Meidlinger Kleingarten 1916

© Landesverband der Wiener Kleingärtner

freizeit Leben, Liebe & Sex
08/21/2021

Wie Herr Schreber in den Kleingarten kam

Ob Selbsternte-Initiativen oder Klimagärten – Grün zwischen Hochhäusern boomt. Wobei Kleingärten in Österreich und Europa lange Tradition haben.

von Susanne Mauthner-Weber, Manuela Eber

Zu Kriegsende machte der Hunger selbst Hobby-Gärtner rebellisch: „Auf der Wasserwiese kam es zu einer wilden Landnahme – die Kleingarten-Bewegung hat sich illegal auf Exerzierplätze gesetzt“, erzählt Maria Auböck. Die Ziviltechnikerin beschäftigt sich seit den 1970er-Jahren mit Schrebergärten und deren Entwicklung. „Erst später wurde der Zustand von der Stadt Wien legalisiert. Denn ab 1919 nahmen sich die Sozialdemokraten dieses Problems besonders an: Viele Widmungen für Gartenland wurden möglich“.

Die Wasserwiese war seit jeher brach gelegen und hatte dem Militär jahrzehntelang als Exerzierplatz gedient. Die Grasnarbe war so verfilzt, dass sie mit einem Motorpflug aufgebrochen werden musste, ehe man etwas anzupflanzen konnte. Auböck: „Die Monarchie hat den Fehler gemacht, sich nur auf die Kriegsschauplätze zu konzentrieren. Die Versorgung der Millionenstadt Wien von Rumänien und Ungarn rauf war abgerissen.“ Der Hunger wuchs sich mit der spanischen Grippe 1920/’21 zur echten Katastrophe aus. Es waren die Kleingärten, die unzähligen Wienern das Leben retteten.

Vorbild Deutschland und Großbritannien

Keine zwanzig Jahre davor war die Kleingartenbewegung von Deutschland nach Österreich übergeschwappt (siehe Grafik unten): „In Purkersdorf bei Wien hatte sich eine Vegetarier-Kommune formiert, die bald einen Gartenverein gründete“, erzählt Auböck.

Dazu muss man wissen, dass die Wurzeln der Kleingartenbewegungen in den gewaltigen sozialen Veränderungen zu finden sind, die mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert einhergingen. Viele Menschen strömten in die stark wachsenden Städte, wo sie Arbeit in den neuen Fabriken fanden – erbärmliche Lebensbedingungen und Mangelernährung inklusive.

Auböck hat bei ihrer Arbeit Hinweise auf ganz frühe Arbeitergärten gefunden, die gleich neben den allerersten englischen Manufakturen angelegt worden waren. „Im Ruhrgebiet breiteten sich die sogenannten Werksgärten bald explosionsartig aus, weil auch die Industriellen verstanden haben, dass das eigene Grün die Arbeiter an den Betrieb bindet.“

Den Namen „Schrebergarten“ bekamen die Kleingärten übrigens im Andenken an den Arzt Moritz Schreber, der die damals revolutionäre Forderung nach Spielplätzen für Kinder aufstellte (siehe Grafik oben).

Städtische Selbstversorger

Im Ersten Weltkrieg zweifelte niemand mehr an der Notwendigkeit eigener Selbstversorgergärten in Stadtnähe. Bald zogen Tausende ausgebombte Familien in die Hütten und Häuschen, die eigentlich illegal in den Schrebergärten entstanden waren. 1922 warf die Wiener landwirtschaftliche Zeitung die Frage auf Was sind Schrebergärten? und forderte, auch in Österreich mehr solcher Gärten zu schaffen „namentlich in der Nähe von Fabrikstädten zur Wohltat weniger bemittelter Familien“.

Mit Erfolg: 1923 stellte eine Kleingartenausstellung die Stadtgärtner in den Mittelpunkt. „Ein riesiges Musterhaus wurde vor dem Rathaus aufgebaut“, erzählt die Kleingarten-Expertin. Produkte aus den Gärten wurden präsentiert und mit Parolen wie „Dauerkleingärten sind Kampfmittel gegen den Alkohol“ geworben. „Es gab Kurse, wie man Obstbäume schneidet und Kompost herstellt.“ Längst wurden auf den Parzellen Kaninchen, Chinchillas, Hermeline, Tauben, Hühner, Gänse, Enten, Fasane, Pfaue und Bienen gezüchtet.

Urban Gardening

Heute weiß keiner so genau, wie viele Schrebergärten es in Österreich gibt. Der Grund: Viele verschiedene Organisationen kümmern sich um sie – Kirche, ÖBB, Kleingartenvereine und natürlich private Eigentümer, die sich von niemanden verwalten lassen. Was Kleingarten-Expertin Auböck aber sicher beobachtet, ist „ein wirklich interessanter Trend: Die jetzige Generation hat den Kleingarten regelrecht für sich entdeckt.“ Klimawandel, gesunde Lebensmittel, Urlaub zu Hause haben die ehemals spießigen Gartenzwerg-Enklaven 2021 zum zukunftsweisenden Konzept gemacht.

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