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freizeit Leben, Liebe & Sex
04/20/2020

Warum träumen wir mehr seit Corona?

Es gibt eine plausible Erklärung, warum wir Nächte jetzt anders wahrnehmen.

von Elisabeth Mittendorfer

Wer derzeit besonders lebhafte und bizarre Träume hat, ist damit nicht allein.

Das zeigen etwa Online-Suchanfragen: Die Google-Abfrage „Warum habe ich in letzter Zeit seltsame Träume?“ hat sich in den USA in den vergangenen Wochen vervierfacht, wie die New York Times kürzlich schrieb.

Dass die Pandemie einen Einfluss darauf hat, was und mit welcher Intensität wir träumen, ist auch für den Wiener Neurologen und Schlafmediziner Michael Saletu vorstellbar. „Hinsichtlich der Covid-19-Pandemie und den damit einhergehenden Einschränkungen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens gibt es viele Emotionen zu verarbeiten. Möglicherweise tun das Menschen derzeit verstärkt im Traumschlaf.“

Letzterer dient vor allem in der zweiten Nachthälfte, wenn der sogenannte REM-Schlaf (Abkürzung für „Rapid Eye Movement“, Anm.) mit den raschen Augenbewegungen einsetzt, der Emotionsverarbeitung. „In dieser Schlafphase verarbeiten wir auf kreative Art und Weise unsere tagsüber erworbenen Emotionen ohne dabei die volle Kontrolle des Bewusstseins zu haben“, erklärt Saletu dazu.

Kein Wecker

Eine ausgedehnte REM-Phase könnte ein Erklärungsansatz für das gegenwärtig auftretende Phänomen lebhafter Träume sein, wie Deidre Barrett, Psychologin an der Harvard Medical School argumentiert. Kontaktverbote und Ausgangssperren hätten laut Barrett zur Folge, dass ein großer Teil der Bevölkerung mehr schläft als sonst. Während viele Menschen unter gewöhnlichen Bedingungen unter leichtem Schlafmangel leiden, könnten sie jetzt Schlaf nachholen und mehr auf ihren natürlichen Schlafrhythmus achten.

Hinsichtlich der Covid-19-Pandemie gibt es viele Emotionen zu verarbeiten. Möglicherweise passiert das derzeit verstärkt im Traumschlaf.

Michael Saletu

Wer länger schläft und nicht künstlich von einem Wecker geweckt wird, erlebt einen vollständigeren Schlafzyklus – und infolgedessen eine längere REM-Phase. Deren Dauer sei entscheidend, ob man sich einen Traum merkt oder nicht. „Zwar träumt man auch im Tiefschlaf, also der ersten Nachthälfte, im REM-Schlaf ist es aber eher möglich, sich an einen Traum zu erinnern“, sagt Saletu. Generell gelte: Je länger der Traum dauert und je bizarrer er ist, desto eher bleibt er einem im Gedächtnis.

Nicht außer Acht lassen sollte man außerdem, dass viele Menschen gerade mehr Zeit haben, sich gedanklich mit ihren Träumen zu beschäftigen. Zu beobachten ist das in verstärktem Ausmaß online, wo auf Blogs wie „I Dream of Covid“ oder unter dem Hashtag #pandemicdreams auf Twitter besonders intensive Traumerlebnisse seit der Corona-Krise geteilt werden. Die Anekdoten reichen von humorvoll – im Friseursalon von Beyoncé auf Corona getestet werden – hin zu bizarr. Zum Beispiel, wenn sich ein Nutzer auf dem Kurznachrichtendienst erinnert: „Ich habe im Traum ein Uber gerufen, stattdessen ist ein Leichenwagen gekommen.“

Saletu rät, nicht allzu viel in die eigenen Träume hineinzuinterpretieren. „Der Traum läuft unbewusst ab und sorgt für eine Emotionsregulation. Das Unbewusste macht das automatisch.“ Sich in der Früh Notizen zu machen, sei nicht verkehrt, Entscheidungen sollten davon ausgehend eher nicht getroffen werden.

Innere Uhr

Bedeutsamer als das plötzliche Auftreten intensiver Träume findet Saletu die Verschiebung der inneren Uhr durch die Quarantänemaßnahmen. „Wir neigen eher dazu, die Nacht zum Tag zu machen, und brauchen dann in der Früh länger, um in die Gänge zu kommen“, sagt der Mediziner. Schlafprobleme könnten die Folge sein. Um diese zu verhindern, sollte man „Bettliegezeiten mit der nötigen Disziplin eher kurz halten“, morgens Sonnenlicht aufsuchen, Lichtquellen am Abend (Stichwort: Blaulicht am Smartphone) hingegen meiden.

61 Prozent

der Österreicher schlummern trotz Corona auf konstantem Niveau. 32 Prozent schlafen schlechter, 7 Prozent besser

18 Prozent 

drücken länger die Augen zu, 64 Prozent schlafen so lange wie sonst, 18 Prozent kämpfen mit Schlafmangel

4 von zehn

Elternteilen schlafen  schlechter  

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