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09/15/2021

Warum der Punkt immer öfter durch Emojis ersetzt wird

Heute ist Internationaler Tag des Punktes. Wieso sich viele Digital Natives vor ihm fürchten und ihre Sätze in Messenger-Diensten lieber anders beenden.

von Julia Pfligl

Ein Punkt ist ein Punkt ist ein Punkt. Und dennoch hat die geometrische Form, laut Wikipedia ein „nichtausgedehnter Ort in einem beliebigen Raum“, vielfältige Bedeutungen: in der Kunst und Mode, als präzise („punktgenaue“) Angabe von Zeit und Ort, als Maßeinheit und natürlich in der Sprache.

Als Satzzeichen trennt der Punkt seit einiger Zeit nicht nur Sätze, sondern ganze Generationen. Durch die verstärkte Digital-Kommunikation am Arbeitsplatz wird es der einen oder anderen aufgefallen sein: Anhänger der Generationen Y und Z – geboren zwischen den frühen Achtziger- und späten Nullerjahren – mögen keine Punkte. Sie lassen ihn am Ende eines Satzes einfach weg oder ersetzen ihn durch ein Emoji, das die passende Emotion gleich mittransportiert. Das kann schon mal zu Missverständnissen zwischen digital immigrierten Baby Boomern und Millennials führen.

Lieber mit Herz

Eine solche Anekdote erzählt auch eine 30-jährige Büroangestellte. Weil ein (älterer) Kollege in der neu eingerichteten Arbeits-Chat-Gruppe stets Punkte nach Sätzen machte, wurde sie unruhig. „Ich dachte, ich hätte etwas falsch gemacht und er ist böse auf mich. Das war aber gar nicht der Fall“, sagt sie. Aus ihrem Umfeld sei sie es gewohnt, Sätze mit einem Lach-Smiley oder Herz zu beenden. „Wer einen Punkt macht, ist meist beleidigt oder traurig.“

Millennials hätten richtiggehend Angst vor Punkten in Whatsapp-Chats und eMails, schreibt die Journalistin Victoria Turk in ihrem Buch „Kill Reply All“ und löste eine hitzige Twitter-Debatte aus. Nur „alte Menschen oder besorgte Seelen“ würden am Ende jedes Satzes Punkte setzen, für die digital sozialisierte junge Generation reiche das Abschicken einer Nachricht als Indikator, dass ein Gedankengang zu Ende gebracht wurde. Und weil das Satzzeichen in der digitalen Kommunikation keinen Zweck mehr erfülle, könne dessen Verwendung „subtil den Anschein erwecken, man sei verärgert“.

Muss man sich Sorgen um die Zukunft des Punktes machen? Eine Frage, die besonders am heutigen Tag des Punktes – dem International Dot Day – erlaubt sei. Ursprünglich wurde dieser zur Förderung der Kreativität von Kindern initiiert – in Anlehnung an das Kunst-Kinderbuch „The Dot“, das besagt, dass alle kreativen Prozesse mit einem simplen Punkt starten. Seitdem werden die vielen Gesichter des Punktes jeden 15. September medial beleuchtet. Auch seine schwindende Bedeutung in der modernen Kommunikation.

Ironie, Freude, Ärger

Aus dieser wird er natürlich so schnell nicht verschwinden, erklärt Henning Lobin, Direktor des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim und Germanistik-Professor an der Universität Mannheim. Der Punkt sei aber vor allem ein Mittel der Schriftsprache – und die digitale Kommunikation nun mal hauptsächlich durch die gesprochene Sprache geprägt.

„Jüngere Leute sind mit diesem Kommunikationswesen aufgewachsen und übertragen die schriftsprachlichen Regeln, auch das Setzen eines Punkts, weniger konsequent als ältere“, erläutert Lobin. „Das Setzen eines Punktes in einer Nachricht, die eigentlich schon vollständig wäre und abgeschickt werden könnte, mag als Zeichen von Zögern, Nachdenken oder bestimmten Emotionen gedeutet werden.“

Die bunten Emojis nehmen daher zunehmend jene Funktion ein, die der Punkt in der normalen Schriftsprache hat – nämlich, das Ende eines Satzes zu markieren. Lobin: „Ein Emoji verbindet die Kennzeichnung des Satzendes mit einem bildlichen Kommentar: Ironie, Freude, Ärger. Emojis bringen eine ganz neue Bedeutungsebene in die Texte ein.“

Im Sinne der Kreativität, zu der der heutige Tag ermutigen soll, sind Unkenrufe ob des Sittenverfalls im emojidominierten Schriftverkehr ohnehin unangebracht. Und außerdem: Vergleicht man ihn mit der Verwendung verwandter Satzzeichen – etwa Komma oder Strichpunkt –, kann sich der Punkt ja eigentlich noch recht glücklich schätzen.

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