© Christina Fuchs

freizeit Reise
08/23/2020

Am Meer der Erinnerungen: Die Obere Adria 30 Jahre danach

Die Sommerferien waren gleichbedeutend mit Urlaub an der Oberen Adria. In Jesolo habe ich zum ersten Mal Salzwasser geschluckt. 30 Jahre danach kehrte ich an den Strandabschnitt meiner Jugend zurück.

von Marco Weise

Kinder, wir sind da! Das waren Mamas erlösende Worte nach sieben Stunden Autofahrt. Endlich aus dem unklimatisierten Auto und rein ins Vergnügen. Eine Woche Italien. Das war für mich in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern die Kür in den Sommerferien. Während andere nach Kroatien fuhren oder in heimische Seen sprangen, lagen wir in Jesolo am Strand.

Zuvor galt es aber, die Pflicht zu erfüllen: kein Fünfer im Zeugnis und die um nicht viel einfachere Anreise. Spätnachts wurden meine Schwester und ich geweckt und noch im Halbschlaf auf die Rückbank eines VW Golf II gesetzt – gelenkt von Papa, der uns sicher ans Ziel brachte. Wir fuhren über kurvenreiche, schlecht beleuchtete Landstraßen, durch lange Tunnel und über holprige Autostradas – immer in Richtung Süden. Man überwand vom niederösterreichischen Mostviertel kommend Serpentinen (Präbichl) inklusive der damit oft einhergehenden Übelkeit, musste an Grenzen warten, blickte grimmigen Zollbeamten und Polizisten ins Gesicht und sah die Sonne aufgehen. Und dann war man plötzlich in einem anderen Land. Mit einer anderen Sprache und einem anderen Geld.

Eine Woche Italien. Das war jahrelang Familien-Fixpunkt im August. Es war die willkommene, nein, heiß herbeigesehnte Abwechslung in den Sommerferien. Die Pommes im nahen Freibad tauschte man gegen eine Pizzaschnitte. Der Bademeister hieß Bagnino und sah (zum heimischen Pendant mit Bierbauch und Badeschlapfen) zumindest so aus, als ob er Leben retten könnte: Er saß mit verspiegelten Sonnenbrille auf seinem Hochstand und hatte alles im Auge – besonders die Ragazze.

 

Sandkiste

Kürzlich kehrte ich an jene Orte zurück, die mich durch die Sommerferien meiner Kindheit begleiteten. Eigentlich wollte ich nach Sri Lanka. Oder nach Thailand. Ans andere Ende der Welt. Ein Urlaub ab der Oberen Adria stand hingegen ganz unten auf meiner langen Liste voller Destinationen mit klingenden Namen, die ich unbedingt noch bereisen möchte. Lignano, Bibione, Jesolo ... schon alles gesehen, dachte ich mir: die überfüllten Strände, die wohl größte Sandkiste Europas, das endlos flache Meer, die Restaurants mit zu vielen Österreichern und Deutschen am Nachbartisch. Aber Corona hat die Liste auf den Kopf gestellt. Perchè no? Warum auch nicht. Urlaube ich einfach wie damals. Außerdem wurde von leeren Stränden unter der Woche berichtet. Das wollte ich sehen.

Dreißig Jahre nach dem letzten Aufenthalt in Jesolo setzte ich mich also selbst hinters Steuer. „Gleich sind wir da. Einen Kreisverkehr noch. Da vorne links sollte das Hotel sein. Geschafft.“ Meine Freundin auf dem Beifahrersitz hat mich unfallfrei durch die gefühlten 345 Kreisverkehre gelotst. Die Füße schmerzen, der Kopf raucht, die Augen sind müde. Wie damals gilt auch heute: sofort ans Meer. Mit dem Sand zwischen den Zehen werden zahlreiche Erinnerungen geweckt. Schon verloren geglaubte Gerüche kehren zurück: Es ist eine Mischung aus Staub, Sand, Schweiß, Sonnencreme, einer in der Sonne trocknenden Schwimmmatratze, verfeinert mit Salzwasser, dem Chlorgestank vom hoteleigenen Pool und dem Duft von frisch getoasteten Panini des angrenzenden Strandbuffets. So wie jetzt haben auch die Sommertage in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern gerochen. Es ist eine Reise zurück in die eigene Kindheit: Schaut man den Bambini beim Spielen zu, sieht man sich selbst – bewaffnet mit Schaufel und Kübel – beim Graben. Wie wenig es oft braucht, um Kinder glücklich zu machen.

 

Ich komme an jenem Hotel vorbei, in dem wir einst geschlafen haben. Man ist zurück an einem fremden Ort, der einem trotzdem vertraut geblieben ist. Vieles sieht noch genauso aus wie damals, wobei rundherum viele neue Hotelburgen errichtet wurden – noch mehr Platz für noch mehr Touristen.

Bei all der lokal vorhandenen Italianità ist Österreich immer ganz nah: Der Kellner spricht ähnlich gut Deutsch wie jener in der Wiener Stammpizzeria, deutsche und österreichische TV-Sender sind im Fernseher des Hotelzimmers voreingestellt. Bei so viel Vertrautheit sollte trotzdem stets eines bedacht werden: Hier wird man verstanden. Den Kellner einen Trottel schimpfen und den Streit mit der Liebsten am Frühstückstisch auszutragen, ist keine gute Idee.

Cocco bello

Für die Hochsaison Anfang August ist tatsächlich wenig los. Unter der Woche sind knapp ein Drittel der Strandliegen frei. Mit der Ruhe und der Bewegungsfreiheit ist es am Wochenende aber vorbei, denn da strömen viele Italiener an ihr Meer. Am Strand wimmelt es tagsüber, abends sind die Bars und Restaurants sehr gut gefüllt. Kaum vorstellbar, dass hier normalerweise noch mehr Menschen zur gleichen Zeiten ihren Urlaub verbringen. Während sich der Urlaubsgast über reduzierte Auslastung freut, kann die Hotellerie dem naturgemäß wenig abgewinnen. Weniger Gäste bei gleichbleibendem Aufwand lässt viele Betriebe stöhnen. Auch Hotelschließungen gibt es bereits.

Von Umsatzeinbrüchen bis zu fünfzig Prozent berichtet Romano Alessandro, Besitzer eines kleinen Shops am Strand. Normalerweise verkaufe er bis zu zehn Bild-Zeitungen und sieben KURIER am Tag. Jetzt seien es nur noch ein bis zwei KURIER und eine Bild am Tag. Noch schlechter erwischt haben es die Strandverkäufer mit ihrem Ethno-Schmuck, ihren Badetüchern, gefälschten Handtaschen, Uhren, Sonnenbrillen und Gürtel. Corona-bedingt ist keiner von ihnen am Strand unterwegs. Auch der Kokosnussverkäufer scheint arbeitslos zu sein. Die „Bello-cocco-cocco-bello“-Rufe vermisst man schmerzlich.

Bevor es vom Meer Abschied nehmen heißt, dreht man noch eine letzte Runde am Strand. Noch einmal die Füße in den feuchten Sand graben. Noch einmal durchatmen und die Lungen mit Meeresluft füllen. Dabei werde ich von einem wehmütigen Gefühl heimgesucht: Eine Woche Bella Italia war schon immer zu kurz. Waren es früher meine Eltern, die mich getröstet haben, so erledigt das diesmal meine Freundin: „Wir kommen wieder.“ In diesem Sinn: Arrivederci!

INFOS

Klimafreundliche Anreise:
Mit dem Zug ab Wien nach Venezia Mestre, dann mit dem Bus weiter nach Jesolo.
Fahrzeit: rund neun Stunden

Corona-Maßnahmen
Italien ist für Österreicher derzeit die bequemste Möglichkeit, Meerluft zu schnuppern. Urlauber aus Österreich  dürfen  derzeit ohne Auflagen einreisen und sich ungehindert bewegen. 
In Geschäften, Zügen oder anderen geschlossenen Räumen gilt Maskenpflicht, die penibel eingehalten wird 

Unterkunft
Jesolo: Hotel Capitol*** 
5 N/HP ab 310 Euro p.P. 
Tel. +39/0421/971 532 hotel-capitol.it 

Lignano: Park Hotel ****
5 N/HP ab 350 Euro p.P.
Tel. +39/0431/422 380 parkhotel-lignano.com

Caorle: Hotel San Giorgio ****
5 N/HP ab 360 Euro p.P.
Tel. +39/0421/260 050
hotelsangiorgiocaorle.com

Kontakt: Infos und Buchung zu allen genannten Hotels unter apogia.net und ruefa.at. Italienische Zentrale für Tourismus: enit.at 

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.