Ein Mann gibt einer Frau einen Kuss auf die Stirn.

Heimliche Liebe: Was passiert, wenn die Affäre zur Beziehung wird

Eine heimliche Liebe lebt oft vom Ausnahmezustand: Begehren, Drama, Magie. Doch was passiert, wenn sie auffliegt und plötzlich zur Beziehung werden will? Dann beginnt der eigentliche Test.

Am Anfang ist eine Affäre alles: atemberaubend, aufregend, animierend. Leben nach dem Pantscherl-Prinzip bedeutet, die Niederungen des Gewöhnlichen zu verlassen, abseits von Einkaufslisten und der Frage „Nimmst bitte den Mist mit?“ 

Stattdessen das ganze Magie-Paket, also: Anziehung, Drama, Herzklopfen und das Gefühl von Schicksalhaftigkeit, obwohl man gar nicht an Schicksal glaubt. Endlich wieder gesehen werden, begehrt und gewollt. Frau und Mann, nicht Mama und Multitaskingwunder, nicht Rasen-Mäher und Leerflaschenentsorger. 

In einer Affäre ist keiner ein Accessoire im Alltagsgewühl, sondern Hauptfigur. Jede noch so banale WhatsApp wird dann zum Wunder, heimliche Treffen werden zum Fühl-Exzess und jede Berührung mit Bedeutung aufgeladen. Gestohlene Zeit schmeckt halt intensiver als geteilte Zeit. Und das Verbot an sich ist Teil der Dramaturgie.

Und dann crasht irgendwann das echte Leben hinein. Die heimliche LIebe fliegt auf oder will sich selbst auffliegen lassen, weil ihre Protagonisten die Heimlichtuerei satt haben. Plötzlich geht’s nimmer nur um Verlangen, sondern um Entscheidungen: Altes oder Neues? Bleiben oder gehen? Mut oder Feigheit? Schuldgefühle oder Aufbruch? Was vorher nur eine Ausnahme war, will endlich real werden, damit beginnt die Prüfung. 

Psychologen nennen Beziehungen, die aus dem „Abwerben“ eines gebundenen Partners entstehen, „Mate Poaching Relationships“. Flapsig formuliert spricht man von „Partnerklau“. 

Eine Studie von Charlene F. Belu und Lucia F. O’ Sullivan kam zu einem nüchternen Ergebnis: Beziehungen, die auf diese Weise entstanden sind, wurden im Schnitt als weniger zufriedenstellend, weniger verbindlich und weniger vertrauensvoll erlebt; zugleich berichteten die Beteiligten von mehr Eifersucht und erneuter Untreue. 

Mit dem Wegfall der Heimlichtuerei, fällt ein zentraler Treibstoff weg: das „Wir dürfen nicht“ oder „Wann sehen wir uns endlich?“  Stattdessen: schnöde Normalität. Also all das, was man eh schon kennt: Einkaufen. Müdigkeit. Unordnung. 

Große Liebe oder Rausch?

Das heißt nicht zwingend, dass solche Partnerschaften scheitern müssen, zumal manche Affären mehr als nur Ausbruch, Sex oder eine narzisstische Egokur in fremden Armen sind. 

Manche entpuppen sich tatsächlich als große Liebe, nur das entscheidet sich nicht im Rausch, sondern danach. Mit dem Wegfall der Heimlichtuerei, fällt ein zentraler Treibstoff weg: das „Wir dürfen nicht“ oder „Wann sehen wir uns endlich?“ Stattdessen: schnöde Normalität. Also all das, was man eh schon kennt: Einkaufen. Müdigkeit. Unordnung. Und Körper, die nicht immer verfügbar sein wollen, aber auch Vergangenheiten und Menschen, die nicht verschwinden. 

Die so genannte Normalität kann als Erlösung empfunden werden: endlich nicht mehr verstecken, miteinander essen gehen, gemeinsam schlafen, Freunde treffen, krank sein, Pläne machen. Sie kann aber auch entzaubern, denn auch hier wird es bald um die Frage gehen, wer den Mist checkt. 

Vermutlich sollten sich alle Menschen, die eine Liebesaffäre in eine Beziehungsrealität verwandeln wollen, fragen, was bleibt, wenn niemand mehrkämpfen muss. Weil sich erst dann zeigen wird, ob zwei einander wirklich gewählt haben oder nur den Zustand, den sie miteinander fühlen konnten, während das echte Leben draußen bleiben durfte.

Workshops

Die möwe Akademie startet mit einem erweiterten Programm in den Herbst. Neu ist ein zertifiziertes sexualpädagogisches Workshopformat für Schülerinnen ab der 4. Klasse Volksschule. „Kopfsache und Bauchgefühl“ hat zum Ziel, Kinder und Jugendliche in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu stärken, ihre Handlungskompetenzen zu erweitern und einen reflektierten Umgang mit eigenen und fremden Grenzen zu unterstützen. Info: die-moewe.at 

Gabriele Kuhn

Über Gabriele Kuhn

Seit 1995 an Bord des KURIER - erst 14 aufregende Jahre lang als Ressorleiter-Stv. im Freizeit-Magazin, dann als Leiterin des Ressorts Lebensart. Seit 2017 Autorin. Kolumnistin. Interessens- und Know-How-Schwerpunkte: Medizin, Lifestyle, Gesundheit. Und Erotik. Die ironische Kolumne "Sex in der Freizeit" gibt es seit 2002. Damit's nicht fad wird, schreibe ich seit Anfang 2012 die Paar-Kolumne "Paaradox" gemeinsam mit Ehemann und Journalist Michael Hufnagl. 2014 wurde Paaradox zum Lesekabarett - mit Auftritten im Rabenhof und auf vielen Bühnen Ostösterreichs.

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