Fremdgehen trotz Liebe? Was die Forschung jetzt enthüllt
Untreue gilt als moralischer Super-GAU einer Beziehung. Die Forschung zeichnet ein weniger dramatisches Bild.
Untreue gehört zu den zuverlässigsten moralischen Empörungsmaschinen unserer Zeit. Kaum taucht irgendwo eine Affäre auf – im Freundeskreis, im VIP-Sektor –, ist das Urteil gefällt: kaputte Beziehung, fehlende Liebe, schlechter Charakter. Eh klar. Dort Täter, da Opfer.
Die Wissenschaft ist da etwas weniger streng. Mehrere Studien, unter anderem mit Daten von Nutzern der Affärenplattform „Ashley Madison“, zeigen Überraschendes: Viele Menschen, die eine Affäre suchen oder haben, berichten gleichzeitig von starker emotionaler Bindung zu ihrem Partner. Sie lieben. Punkt. Was ihnen fehlt, ist etwas ganz anderes: nämlich Sex.
In einer Untersuchung berichteten viele Nutzer von sehr geringer sexueller Zufriedenheit in der Beziehung, manche sogar von einem praktisch sexlosen Alltag. Die Affäre erfüllte dann präzise das, woran es mangelt: sexuelle Spannung, Aufmerksamkeit, das Gefühl, begehrt zu werden.
Das passt zu vielen Befunden der Untreueforschung. Dazu kommen weitere Fremdgeh-Gründe: Man tut’s aus Ärger, aus Gelegenheit, aus Neugier. Aus Fadesse. Am häufigsten aber schlicht aus dem Wunsch nach einer vitaleren Erotik.
Die Evolutionsbiologie liefert dafür eine plausible Erklärung. Homo sapiens hat zwei Basis-Antriebe entwickelt, die mitunter suboptimal harmonieren: den Wunsch nach stabiler Bindung und den nach sexueller Neuheit. Man ist also gleichzeitig auf Partnerschaft und auf Abwechslung programmiert. Eine Kombination, die in Langzeitbeziehungen gelegentlich für Reibung sorgt.
Die Paartherapeutin Esther Perel sieht das so: Wenn Menschen die Aufmerksamkeit eines anderen suchen, wenden sie sich nicht immer vom Partner ab – manchmal wenden sie sich von der Version ihrer selbst ab, die sie im Alltag geworden sind. Die Affäre verspricht dann etwas, das im Beziehungsroutinebetrieb verloren gegangen ist: Lebendigkeit. Irgendwie nachvollziehbar.
Homo sapiens hat zwei Basis-Antriebe entwickelt, die mitunter suboptimal harmonieren: den Wunsch nach stabiler Bindung und den nach sexueller Neuheit. Man ist also gleichzeitig auf Partnerschaft und auf Abwechslung programmiert.
Reue wegen Fremdgehens? Nicht selbstverständlich!
Noch ein überraschender Befund diverser Experten: Reue ist keineswegs so selbstverständlich, wie man annehmen würde. Viele Menschen berichten nach Affären von relativ geringer Schuld und recht hoher Zufriedenheit.
Psychologen erklären das mit einem bekannten Mechanismus: Wenn Verhalten und Selbstbild nicht zusammenpassen, wird das Selbstbild angepasst. Und so manche Idee davon, was „moralisch“ ist – und was nicht.
Natürlich bedeutet das nicht, dass Untreue komplett easy ist. Sie kann Vertrauen zerstören und Beziehungen schwer beschädigen. Aber die Forschung zeigt, dass die schlichte Geschichte von schlechten Menschen und mieser Moral zu kurz greift.
Das Problem könnte ganz woanders schlummern, nämlich in der Art und Weise, wie über Erotik in Beziehungen gesprochen wird. Speziell in Langzeitbeziehungen wird über Treue sehr häufig mit großer Ernsthaftigkeit geredet, über Sex dagegen erstaunlich selten.
Wohl deshalb beginnt eine Affäre nicht zwingend mit einem fremden Menschen – sondern mit einem Paar, das längst aufgehört hat, über Träume, Begehren und schlummernde Sehnsüchte zu plaudern.
Podcast-Tipp
„Where Should We Begin?“ heißt der Podcast der Paartherapeutin und Autorin Esther Perel. Das Konzept ist ungewöhnlich: In jeder Folge hört man eine reale Paar- oder Beziehungssitzung. Perel spricht mit anonymisierten Gästen über ihre Probleme – etwa Untreue, sexuelle Unzufriedenheit, Eifersucht, Trennung. Intimste Details also, doch Perel kann gut Fragen stellen, die Paaren helfen, wieder zueinander zu finden.
Via Spotify oder Apple.
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