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12/24/2020

Warum Weihnachten ein Fest der Traditionen und der Veränderung ist

Längst wird rund um den Globus gefeiert – aber bei uns hat sich das Idealbild des Biedermeiers gehalten.

von Ingrid Teufl

Schon im November wird die „Orchard Road“, die zentrale Einkaufsmeile Singapurs, opulent weihnachtlich geschmückt: Aufwendige, beleuchtete Themenlandschaften mit Sternen, Glocken, Weihnachtsmännern und -bäumen und auch Rentieren oder Bibelstellen aus der Weihnachtsgeschichte säumen die 2,88 Kilometer lange Straße. 1984 wurde damit begonnen, heute ist allein das „Light Up“, also jener Tag, an dem die Beleuchtung eingeschaltet wird, die meistfotografierte Veranstaltung des asiatischen Stadtstaats – besucht von Millionen Menschen.

Erste Globalisierung: Missionierung

Was auf den ersten Blick wie eine Folge von globalisierter Kommerzialisierung des Weihnachtsfests wirkt, hat allerdings durchaus auch andere Wurzeln, betont Katja Rakow: „Vielen ist nicht klar, dass die erste Globalisierungswelle von Weihnachtsfeierlichkeiten im Zuge von Missionsbewegungen stattgefunden hat.“ Die Wissenschafterin forscht an der Universität Utrecht am Department für Philosophie und Religiöse Studien und hat ihre Erfahrungen aus Singapur als Beitrag im Buch „Der Unterschied, den Weihnachten macht“ zusammengefasst.

Auch nach Singapur kam Weihnachten wie an viele Orte mit christlichen Missionaren in früheren Jahrhunderten. Christen sind heute die zweitgrößte religiöse Gruppe. Und wie für alle Christen ist Weihnachten für die Gläubigen in Singapur eines der höchsten Feste – mit eigenen Ritualen und Bräuchen.

Fest des Nordens?

Die Geburt Christi mit seinem ursprünglich religiös geprägten Feierzyklus wird im 21. Jahrhundert noch immer hauptsächlich als Fest in der „nördlichen Hemisphäre und deren christlicher Geschichte“ wahrgenommen, schreibt Rakow.

Christlichen Enklaven in aller Welt zum Trotz muss allerdings gesagt werden: Weihnachten ist längst ein „multikulturelles, globales Fest“ geworden und in andere Kulturkreise vorgedrungen, gibt Nora Witzmann vom Volkskundemuseum in Wien im Katalog zur Ausstellung „Weihnachten noch Fragen?“ zu bedenken. Überall haben sich die verschiedensten Weihnachtsbräuche herausgebildet. Moderne Festdekorationen seien religionsunabhängig und ähneln sich in Dubai, Bangkok oder Schanghai.

Von Indien bis Afrika

Das Weihnachtsgeschehen ist mittlerweile rund um den Globus ein bestimmender Faktor geworden. Sogar bis ins indische Kerala, wo Papiersterne über den Eingangstüren montiert werden. In den Straßen von vielen afrikanischen Städten wird hingegen sogar Kunstschnee als Schmuck verteilt, um Weihnachtsstimmung zu simulieren. Was offensichtlich ein importiertes Brauchtum ist, zumal Weihnachten in Afrika im Hochsommer stattfindet.

Wie soll nun aber ein „richtiges“ Weihnachtsfest ausschauen? Idyllisch, mit Familie im Kerzenschein und viel Schnee, oder bunt und laut mit Lichterketten und Festbeleuchtung? Von Christkind versus Weihnachtsmann reden wir noch gar nicht. Vielleicht hilft es bei einer Einordnung, sich Witzmanns fachkundige Überlegungen vor Augen zu halten. Weihnachten, das im vierten Jahrhundert nach Christi Geburt entstand, wurde lange Zeit ausschließlich in der Kirche im Rahmen des Gottesdienstes gefeiert.

Romantisierendes Biedermeier-Erbe

Die heute noch sehr vertraute, romantisierende Vorstellung des Fests geht hingegen auf die Biedermeierzeit im 19. Jahrhundert zurück. „Das Idealbild des Biedermeier blieb in den Köpfen vieler bestehen, wurde eingefroren, so wie die Geburtsszene von Bethlehem in den Weihnachtskrippen für immer konserviert ist“, schreibt Witzmann.

Dabei ist dieser alljährliche Fixpunkt, der mit seinen regional höchst unterschiedlichen Bräuchen und Ritualen Sicherheit und Kontinuität vermittelt, im Grunde eine Geschichte von Veränderungen: Vom kirchlichen in den privaten Bereich und weiter in den kommerziellen – und vielleicht gerade jetzt wieder zurück. „Zum Weihnachtsfest gehören Dynamik und Veränderung“, befindet Nora Witzmann.

Die Konstante: Das Festessen

Japan Frittierte Hühnerteile sind fixer Bestandteil von japanischem Weihnachtsessen. Grund ist eine Werbekampagne der Fastfood-Kette „Kentucky Fried Chicken“ in den 1970er-Jahren.
Madagaskar Litschis gelten als weihnachtlicher Leckerbissen. Als Hauptgerichte kommen allerdings Eintopf mit Huhn oder Huhn mit Ingwer und Knoblauch auf den Tisch.
Brasilien Einen mitteleuropäischen Weihnachtsstollen oder einen italienischen Panettone würde man im tropischen Land des Samba nicht erwarten. Tatsächlich sind sie aber ein Erbe deutscher und italienischer Einwanderer.
Island Den im Inselstaat heimische Vogel Perlentaucher findet man  geräuchert auf Weihnachtsbuffets.
Philippinen Als traditionelles Weihnachtsessen gilt ein Spanferkel.
Australien Die Küche bleibt aufgrund des zu Weihnachten herrschenden Hochsommers häufig kalt: Serviert werden auch auf der Nordhalbkugel übliche Speisen wie Truthahn oder Huhn. Statt des Ofens wird auf der Insel oft der Grill angeworfen und je nach Region auch mit Meeresfrüchten bestückt.

 

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