„Sex in der Freizeit“.

Zu viel Info? Diese intimen Details ruinieren jedes Dinner

Über Sex zu reden ist wichtig, vor allem in Beziehungen. Aber nicht jede Tischrunde wird besser durch erotische Lebensbeichten. Ein paar Gedanken über Offenheit, Grenzen und die Frage, warum manches Private privat bleiben sollte.

Sexuelle Offenheit ist eine feine Sache. Theoretisch. Praktisch kommt es sehr darauf an, ob man mit der Partnerin/dem Partner im Bett liegt, mit der besten Freundin beim Heurigen sitzt oder mit fernen Bekannten bei einem netten Abendessen, das von einer Sekunde zur anderen in Richtung Swinger-Stammtisch kippt.

Es ist schon länger her: Wir, drei Paare, waren nett essen. Ein bisschen Smalltalk, Brot, Butter, erster Gang. Beim zweiten Zwischengang outete sich Paar 1 auf einmal als Swinger. Was an sich kein Problem ist, jeder nach seiner Façon, solange alle Beteiligten erwachsen und einverstanden sind. Nur wussten wir spätestens beim Dessert so ziemlich alles aus der Reihe „Gangbang, Voyeurismus, Analplug-Vorlieben und Co.“, als man je hatte wissen wollen. Und all das zu Süßwein. 

Als Nicht-Swinger sitzt man dann da und fragt sich: Äh, bin ich prüde? Oder ist das gerade einfach ein bisschen zu viel Information an Jakobsmuschel und Seetang-Jus?

Denn selbstverständlich sollten wir über Sex reden, in Beziehungen sogar unbedingt. Wer nie sagt, was er mag, muss sich nicht wundern, wenn es niemand errät (und man es dann auch nie bekommt). Wer etwa eine Grenzen nicht benennt, überlässt sie der Fantasie des anderen. 

Doch Offenheit ist nicht dasselbe wie Exhibitionismus und Intimität nicht automatisch fortgeschrittener, nur weil sie coram publico ausgebreitet wird. Manchmal ist befreites Plaudern nix anderes als unerwünschtes Fummeln (mit Worten). Auf der Bühne die Verbal-Exhibitionisten, im Publikum die unfreiwilligen Voyeure – und irgendwo zwischen Käseplatte und Crème brûlée stirbt der Zauber des Besonderen.

 In der Liebe braucht es Wahrheiten immer dort, wo sie Vertrauen, Gesundheit, Zustimmung und Grenzen betrifft, aber niemand muss seine erotische Gesamtbiografie wie eine PowerPoint Präsentation herzeigen. 

Alles über die/den Ex erzählen?

Die Kommunikationsforschung beschreibt private Information als etwas, das Menschen als „ihr Eigenes“ empfinden. Ich finde, das ist ein schöner Gedanke. Nicht alles muss verwertet, geteilt, erzählt und ausgeschmückt werden, etwas darf einem nur selbst gehören oder maximal dem Menschen, mit dem man es erlebt hat. 

Auch nicht ganz unheikel ist die Frage, wie viel Wahrheit man ins neue Beziehungsgefüge einfließen lässt. Muss zum Beispiel wirklich alles über den/die Ex erzählt werden? Etwa über dieses Gspusi aus den Achtzigern, das angeblich achtmal hintereinander kam, oder den Typen in der griechischen Bar, der dreimal konnte und vermutlich bis heute als Mythos durch touristische Erinnerungen geistert? 

Nein, einfach nein. In solchen Momenten wäre es interessant, sich zu fragen: Warum erzähle ich das gerade? Um Nähe herzustellen? Um ehrlich zu sein? Um mich interessant zu machen? Oder den anderen eifersüchtig zu machen?

Also bitte: schön achtsam sein! Weil: In der Liebe braucht es Wahrheiten immer dort, wo sie Vertrauen, Gesundheit, Zustimmung und Grenzen betrifft, aber niemand muss seine erotische Gesamtbiografie wie eine PowerPoint Präsentation herzeigen. 

Am Ende ist alles ganz einfach: Nicht jede Tischrunde ist ein Beichtstuhl, nicht jedes Dessert ein Darkroom und nicht jedes Gegenüber bereit für die Directors-Cut-Version irgendwelcher Genitalgeschichten. Mitunter gilt die simple Weisheit: Schweigen = Gold.

Gefällig sein

Wer den eigenen Partner für deutlich begehrenswerter hält als sich selbst, kann stärker bemüht sein, ihn sexuell bei Laune zu halten, zeigt eine neue Studie in „Archives of Sexual Behavior“. Manche Frauen gaben darin an, häufiger Sex zu initiieren, Oralverkehr zu praktizieren oder Orgasmen vorzutäuschen. Was zeigt, dass Sexualität  nicht nur aus Lust und Leidenschaft besteht, sondern auch Unsicherheit oder Verlustangst eine Rolle spielen.

Gabriele Kuhn

Über Gabriele Kuhn

Seit 1995 an Bord des KURIER - erst 14 aufregende Jahre lang als Ressorleiter-Stv. im Freizeit-Magazin, dann als Leiterin des Ressorts Lebensart. Seit 2017 Autorin. Kolumnistin. Interessens- und Know-How-Schwerpunkte: Medizin, Lifestyle, Gesundheit. Und Erotik. Die ironische Kolumne "Sex in der Freizeit" gibt es seit 2002. Damit's nicht fad wird, schreibe ich seit Anfang 2012 die Paar-Kolumne "Paaradox" gemeinsam mit Ehemann und Journalist Michael Hufnagl. 2014 wurde Paaradox zum Lesekabarett - mit Auftritten im Rabenhof und auf vielen Bühnen Ostösterreichs.

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