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Sex in der Freizeit
10/14/2021

Nüchterner Sex: Weniger denken, mehr fühlen

Der unruhige Geist stört während des Sex, wenn wir auf einmal an Staubfänger, Geburtsurkunde oder die Waschmaschine denken.

von Gabriele Kuhn

Das menschliche Gehirn ist ein äußerst faszinierendes Organ, das vieles tut, um uns zu schützen. Aber manchmal spinnt’s einfach. Zum Beispiel beim Sex, wie sich erst unlängst wieder im Rahmen eines Gesprächs unter Freundinnen zeigte. Da sagte die L tatsächlich: „Stellt euch vor, unlängst habe ich während des Vögelns dauernd an meine Geburtsurkunde denken müssen, die ich seit Wochen nirgendwo finden kann. Ich war dann so abgelenkt, dass ich zu meinem Mann meinte, lassen wir das, heute wird das nix mehr ...“ Die anderen nickten und lachten: „Jaja, sowas ist uns auch schon passiert!“ Und dann erzählte die eine, sie würde beim Sex manchmal darüber sinnieren, wie viel Staub sich oben, auf dem Schlafzimmerkasten befände und wie viel sie davon gerade einatmen würde. Immerhin hat sie ihn ja während des Akts dauernd im Blick. Und die andere, eine Texterin, hatte ausgerechnet während des engagierten Vorspiels ihres Partners eine zündende Idee für einen guten Slogan. Schon sehr komisch.

Das Paradoxon: Der Mensch denkt oft an Sex, wenn er keinen Sex hat – während der Arbeit genauso wie während einer U-Bahn-Fahrt. Flüchtige Gedanken und Eindrücke, aber immerhin: Sex! Und hat er dann Sex, zack, schweift das Gehirn in den Alltag ab und macht sich davon. Wir sollten auch hier lernen, uns besser zu konzentrieren, habe ich zu diesem Thema mehrmals gehört. Man müsse viel mehr bei der „Sache“ bleiben – also in diesem Fall bei den Wonnen eines Geschlechtsverkehrs. Aber wie nur? Da liegen, tief ein- und ausatmen, Augen zu – Fokus, Fokus, Fokus? Ein bisserl wie bewegte Meditation – mit Schütteln, Rütteln, Rein und Raus. Eh ein guter Denkansatz, wäre da nicht unser „Monkey Mind“, das sich in seiner Unruhe sogar zwischen die Lustgefühle schiebt, um uns vom Wesentlichen, vom Genießen, vom Sich-fallen-Lassen abzuhalten.

Dazu habe ich jetzt in dem neuen Buch „Konzentration“ von Volker Kitz (Kiepenheuer & Witsch) etwas Spannendes gelesen – nämlich vom Konzept des „Sober Sex“, das von der Sexualtherapeutin Remziye Kunelaki in einer psychosexuellen Klinik in London entwickelt wurde. Dort beklagten viele Patienten, dass sie sich nicht auf den Sex konzentrieren können. So sehr, dass er unbefriedigend wurde und sie sich in andere Ablenkungen stürzten – Alkohol, Drogen oder noch mehr Sex, auf der Jagd nach mehr Intensität und Empfindung. „Sober Sex“ meint „nüchternen“ Sex, ohne Rauschmittel, aber auch ohne Kopfkino. Dafür hat die Therapeutin ein spezielles Programm ersonnen, das Menschen wieder ihre Konzentration auf die Sexualität zurückgeben soll – damit Körper und Geist erneut verbunden werden, und der Kopf sein Eigenleben stoppt. Das beginnt bereits bei der Selbstbefriedigung, die sie, in diesem Zusammenhang, „Healthy Masturbation“ nennt. Eine Art Meditationsmasturbation, die sich ausschließlich auf das fokussiert, was ist: Berührungen, das Fühlen des eigenen Körpers, Stille und Ruhe statt Fantasien und pornografische Bilder. Fortgeschrittene setzen diese Praxis dann mit ihren Partnern fort – zielloses Tun verbunden mit der Idee, einfach nur zu empfinden. Keine anderen Gedanken zulassen – und falls sie dennoch kommen, sollen sie davonziehen wie Wolken am Himmel. Das hat schon was. Wie nie zuvor haben wir nämlich Tausende Möglichkeiten uns abzulenken, denken Sie nur ans Smartphone. Die Ablenkungsmaschine schlechthin, deren Wucht uns bis in den Schlaf verfolgt – und in den Beischlaf. Ein bisserl weniger davon täte uns schon gut. Uns – und unserer Sinnlichkeit.

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