie „Babylon Berlin“ kennen sie besser als „den Holländer“, ein Nachtclub, wo Homosexuelle, Transvestiten und Heteros feiern. Die Bar steht für das liberale, weltoffene wie frivole Berlin der 1920er-Jahre.

Babylon Berlin

Eines, das Historiker Arne Krasting schon lange vor der Serie faszinierte. Der Mann mit der Schiebermütze, Karohose und den schwarzen Lederschuhen sieht aus, als würde er gleich zum „Schwof“ gehen. Aber seine Leidenschaft geht weit über 20er-Tanzabende und Kostümpartys hinaus: Er macht einen Podcast (Goldstaub) und führt Film- und Nostalgiefans durch Berlin (zwanziger-jahre-berlin.de).

Und an die Ecken, wo es in der Weimarer Republik nicht nur geglänzt hat, sondern wo es auch viel Staub gab. Vor der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz etwa. Früher Scheunenviertel genannt, lebten hier die Ärmsten der Armen. Die Kommunisten hatten ihre Zentrale gegenüber des Theaters. Immer wieder kam es zu Zusammenstößen, wie am 1. Mai 1929, als sich Menschen über das Demonstrationsverbot der SPD-Regierung hinwegsetzten, die Polizei auf sie schoss. „Es war eine extrem instabile Zeit. Die Menschen haben politisch und wirtschaftlich ums Überleben gekämpft“, sagt er. Umso mehr bewundere er die damaligen Leistungen wie die Architektur – „schlicht, zeitlos“, sagt er und zeigt auf die Fassade vom Kino Babylon. Es ist das einzige seiner Zeit, das noch in Betrieb ist. Ebenfalls überlebt hat das Soho Haus, ein Privatclub für Selbstständige und Kreative. Früher war es das Kaufhaus Jonaß, wo nach der Enteignung des jüdischen Besitzers zuerst die Hitlerjugend residierte, dann in der DDR die Einheitspartei SED.

Trinken: Bier & Buletten im Alt Berlin, Brasserie-Flair in der Joseph Roth Diele; eher exklusiv: Bar Tausend
Tanzen: In Clärchens Ballhaus wird seit mehr als 100 Jahren „geschwoft“, wie Berliner sagen; ebenso im Ballhaus Berlin. Wer lieber zusehen mag: 1920er-Jahre Revue im Wintergarten Varieté
Träumen: Savoy Hotel, Hotel-Pension Funk & Hotel Ellington: früher Femina-Palast, ein beliebter Tanzsaal

Wenn Krasting so durch die Stadt geht, muss er oft an den Filmtitel „In weiter Ferne so nah“ von Wim Wenders denken. „Vieles das hier vor 100 Jahren entstand, ist uns heute sehr nahe: Wie wir wohnen, wo wir uns bewegen“. Davon zeugen die zwei Gebäude am Alexanderplatz, wo einst Büros und Geschäfte waren. Eigentlich wollte man noch mehr Modernes bauen, „aber das Geld ging aus“. Der Grund: Die Weltwirtschaftskrise 1929/30, erzählt er und führt zum Stadthaus, wo der Börsencrash gedreht wurde. Genau darum geht es auch in der neuen Babylon-Staffel, verrät der Historiker, der als Komparse mitspielte. Das Nachtleben steht dagegen weniger im Fokus.

So wie damals wurde später kaum noch gefeiert. Wenn, dann in den 1990er-Jahren nach dem Mauerfall, die ähnlich den 20ern ein politischer Um- und gesellschaftlicher Aufbruch waren, so Krasting, der sich an die legalen und illegalen Clubs erinnert – oft in einem Keller. „Niemand würde dafür heute eine Genehmigung bekommen.“

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