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Kultur
06/26/2019

Warten ist eine große Kunst

Einem Phänomen auf der Spur: "Die Kunst des Wartens" über Ärgernis und Zeit zum Reifen

Wer über 70 ist, kann sagen: Ich habe in meinem Leben fünf Jahre gewartet. (Wartet man nachts auf leerer Straße trotzdem an der Kreuzung, weil Fußgänger Rot haben, werden es einige Wochen mehr sein.)
Warten will gelernt sein.
Die Hamburger Gruppe LIGNA versuchte in einem Kunstprojekt am Münchner Hauptbahnhof,  zum reinen Verweilen zu verführen.
Dass diejenigen, die auf einen Zug warten, vergessen, worauf sie warten.
Dass sie den Zug  sausen lassen und einmal nichts, gar nichts machen.
Schafft das jemand? Können wir überhaupt noch warten? Die Gelegenheit nutzen, um die Zeit zu spüren?
Um zu reifen, wie Camembert? Man muss sich dabei selbst aushalten. Das ist wohl  das Allerschwierigste.
Das Experiment aus den 1960er- und 1970er-Jahren wurde wiederholt: Nicht mit klassischen Marshmallows wie in den USA, sondern mit Schokolade und Lutschern. Vierjährige durften wählen – sie können’s sofort essen oder zehn Minuten warten, dann gibt es die doppelte Belohnung. Deutsche Kinder wurden zappelig, nur 30 Prozent harrten aus.
Der Test in Afrika, in Kamerun, wo die Gemeinschaft stärker im Vordergrund steht, fiel anders aus: Die Kinder blieben ruhig, einige schliefen ein, und 70 Prozent warteten auf die zweite Süßigkeit (übrigens eine afrikanische, „Puff-Puff“ genannt).
Warten ist eine Sache der Kultur.

90 Wartehäuschen

Die Kulturwissenschafterin Brigitte Kölle und die Psychologin Claudia Peppel vom ICI Berlin (unabhängiges Kultur- und Forschungsinstitut) beschäftigen sich seit Jahren mit der „Kunst des Wartens“.
So heißt das Buch, das sie  herausgegeben haben.
Ausstellungen zum Thema, an denen sie mitarbeiteten, waren Grundlage für ihren Befund des Phänomens. Zumindest für Künstler ist es spannend, wenn nichts passiert.
Auf Godot wartet man gern im Theater. Der Schweizer Jean-Fréderic Schneyder malte 1988/1989  Wartehäuschen, nur Wartehäuschen, 90 auf Bahnhöfen zwischen Huttwil und Beromünster ...
Brigitte Kölle: „Die große Kunst besteht darin, aus dem Nicht-Ereignis etwas zu machen.“
Meist wird Warten zum Ärgernis, man hält es  nur mit Abwechslung aus, mit dem Blick aufs Smartphone.
Der israelische Videokünstler Omer Fast sieht  keinen Unterschied mehr zwischen Warten und der übrigen Zeit: „Die Welt, in der man sich bewegt, hat die Maße eines Telefons.“
Keine Minute darf unproduktiv bleiben. Je straffer man organisiert ist (organisiert wird), desto schneller verlernt man es, die Leere zu genießen.
Wer Geld hat, mietet einen „Line stander“.
Dieser neue Beruf ging von Washington aus, wo sich Lobbyisten nicht selbst anstellen  bei ihren Terminen.
Wie und wie lange man wartet, ist eine Frage von Geld und Status  geworden. Flüchtlinge warten lange auf Bescheide. Kranke Amerikaner, die sich keine Versicherung leisten können, warten lange auf einen Arzt.
Die deutsche Schriftstellerin Friederike Gräff schreibt:
Ein Freund erzählte mir, dass er mit einem Freund über die Freuden des Wartens sprach. Danach ließ ihn der Freund gelegentlich bei Verabredungen warten. „Ich schenke dir Wartezeit“, sagte er. Wer wartet, steigt kurz aus. Aber nicht ganz. Er oder sie tritt nur für einen Moment zur Seite. Ich warte, also bin ich.

Brigitte Kölle und Claudia
Peppel (Hrg.):

„Die Kunst
des Wartens“
Wagenbach
Verlag.
164 Seiten.
28,70 Euro.