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freizeit Leben, Liebe & Sex
08/01/2020

Sextoy-Designer: Dieser Mann weiß, was Frauen wollen

Tom Mudra ist Sextoy-Designer für Erotikspielzeug. Der freizeit verrät er, wie es dazu kam und wie oft er selbst an Sex denkt.

von Gabriele Kuhn

„Wenn ich erzähle, dass ich Sextoys  entwerfe, habe ich das Interesse komplett auf meiner Seite. Jeder hat irgendetwas dazu zu sagen.“

Tom Mudra,Sextoy-Designer bei „Amorelie“

Warum sollte man sich ein Sextoy kaufen?

Sextoys eignen sich gut, um sich selbst und auch den Partner besser kennenzulernen – es entsteht Kommunikation. Je besser man sich selbst und einander kennt, desto vertrauter wird der Sex und desto besser kann man miteinander auf dieser Ebene kommunizieren.

Liebesspielzeug dient also nicht nur dem Solo-Vergnügen, sondern wirkt fördernd auf die gemeinsame Beziehung.

Genau. Wir wollen keinen Ersatz, sondern einen Zusatz schaffen. Ein Pärchen hat uns einmal erzählt, dass alleine der Akt des Bestellens, also das gemeinsame Schauen, welches Toy denn infrage käme, inspirierend wirkte. So sehr, dass es sofort nach der Bestellung direkt in die Kiste ging. Das ist die Folge von der Auseinandersetzung mit der Materie und eine spielerische Form, sich mit Freude und Spaß dem Thema Sexualität zu nähern.

Das Unternehmen, für das Sie arbeiten, setzt sich zum Ziel, dass es überall sexuell erfüllte Menschen geben soll. Was genau bedeutet für Sie „sexuell erfüllt“?

Das ist individuell. Aber ein sexuell erfüllter Mensch ist jemand, der Spaß am Sex hat, neugierig bleibt und nach neuen Dingen sucht, auch gemeinsam mit dem Partner.

Angenommen, Sie sind auf einer Party und werden gefragt, was Sie beruflich machen. Was antworten Sie?

(lacht) Das kenne ich gut! Es ist dann oft so, dass das Thema rasch umschwingt und dann fast nur mehr darüber gesprochen wird. Deshalb bin ich vorsichtig geworden und halte mich zurück. Ich sage allgemein, dass ich Industrie- und Produktdesigner bin. Meist folgt dann die Frage, welche Produkte ich designe. Wenn ich erzähle, dass ich Sextoys entwerfe, habe ich das Interesse komplett auf meiner Seite. Jeder hat irgendetwas dazu zu sagen.

Wie reagieren die Menschen dann?

Männer finden das eher lustig, Frauen sind sehr interessiert. Vielleicht, weil ich eine lockere Art habe, über dieses Thema zu sprechen. Sie vertrauen sich relativ schnell an – wohl auch, weil sie das Gefühl haben, der Typ weiß unglaublich viel auf diesem Gebiet und kann mir Antworten liefern. Da werden rasch Barrieren eingerissen und das sind meist sehr schöne und angenehme Gespräche mit sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten.

Wie geht Ihre Partnerin damit um?

Das hängt von der Art und Weise ab, wie in einer Runde über Sexualität und Lovetoys gesprochen wird. Und auch davon, wie ich das formuliere – und mit welchem Selbstverständnis. Ich vermittle auf jeden Fall nie das Gefühl, ich wäre im Flirtmodus.

Sie haben eingangs erzählt, dass Sie Ihren Job schon fünf Jahre lang machen – fällt Ihnen da immer noch etwas ein?

Klar kommt irgendwann der Punkt, wo man sich denkt, okay, noch ein Rabbit-Vibrator und noch ein paar Liebeskugeln ... Es ist aber möglich, sich markenweise immer wieder neu zu erfinden, um neue Zielgruppen anzusprechen – also etwa ein junges und unerfahrenes Publikum oder eben Fortgeschrittene. Aber es stimmt schon, irgendwann ist man so weit und sagt: Jetzt habe ich den 100. Vibrator entworfen! Daher stecken wir im Moment viel Energie in die Innovation und Entwicklung neuer Produkte.

In puncto Liebesspielzeug ist also noch immer nicht alles erfunden?

Es gibt permanent neue Anforderungen. Um diese kennenzulernen, setzen wir uns mit unseren Zielgruppen auseinander, laden sie zu Interviews ein und fragen, was genau gefordert wird oder wo die Probleme sind. Wir wissen zum Beispiel jetzt, dass Lovetoys für Paare stark gefragt sind und der Bedarf wächst – in diese Richtung gehen wir verstärkt. Und wir arbeiten mit anderen Branchen zusammen, um zu schauen, was etwa in der Elektroindustrie, Motorenindustrie oder Autoindustrie passiert.

Autoindustrie? Interessant. Was hat die genau mit Sex zu tun?

Diese Firmen haben Denkwerkstätten und Innovationshubs, wo junge Leute Dinge entwickeln, von denen sie noch gar nicht konkret wissen, wie sie eines Tages eingesetzt werden könnten. Wie etwa verschiedene Möglichkeiten der Kommunikation oder Übertragung von Bewegung. Da geht es um Bedienbarkeit und um die Benutzeroberfläche von Autos, die hochkomplex ist, aber immer einfacher gestaltet wird. Das ist ein Schnittpunkt, der uns interessiert. Denn auch wir haben eine Benutzeroberfläche, sei es in der App oder an einem Toy, die wir intuitiv und funktional gestalten wollen. Hier gibt es Parallelen, wo man gemeinsam rumspinnt und sich etwas überlegt. Denken Sie zum Beispiel an das autonome Fahren als Zukunftsthema. Was passiert, wenn ein Paar acht Stunden in den Urlaub fährt und nicht mehr auf den Straßenverkehr achten muss? Warum nicht in dieser gewonnenen Zeit an Sex denken und dafür Sextoys mit ins Auto nehmen ... Hier überlegen wir, wie das funktionieren könnte und erarbeiten entsprechende Zukunftsszenarien.

Wie entsteht ein Sextoy genau – von der Idee bis zur Marktreife?

Da gibt es einerseits Design-Workshops, um neue Ideen zu kreieren oder aber wir wissen von Anfang an, worauf wir genau hinauswollen. Zum Beispiel einen kleinen Vibrator für ein bestimmtes Preissegment, aus einem bestimmten Material in einer bestimmten Farbe. Sobald wir wissen, wohin die Reise geht, fangen wir an zu skizzieren oder kleine Modelle zu schnitzen. Es folgen Ideen zu Form und Farbe. Im nächsten Schritt erstellen wir 3-D-Daten und drucken mit 3-D-Druckern erste Modelle. Jetzt haben wir ein dreidimensionales Objekt, das wir in die Hand nehmen und bewerten können. Im nächsten Schritt fragen wir andere Menschen, wie sie dieses Modell finden: Wie ist die Form, wie die Ergonomie, ist es zu groß, zu klein? Was wir dabei erfahren, optimiert das Produkt noch einmal. Schließlich fertigen wir eine Gießform an und gießen den Prototypen in Silikon. Jetzt kann das Produkt erstmals getestet werden. Wir optimieren das alles so lange, bis wir der Meinung sind, jetzt ist es perfekt. Erst dann geht es in die Herstellung und schließlich in den Verkauf. Das klingt alles relativ einfach, ist aber ein komplexer Prozess.

Wie lange dauert das?

Wir nehmen uns im Schnitt ein Jahr Zeit – von der Idee bis zum Produkt. Das ist aber sehr unterschiedlich. Ein Dildo, beispielsweise, braucht kürzer. Der ist ein niederkomplexes Produkt, das schneller entwickelt werden kann.

Kreative Menschen haben bekanntlich viele Ideen im Kopf – selbst in ihrer freien Zeit. Könnte man über Sie sagen, dass Sie sehr viel an Sex denken?

Spannende Frage. Man muss allerdings sagen, dass die Stimulation oder der Sex im täglichen Geschäft wenig im Fokus steht, weil die Entwicklungszyklen lange dauern. Da ist der kleinste Teil der kreative Teil, was irgendwie schade ist. Aber klar – speziell am Anfang denkt man viel über Stimulation oder ein „Problem“ nach und setzt sich mit anderen Menschen auseinander, die Input geben könnten. Auch wenn man selbst Sex hat, kann einem eine Idee kommen.

Aha! Sie denken beim Sex an Arbeit.

Nein, ich kann das von meinem Sexleben sehr gut trennen und weiß nicht, ob ich jemals beim Sex darüber nachgedacht habe, was ich entwerfen könnte. Was ich allerdings schon gemacht habe: mit meiner Freundin ein Sextoy getestet. Das ist schon eine spezielle Situation, in der man viel bewusster an das Thema rangeht. Man muss sich viel Zeit nehmen, um es zu bewerten und mehr über alles nachdenken. Aber den Sex, den man mit seinem Partner hat, sollte man auch als Sextoy-Designer einfach nur genießen.