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freizeit Leben, Liebe & Sex
04/07/2021

Ungeil, na und? Mein Recht auf keinen Sex

Eine Sexualtherapeutin bricht mit einem Tabu, macht auf jene aufmerksam, die gerade einfach nicht wollen.

von Uwe Mauch

Überall Sex. Wir reden ohne Genierer ĂŒber die besten Sextipps, multiple Orgasmen, ausgefallene Sexualpraktiken, Fetische. Es gibt ein stillschweigendes Einvernehmen, wonach Sex grundlegender Bestandteil von Partnerschaften ist. Was aber ist mit den Ungeilen, den Menschen, die lieber abstinent leben?

Die deutsche Sexualtherapeutin Anica Plaßmann bricht in ihrem Buch mit einem Tabu. Sie wendet sich damit nicht zuletzt an jene, die unter Sex-Frust leiden.

KURIER: Sie schreiben in Ihrem Buch: „Abstinenz ist weitverbreitet.“ Wie weit ist sie denn verbreitet ?

Anica Plaßmann: Ich will es gern andersrum formulieren: Ich gehe davon aus, dass es etwa 90 Prozent aller Menschen in ihrem Leben mit sexueller Abstinenz zu tun bekommen, weil sie keinen Sex wollen oder weil ihre Partner nicht wollen.

Ist das eigentlich noch immer ein Tabuthema?

Gemessen an den Reaktionen auf dieses Thema: auf alle FĂ€lle. Menschen sprechen mit mir oft unter TrĂ€nen zum ersten Mal darĂŒber. Da weiß nur sehr sehr selten eine beste Freundin oder ein Bruder davon. Es ist zu peinlich.

Welche GrĂŒnde werden genannt, wenn Menschen keinen Sex wollen?

Da gibt es viele GrĂŒnde: Stress, Krankheit. Etwas am Sex passt nicht. Einer drĂ€ngelt und verhindert damit, dass der Partner Begehren entwickelt. Es kann auch an unterschiedlichen Skripten liegen: Der eine will Sex zum Abbau von Stress, der andere will Sex erst, wenn der Gestresste sich entspannt hat.

Kann es auch an den LebensumstÀnden liegen?

Ja, etliche MĂŒtter haben Angst, beim Sex von den Kids gehört zu werden. Sie haben unter höchster Alarmbereitschaft Sex. Es kann aber auch etwas am Sex unangenehm sein, etwas am Partner stören. Manche MĂ€nner „funktionieren“ auch mit Viagra nicht, weil die vorhandenen Reize nicht passen oder sie nicht heiß genug sind. Ich höre auch von ĂŒbermĂ€ĂŸiger Schonung des Partners: Er hat zu viel Stress, da nehme ich mich lieber zurĂŒck mit meinen WĂŒnschen.

Wann ist Ihnen das Thema zum ersten Mal aufgefallen?

Vor mehr als zehn Jahren. Da begann es mich so sehr zu beschĂ€ftigen, dass ich bei unterschiedlichsten Magazinen darum bat, darĂŒber zu berichten und eine öffentliche Diskussion anzustoßen. Die Liste habe ich noch. Es gab: null Antwort.

Wer ist besonders betroffen?

Entgegen der öffentlichen EinschĂ€tzung sind viele MĂ€nner betroffen. Wobei die Frauen zahlenmĂ€ĂŸig ĂŒberwiegen, und damit meine ich jene, die als explizit sexuell Unwillige in meiner Praxis und andernorts in Erscheinung treten.

Woran liegt das?

Da kann ich nur spekulieren: Ob sich die Frauen mehr trauen und in Wahrheit ebenso viele MĂ€nner betroffen sind? Ob die MĂ€nner mehr Mut benötigen, weil sexueller Unwille bei ihnen zu einer schlimmeren Herabsetzung fĂŒhrt, da sie als das immer willige Geschlecht gelten?

Kann Ungeilheit eine Beziehung gefÀhrden?

Absolut. Selbst kreative, mutige Paare kann sie ins Beziehungs-Aus fĂŒhren. Mir fĂ€llt eine beeindruckende Patientin ein: charmant, schön, witzig. Sie hat wegen ihrer andauernden Lustlosigkeit fĂŒr ihren Mann eine Sexpartnerin ĂŒber eine Annonce gesucht. Sie können sich vermutlich denken, wohin das gefĂŒhrt hat: Der Mann hat sich von ihr getrennt, hat sich fĂŒr die neue Sexpartnerin entschieden.

Was raten Sie einem Paar, das zu Ihnen kommt?

Zuerst: Sich selbst klÀren. Ganz gleich, ob ich der Unwillige bin oder mein Partner.

Was ist dabei zu fragen?

Was bedeutet mir Sex? Aus welchen GrĂŒnden habe ich bisher Sex gehabt? Was an der aktuellen Situation macht es fĂŒr mich so schwierig? Kann ich, können wir etwas an der Situation verbessern? Was kann dazu beitragen, den Sex attraktiver zu machen? Oder geht es gar nicht darum? Dann braucht es ein gutes, respektvolles GesprĂ€ch mit dem Partner.

Wenn es – wie von Ihnen gefordert – ein Recht auf keinen Sex gibt, gibt es dann auch ein Recht auf Sex?

Nicht in dem Sinne, dass jemand ihn fordert, weil er ihm zusteht. Wie sollte das auch gehen? „Spatzl, wir haben heute Sex, weil Du ĂŒberfĂ€llig bist, mich zu befriedigen?“ Das wĂ€re ja grauenvoll. NatĂŒrlich mĂŒssen wir andererseits zugestehen, dass der Partner eines sexuell Unwilligen nicht gezwungen ist, in dieser Partnerschaft ohne Sex zu bleiben. Sex oder kein Sex muss eine freie Entscheidung bleiben. Sonst sind wir rasch im Grenzbereich zur Nötigung. Insofern muss der Konflikt zwischen Verlangen und Unwilligkeit verhandelt werden. Da hilft ein GesprĂ€ch mehr als emotionaler Druck. Ich rate zu Klarheit, Ehrlichkeit und Offenheit. Auch das kann wehtun und krĂ€nken. Zugleich ist es fair und fĂŒr jede Bettikette unverzichtbar.

Was wĂ€re wichtig fĂŒr den gesellschaftlichen Diskurs?

Die Erkenntnis, dass abstinente Phasen weit verbreitet sind. Dass es auch vorstellbar ist, als Paar ohne gemeinsame SexualitĂ€t zu leben. Sogar dauerhaft. Dass es als Paar gut weitergehen kann, wenn man bemĂŒht ist, ĂŒber neue Wege nachzudenken. Übrigens bringen auch nicht alle Paare ihre Partnerschaft MIT Sex gut durch die Jahre.

Die Autorin 
Anica Plaßmann ist promovierte PĂ€dagogin. Sie hat zunĂ€chst als Lehrbeauftragte an der Uni Kiel unterrichtet, dann viele Jahre als Therapeutin Erfahrungen mit Familien gesammelt. Seit 2010 fĂŒhrt sie ihre eigene Praxis fĂŒr Paar- und Sexualtherapie in einem Vorort von Kiel.

Das Buch
A. Plaßmann: Sex frei.  Auch mit Tipps aus der Praxis, Verlag Knaur, 320 Seiten, 16,67 Euro

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