Eine stilisierte Darstellung von zwei sich umarmenden Personen mit dunklen Fingernägeln.

Lust ohne Verpflichtung: Plädoyer für Sex ohne Zukunftsplan

Warum sexuelle Unverbindlichkeit im Alter für viele „unangemessen“ wirkt – und trotzdem verdammt gut tun kann.

Neues Jahr, neues Glück, neue Chancen. Heißt’s halt. Und trotzdem liegt bei Menschen gewissen Alters eine Prise Melancholie in der Luft: Was geht wirklich noch, wenn die Jahre ins Lande ziehen? Was darf man noch wollen, wenn die Haut nicht mehr ganz faltenfrei ist und der Optimismus morgens oft langsamer aufwacht als die Libido. Die hält sich ja erstaunlich hartnäckig, aber nicht an Geburtstage und schon gar nicht an gesellschaftliche Erwartungen. Sie ist einfach da, auch bei Menschen, die eigentlich gerade beschlossen haben, jetzt einmal ordentlich „vernünftig“ zu sein.

Früher war Sex immer irgendwie ein Abenteuer, heute ist er oft eine Agenda: „Was suchst du?“ „Was sind deine Ziele?“ „Wo siehst du dich in fünf Jahren? Da möchte man fast antworten: nackt, und maximal entspannt, vielleicht ein bisschen verschwitzt. Und weiter geht’s: Jede Berührung scheint heutzutage ein Vorvertrag zu sein. Jede Nacht ein stilles Bewerbungsgespräch für optimierte Lebenszeit. Dabei gibt es gerade in der Lebensmitte eine sehr besondere Form von Sehnsucht: Nähe ohne Überforderung. Intimität ohne Versicherungsvertrag. Einen Menschen spüren, ohne gleich das Gefühl zu haben, man müsste sich erneut komplett erfinden. Viele haben Beziehungen hinter sich, Enttäuschungen, Trennungen, Stillstand, Neuanfänge. Und plötzlich steht man da – erfahrener, müder, aber klarer. Mit einem Körper, der immer noch will und der genauer denn je weiß, was er will. Doch mit 50 gilt Sex ohne Zukunftsplan rasch als Symptom: Bindungsangst! Verdrängung! Späte Unreife! Männern gesteht man diese Freiheit eher zu. Frauen werden gern psychologisiert. Entweder „zu bedürftig“ oder „hormonell durcheinander“, zu „süchtig“ oder zu „autonom“ – irgendetwas ist immer. 

 Sex ohne Zukunftsplan ist also kein rücksichtsloser Hedonismus, sondern ein Ort, an dem man etwas richtig geil finden darf, ohne sich gleich wieder zu verlieren oder zu fixieren.

Mit Haut, mit Lust, mit Sehnsucht

Dabei könnte man es auch als radikale Form von Ehrlichkeit betrachten. Motto: Ich will dich, aber ich will mein Leben nicht sofort neu arrangieren. Ich genieße Berührung, aber nicht Bindung um jeden Preis. Ich mag dich, aber ich weiß, dass ich fix nicht meine ganze Existenz umkrempele, nur um an jemanden anzudocken. Sex ohne Zukunftsplan ist also kein rücksichtsloser Hedonismus, sondern ein Ort, an dem man etwas richtig geil finden darf, ohne sich gleich wieder zu verlieren oder zu fixieren. Ein Ort, an dem man einfach sein darf, als Mensch mit Haut, mit Lust, mit Sehnsucht. 

Natürlich kann das schiefgehen, weil sich das Herz manchmal mehr wünscht, als die Vernunft zuzugeben bereit ist. Aber war das jemals anders – mit 25? Das Problem ist nicht die Unverbindlichkeit, sondern die gesellschaftliche Fixierung auf Richtung, Zweck, Verwertung. Wer einfach nur küssen will, gilt fast schon als verdächtig. Also was, wenn der größte Luxus 2026 nicht das große Versprechen ist, sondern der kleine Moment? Ein Blick, in dem man sich verliert. Eine Hand, die berührt. Ein Abend, der nichts verspricht, aber genau deshalb alles darf. Sex ohne Zukunft ist kein Verzicht auf Beziehung, sondern ein herrlicher Gegenentwurf zur Idee, dass alles immer gleich für immer sein muss. Das ist wohl eine der besten Freiheiten des Älterwerdens.

Klit und klar

Die Plattform „Joyclub“  startet das dreiteilige Talk-Format „Vagina-Talk!“ rund um Vulva, Sexualität und Selbstwahrnehmung. Sieben Frauen (25–63) sprechen offen über Lust, Orgasmen, Körperbilder, Mythen – und über eine Vulva-Korrektur. Fundiert ergänzt durch Sexualtherapeutin Carla Pohlink, künstlerisch durch Kathi Loops Projekt VUL!VA ZEIT. Zu finden kostenlos auf joyclub.de, ein gekürzter Vorgeschmack läuft auf YouTube. 

Gabriele Kuhn

Über Gabriele Kuhn

Seit 1995 an Bord des KURIER - erst 14 aufregende Jahre lang als Ressorleiter-Stv. im Freizeit-Magazin, dann als Leiterin des Ressorts Lebensart. Seit 2017 Autorin. Kolumnistin. Interessens- und Know-How-Schwerpunkte: Medizin, Lifestyle, Gesundheit. Und Erotik. Die ironische Kolumne "Sex in der Freizeit" gibt es seit 2002. Damit's nicht fad wird, schreibe ich seit Anfang 2012 die Paar-Kolumne "Paaradox" gemeinsam mit Ehemann und Journalist Michael Hufnagl. 2014 wurde Paaradox zum Lesekabarett - mit Auftritten im Rabenhof und auf vielen Bühnen Ostösterreichs.

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