© Getty Images/iStockphoto/Svetlana Piatigorskaia/iStockphoto

Zeitgeist
12/18/2019

Warte mal! Warum sich Geduld lohnt

Nicht nur im Advent wird unsere Geduld auf die Probe gestellt. Warum wir wieder lernen sollten, zu warten.

von Julia Pfligl

Die Geduld eines Menschen lässt sich in diesen Tagen besonders gut an dessen Adventkalender ablesen. Nicht nur Kindern fällt es zunehmend schwer, das 24. Türchen erst am 24. Dezember zu öffnen. Die Vorweihnachtszeit stellt auch Erwachsene vor eine selten gewordene Herausforderung: Sie zwingt uns, innezuhalten, zu kontemplieren und zu warten – auf das nächste Türchen, die nächste Kerze am Adventkranz, auf das Christkind.

Sehnsucht

Ein Zustand, der im durchdigitalisierten Hochgeschwindigkeitsalltag de facto verschwindet. Selbst Millennials können es sich nur noch schwer vorstellen, dass sie früher eine Woche auf die neue Folge „Grey’s Anatomy“ warten mussten, während heute eine Serie – Netflix sei Dank – an einem Wochenende „gebinged“ wird.

Die Schlange vor der Supermarktkassa wird zur quälenden Bewährungsprobe und Menschen an der Bushaltestelle ohne Smartphone in der Hand zum seltenen Naturereignis. Das reine Warten, ohne Ablenkung in Form von Chatten, Surfen oder Spielen, stirbt aus. „Wir leben in einer Zeit der unglaublichen Beschleunigung, wollen immer mehr erledigen und erleben, da bleibt für Stillstand vermeintlich keine Zeit mehr. Gleichzeitig steigt die Sehnsucht nach Langsamkeit und Begegnung“, sagt der deutsche Journalist und studierte Philosoph Timo Reuter.

In seinem neuen Buch „Warten – Eine verlernte Kunst“ plädiert der 35-Jährige deshalb für eine neue Kultur des Wartens. „Im Warten steckt so viel Potenzial und Raum für Entschleunigung“, ist er überzeugt. „Gerade das Warten ist eine gute Möglichkeit, auch mal etwas langsamer zu machen und anderen Menschen zu begegnen. Wir haben ohnehin keinen Einfluss darauf, wann der Zug oder der Bus kommt. Ob jemand im Alltag fünf Minuten später kommt, spielt meist keine große Rolle. Wir können uns ärgern – oder das Beste daraus machen.“

Kulturverlust

Denn der Preis der verlernten Tugend ist hoch, Wissenschafter sprechen gar von einem Kulturverlust: „Wenn wir nicht mehr warten können, verlieren wir die Vorfreude“, sagt Reuter. „Geduld ist eine wichtige soziale Tugend, zum Beispiel in Freundschaften, wo man zuhören können muss. Um komplexe Sachverhalte zu verstehen, muss man ebenfalls beharrlich bleiben“, so der studierte Mathematiker. Nicht zuletzt seien auch die Umweltzerstörung sowie Burn-outs Folgen des „Sofortismus“.

Die kollektive Ungeduld in der westlichen Gesellschaft hat auch eine politische Komponente, erläutert der Autor: In einer Demokratie brauche es das geduldige Warten auf Kompromisse, Zeit zum Zweifeln und Debattieren. Doch durch die schnelllebige Medienwelt sähen sich Politiker gezwungen, möglichst rasch Entscheidungen zu treffen.

Der Advent, ein „Refugium der Vorfreude“, eigne sich besonders gut, das Warten zu üben und den vermeintlichen Stillstand zu genießen, sagt Timo Reuter. „Ein erster Schritt wäre, sich bewusst zu machen, dass Warten keine verlorene Zeit ist, sondern wertvolle Lebenszeit. Man könnte sie nützen, um eine Pause zu machen vom hektischen Alltag, die Bahnhofsarchitektur zu bewundern oder einfach mal gar nichts zu tun. Aber das ist natürlich die höchste Kunst.“

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.