© Visit Berlin/Dagmar Schwelle

freizeit Reise
11/23/2020

Berlin: 3,7 Millionen und doch Dorf

Die deutsche Hauptstadt wuchs vor hundert Jahren aus Gemeinden und Nachbarstädten zur Metropole Groß-Berlin. Wir fragten unsere Korrespondentin, an welchen Orten Berlin noch Dorf geblieben ist.

von Sandra Lumetsberger

Wer die Berliner Karl-Marx-Straße mit ihren vielen Geschäften, Sonnenstudios, Bäckereien, Obst- und Gemüseständen an der Ecke Uthmannstraße für ein paar Hundert Meter verlässt, steht in einer anderen Welt: Kirchplatz, Schmiede, Wasserpumpe, Häuser mit Vorgärten und frühere Bauernhöfe böhmischer Einwanderer. Das Dorf in der Stadt heißt Rixdorf. Es liegt in Neukölln, einem Bezirk mit 330.000 Einwohnern aus 160 Nationen, der bunt und belebt, manchmal etwas ruppig ist, was Berliner Boulevardzeitungen gerne überzeichnen.

Wer von Parallelwelten spricht, müsste es auch in der dörflichen Idylle tun. Denn um den Rixdorfer Richardplatz wandern nicht nur ältere Anwohner mit Hunden, deren Bäuche am Boden streifen. Jüngere in Berliner Mode-Uniform, klobige Turnschuhe, schwarze Synthetik-Hose und Bomberjacke, wärmen ihre Hände an Glühwein to go. Ein paar Meter weiter spielen sie Pingpong am Böhmischen Platz. Vor einem Jahr zogen hier Autos durch, jetzt sind es Lastenfahrräder. Abbremsen müssen sie an diesem Nachmittag höchstens für die Menschentraube, die sich vor einem Café ohne Einrichtung für Kuchen und Kaffee zum Mitnehmen anstellt.

Den Traum vom Dorf wollen hier viele leben. Die Zuzügler aus den Bundesländern, die „Rollkoffer-Fraktion“ und jene, die Touristen so nennen und schon immer hier waren. Über das Wie wird gerungen. Dort, wo für die einen Berlin cool sein soll, wird es für andere uncool. „Ich hab’ mal hier gewohnt“, steht in krakeliger Schrift auf einer Hausmauer.

Fragen zu Wohnen und Verkehr beschäftigte die Verwaltung in Berlin bereits vor hundert Jahren. Als man beschloss, die preußische Haupt- und Residenzstadt zu erweitern. Durch ein Reformgesetz wurden sieben Nachbarstädte wie Neukölln, neunundfünfzig Landgemeinden und sechsundzwanzig weitere Gutsbezirke im Oktober 1920 auf einen Schlag Teil von Groß-Berlin. Damit vergrößerte sich die Fläche um das Dreizehnfache von 66,93 auf 878,1 Quadratkilometer. Gemessen daran mutierte Berlin zur zweitgrößten Stadt der Welt nach Los Angeles. Der Bevölkerungszahl nach rangierte es auf Platz drei hinter London und New York.

Schöneberger, Charlottenburger, Spandauer und Köpenicker waren plötzlich Metropolen-Bewohner – ohne es zu wollen. Eigenständig und wohlhabend waren ihre Städte im Vergleich zur ärmlichen Hauptstadt. Selbstbewusst stampften sie Jahre vor der Zusammenlegung Rathäuser aus dem Boden, die Residenzen glichen. Jenes in Charlottenburg soll das Schloss von Kaiser Wilhelm II. überragt haben, zum Missfallen des Monarchen.

Noch heute fallen einem die pompösen Rathäuser auf – in der Stadt, die zuerst zusammenwuchs, dann durch eine Mauer auseinandergerissen wurde, und bis heute voller Kontraste ist: alte Dorfkerne zwischen Einkaufsstraßen, Luxusdachwohnungen auf ehemaligem kommunistischen Sperrgebiet, bürgerliche Schrebergärten unweit von besetzten Häusern. Das wundert in Berlin kaum wen, höchstens Besucher, die nach dem Zentrum oder der Altstadt fragen. Die gibt es historisch zwar, das Nikolaiviertel als ältestes Siedlungsgebiet der Stadt an der Spree. Doch das Leben vieler Berliner spielt sich im eigenen Kiez (der Wiener würde Grätzl sagen) ab und nicht zwischen Souvenirläden und Ausflugsschiffen. Wer sich auf die Stadtteile einlässt, erlebt überraschende Perspektiven.

Grün und Grau

So ist Marzahn mit der größten Plattenbausiedlung Europas der grünste Bezirk Berlins. Mit der Seilbahn schweben Italiener wie Koreaner in die „Gärten der Welt“. Eine Parkanlage mit Pflanzen und Blumen im Stile Balis wie Britanniens. Anderorts in Friedrichshain sind Bürgeridyll und Clubkultur nur eine S-Bahn-Station voneinander entfernt. Wie auf der Halbinsel Stralau, die zwar zum Szene-Bezirk gehört, doch Geschäfte, Kneipen und Restaurants sucht man vergebens. Stattdessen gibt es Stille und viel Wasser. Hier ist immer Sonntag, findet ein Stralauer, der frühmorgens eine Runde in den Gewässern paddelt, bevor er per Bahn in die werktägliche Parallelwelt entschwindet und abends wieder zurückkehrt.

Die Verbundenheit zum eigenen Ortsteil und dem dortigen Lebensgefühl ist größer als jene zur gesamten Stadt. Je weiter man den S-Bahn-Ring verlässt, umso deutlicher wird dies. Dort, wo die Wohnblöcke von Treptow-Köpenick weniger, die Wälder dichter und das Wasser mehr werden, liegen Orte wie Friedrichshagen und Müggelheim: Backstein-Häuser, kopfsteingepflasterte Gassen, Cafés mit DDR-Softeis für Ausflügler – alles Teil von Berlin und doch ist die Stadt hier weit weg. Ein Kleinod, das höchstens Wildschweine stören. Wie in diesem Sommer, als ein Tierclan einem Badegast am Teufelssee in den Müggelbergen die Tasche samt Laptop abnahm.

 

L - wie Lieblingsorte

Der Park am Gleisdreieck zwischen Kreuzberg und Schöneberg könnte auch in New York City sein. Früher rollten hier Güterzüge, dann sollten es Autos. Dem Protest der Berliner verdanken Skater, Sonnenanbeter, Läufer und Laubenpieper (Berlinerisch für Schrebergärtner) eine der größten Stadtgrünflächen – mit zum Café umgebauten Container und Spielplätzen, wo selbst Erwachsene Lust auf Herumklettern und Balancieren bekommen.

In den Akazienkiez startet man am besten vom Markt am Winterfeldtplatz, geht zuerst die Goltz- und dann die Akazienstraße entlang – mit Feinkostläden, Frühstückscafés , Bars, Restaurants und kleinen, individuellen Geschäften für Schmuck, Reisebücher, Bastelbedarf, Deko bis Secondhand. Viele davon sind seit Jahrzehnten im Kiez ansässig und Originale.

Im Kino International unweit vom Alexanderplatz hat man  nicht den schönsten Blick auf die Leinwand, sondern aus den Panoramafenstern im holzvertäfelten Foyer mit der 60er-Garnitur und Bar. Zwei Jahre nach dem Mauerbau (1961) in der DDR als Premierenkino eröffnet, steht es heute unter Denkmalschutz und ist jährlich Spielort der Berlinale.

Infos

Klimafreundliche Anreise: Von Wien, Linz und Graz gibt es Bahn-Direktverbindungen nach Berlin (oebb.at)

Übernachten: Bahnhofsnah, günstig: Motel One, motel-one.com; Modern, cool: 25hours Hotel Bikini Berlin mit Blick über den Zoo, 25hours-hotels.com

Essen und Trinken: In Berlin, wo fast täglich eine Sauerteig-Pizzeria oder ein Ramen-Lokal aufsperren, ist es oft schwer, den Überblick zu behalten. Hip, vor allem aber seit Jahren sehr gut: Peruanisch im Chicha (chicha-berlin.de); Trüffel-Spaghetti beim Mädchenitaliener (maedchenitaliener.de). Für Berliner Küche ist die Kleine Markthalle zu empfehlen (zur-kleinen-markthalle.de). Sehr gute Currywurst gibt’s im Imbiss von Caro Beyer am Winterfeldtmarkt (Mi. und Sa.). In der Ankerklause, der Hafenbar am Landwehrkanal lässt sich gemütlich Bier und Wein trinken (ankerklause.de)

Aussicht: Wer sich den Fernsehturm am Alexanderplatz sparen will, fährt auf die Dachterrasse des „Park Inn“ gegenüber. Oder steigt 104 Stufen in der Zionskirche hinauf, einst Treff der DDR-Opposition (So. 12–17 Uhr)

Allgemeine Infos: visitberlin.de und berlin.de

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.