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freizeit
03/06/2021

Wo schon jetzt Frühling ist und wo er bald hinkommt

Schneeglöckchen setzten bereits erste Zeichen. Die freizeit spürte mit Wetter- und Pflanzen-Experten Orte auf, wo die Natur schon aufblüht.

von Florentina Welley

Die Natur wacht früher und früher auf, erste Boten schürten schon vor Wochen die Vorfreude auf den Frühling. So blühten Schneeglöckchen bereits zu Jahresbeginn in den Donauauen; im Sommer bereichern seltene Orchideenarten im Gebirge Blumenwiesen, und  zwischen heimischen Weinstöcken wachsen sogar Oliven- und Feigenbäume. Nicht nur Blumenexperten fragen sich angesichts dieser Tatsachen, ob denn die  Vegetation verrückt spielt.

Was ist die Ursache für diese ungewöhnliche Botanik? Ist es wirklich der allgegenwärtige Klimawandel? „Nicht unbedingt“, erklärt  Pflanzenexperte Karl Hillebrand, „denn die Natur ist nie statisch gewesen“. Er schlägt uns zur genaueren Blütenrecherche die heimische Rax oder auch die nachbarlichen Mittelmeerküsten vor. Denn dort erwarten uns schon jetzt besondere  Farbspiele in leuchtendem Gelb und Rosarot, etwa an den Küsten Griechenlands und Zyperns (wir haben sie im Bild).

Im gesamten Mittelmeerraum duften Inseln und Küstengebiete schon jetzt nach herrlichen Kräutern und der blühenden Phrygana, dem bekannten Buschwerk, das die Küsten säumt

Wir kennen zwar alle dieses dichte Buschwerk, die sogenannte Phrygana, wissen aber meist nicht genau, welche Pflanzen das sind. „Auffällig ist das gelbe Brandkraut und die rosa Zistrose, die schon jetzt ihre prächtigen Blüten öffnen“, so der Experte. Hält der Frühling im mittleren und südlichen Mittelmeer früher Einzug, beginnt er im nördlichen mediterranen Gebirge etwas später, ab April.

In Portugal hat der Frühling schon begonnen: die rosafarbenen Zistrosen blühen entlang der Küsten

Wie im Hinterland von Istrien, in Slowenien, im Norden Kroatiens, wo es nicht mehr viele Immergrüne gibt. Dort findet man aber  auch eine Vielzahl von Pflanzenarten – die Biodiversität kann sich besonders  gut entfalten. Wann Pflanzen zu blühen beginnen, hängt, neben Klima und Sonne, auch von der Bodenbeschaffenheit ab.

Besondere Blüten

So blühen wilde Pfingstrosen, bei uns häufig  in heimischen Gärten kultiviert, schon ab April  in Kroatien. Genau wie die Iris, auch Schwertlilie genannt. Letztere ist ab April  sogar im heimischen Leithagebirge zu finden. „Diese Pflanzen kommen zwar auch am Balkan vor, aber das pannonische Klima und die steinigen Böden, die hier in den Hainburger Bergen und im Leithagebirge heimisch sind, sind nahezu ideal für Zwergschwertlilien“, erklärt Karl Hillebrand.

Der Erhalt der Almen und Blumenwiesen ist besonders für die Artenvielfalt der Pflanzen und Insekten wichtig. Narzissen und Schwertlilien blühen ab April

Ungewöhnlich auch die Pflanzenvielfalt auf der niederösterreichischen Rax und in den angrenzenden Tälern, wo sich schon jetzt ein einzigartiger, blühender Alpengarten entwickelt. Oben im Gebirge ist  das Edelweiß heimisch, das allerdings erst im Sommer zu finden ist. Aber unten im Tal blühen zwischen den beeindruckenden  Stämmen  der Schwarzföhrenwälder schon jetzt Schneerosen und  Schneeheide bis Ende des Monats.
Wer Besonderes sehen will, wird ab Mai im Osten Europas fündig. Hier zeigt sich die Steppe in einem feinen, seltenen Blütenkleid. Zwischen Bulgarien, Ungarn, bis in Teile des Weinviertels und der Wachau, entlang der Thermenlinie und im Burgenland, wogt das zarte Federgras, auch Frauenhaar genannt,  silbrig im Wind. Auch der rosa Diptam liebt den Steppenboden. Seine Blütenähren enthalten ätherische Öle und duften  intensiv.

Die pinkfarbene Grasnelke liebt es eher kühl und ziert etwa die Küsten Englands

„Pflanzen sind empfindliche Messinstrumente der Atmosphäre“, erklärt Klimaexperte Herbert Formayer. „Schon ein Grad Temperaturanstieg kann im Frühjahr die Blüte, etwa bei der Hasel oder Kirsche, um eine Woche früher zum Blühen bringen.“ Auch die vielen Klimazonen, von der mediterranen bis zur arktischen in Russland, erklären die unterschiedlichen Blütezeiten.

Der Frühling macht, was er will

So läutet die Kirschblüte bereits im Februar den Frühling in Europa ein, wenn der Winter  mild war – allerdings nur in Portugal. Bei uns blüht die rosa Kirschblüte erst ab Anfang April (etwa die Kirschblüte am Fuß des Leithagebirges zwischen Donnerskirchen und Purbach, am Foto oben). Und weil sich die Klimazonen quer durch Europa ziehen, kommt der Frühling erst im Mai in Russland an, etwa  zum selben Zeitpunkt wie bei uns in den Gebirgen. Auch wann genau der Sommer beginnt, ist reine Definitionssache, so Herbert Formayer. „Denn im Süden bleibt die Vegetation das ganze Jahr über grün, während sie bei uns erst im Frühjahr frisch ergrünt“.

Die Apfelblüte beginnt in Südtirol etwas früher als in Österreich, temperaturbedingt etwa ab Ende März

Bei der Apfelblüte zeigt sich  der Einfluss des Klimawandels deutlich. „Viele Bauern erinnern sich, dass in den 1960er- und 1970er-Jahren die Apfelblüte später einsetzte. Jetzt blüht der Baum etwa um zwei Wochen früher als in den 1970er-Jahren“, sagt der Klimaexperte. „Das sind deutliche Signale, dass es wärmer geworden ist. Hier gilt die Faustregel: ein Grad mehr im Plus, bedeutet eine Woche frühere Blütezeit.“ Wann der Frühling wo beginnt, kann also von Jahr zu Jahr unterschiedlich sein.
Aber Klimawandel kann manchmal sogar Gutes bedeuten.  „Auch wenn sich klimatische Bedingungen ändern und der Boden an Naturstandorten  trocken und karg ist, kann nach wie vor eine große Pflanzenvielfalt gedeihen“, weiß wiederum Pflanzenexperte Karl Hillebrand. Intakte Ökosysteme trotzen dem Klimawandel und erhalten dadurch ihre Vielfalt.  „Wie es im Leben so ist, entwickeln sich auf gut gedüngten Böden auch in der Pflanzenwelt eher dominante Arten, die schwächere verdrängen. Ein karger Boden sorgt für mehr Biodiversität, weil sich Pflanzen mehr bemühen müssen, um dort zu wachsen.“ So gibt es etwa im Burgenland eine unglaubliche Artenvielfalt. Rund um den Neusiedler See wachsen sogar Salzpflanzen wie die Salzkresse oder die Salzaster.

Das Flair des Feigenbaums

Ein alter Spruch aus dem Orient sagt, dass es im Schatten eines Feigenbaumes kühler sei, als im Schatten eines Zeltes. Auch wir kennen ihn mittlerweile von so manchem Wiener Heurigen, wo Feigen- und auch Olivenbäume zwischen Weinstöcken südliches Flair vermitteln.„Diese Kulturpflanzen stehen oft als Symbol für bestimmte Regionen“, erklärt Hillebrand. „Dass diese südlichen Bäume jetzt auch bei uns immer häufiger gepflanzt werden, verdanken wir wohl auch dem Klimawandel.“ Selten aber kann man diese beiden Zuwanderer beim Blühen beobachten. Will man einen Olivenbaum blühen sehen, braucht man Geduld,  erst im frühen Sommer zeigen sich die ersten  weißen Blüten. Noch spezieller ist  der Feigenbaum. Der entwickelt seine völlig unscheinbaren Blüten direkt an den Zweigen und bekommt seine Früchte ohne Bestäubung.

Das Geheimnis der Blütenfarben

Wenn im Frühjahr bunte Blüten austreiben, liegt das nicht nur an Sonne und wärmeren Temperaturen. Die prachtvollen Blüten von Oleander und Bougainvillea, in Pink und Rosarot, die etwa die Straßen Griechenlands säumen, und auf  Balkonen Portugals, Spaniens oder Italiens zu finden sind, wuchern im Süden den ganzen Sommer.

In kühleren Regionen fühlt sich das Wollgras wohl, wie hier am Fuße des Matterhorns. Der Wattebausch mit Stiel liebt Moorlandschaften und Sümpfe

Warum ist alles bunt und farbenfroh bei uns, während  die Blüten in kühleren nördlichen Regionen, etwa in den flachen Moorlandschaften Skandinaviens, meist auf gedeckte Töne und Weiß reduziert sind? Etwa bei dem romantisch wogenden Wollgras, das gerne in Sümpfen und Mooren wächst. „Die Farbe der Blüte hängt nicht nur von der Bodenbeschaffenheit ab“, sagt Karl Hillebrand. „Nicht jedes Klima begünstigt alle Arten und Farben von Pflanzen sowie deren spezielle Bestäuber. Im Norden gibt es wieder andere Arten von Insekten, die für das Bestäuben wichtig sind und die auch andere Blüten bevorzugen.“ Auch die unterschiedliche Entstehungsgeschichte des Bodens spielt mit.

Das Edelweiß fühlt sich nur in kühleren alpinen Regionen wohl und steht unter Artenschutz. Zu finden im Sommer auch auf der Rax

Während im Norden Europas Eiszeit herrschte und viele Pflanzenarten zwischenzeitlich aussterben mussten, konnte sich im mediterranen Süden eine Artenvielfalt durchsetzen, da es dort keine Eiszeit gab. Auch bei uns in Mitteleuropa gibt es solche Klima-Oasen. Nämlich gleich in Niederösterreich, wo sich die weitläufigen Schwarzföhrenwälder erhalten haben. Also auf ins Raxgebiet, wo schon jetzt Schneeheide und Schneerosen blühen!

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