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01/15/2021

Selbstversuch: So lange dauert es, Wikipedia durchzulesen

Peter Grünlich begab sich auf Entdeckungsreise durch die deutschsprachige Enzyklopädie - was er dabei lernte und welche Einträge hängen blieben.

von Julia Pfligl

Sollte es jemals wieder Partys geben, hat Peter Grünlich genug Smalltalk-Themen im Köcher. Der 48-jährige Autor und Journalist startete im vergangenen Jahr – aus Langeweile, wie er sagt – den Selbstversuch, Wikipedia „auszulesen“. Vorweg sei verraten: Dieses Ziel war von Anfang an natürlich unerreichbar. Denn für alle 2,5 Millionen deutschen Einträge mit ihren 1,2 Milliarden Wörtern bräuchte man gut elf Jahre (ohne Schlaf), rechnet Grünlich in seinem lesenswerten Buch „Der Alleswisser“ vor.

Gelesen und überflogen hat er aber „Hunderttausende“ – mehrere Stunden pro Tag, meist in der App seines Mobiltelefons. Die ursprünglich geplante Vorgangsweise – das automatisierte, alphabetische Durchlesen der Online-Enzyklopädie – verwarf er rasch. Zu monoton. Dabei hält gleich der erste Eintrag Spannendes bereit: Er widmet sich dem Zeichen für den „stimmlosen lateralen alveolaren Frikativ“, ein mit der Zunge am oberen Zahndamm gebildeter Reibelaut. Von dort sind es nur wenige Klicks bis zum gescheiterten Teenie-Star Aaron Carter.

Über die Zufallsfunktion tauchte Grünlich, ein gebürtiger Münchner, in neue Welten ein. Die kuriosesten Entdeckungen seines Streifzugs hat er in seinem Buch gesammelt: etwa den Stadthauptmann von Braunau, der es in die Liste der ungewöhnlichsten Todesfälle schaffte, weil er sich 1567 beim Stolpern über seinen eigenen Bart das Genick brach. Oder die Tanganjika-Lachepidemie, bei der junge Menschen in Tansania 1962 monatelang nicht aufhören konnten zu lachen. Auch der von Jane Goodall aufgezeichnete Krieg zwischen verfeindeten Schimpansen sowie brutale Fortpflanzung der Plattwanzen blieb dem Berufsneugierigen in Erinnerung.

„Es ist faszinierend, wie viel Ungewöhnliches sich in jedem Bereich – Pflanzen, Tiere, Physik, Sprache, Politik – verbirgt“, resümiert er. "Wikipedia hat das Wissen der Welt in Hunderten Sprachen kostenlos zugängig gemacht. Da gibt es Experten, die ohne einen Cent zu bekommen Hunderte Arbeitsstunden für den Dienst am Menschen investieren." Er selbst spendete nach seiner Lektüre eine ordentliche Summe: "Das ist Ehrensache."

Und noch eine weitere Erkenntnis drängte sich ihm im Laufe des Experiments auf: „Ich finde es erstaunlich, was wir alles nicht wissen. Von nicht einmal 1 Prozent der Artikel hatte ich je zuvor gehört.“ Als Universalgelehrter würde er sich auch jetzt nicht bezeichnen. „Aber ich verstehe die Welt ein bisschen besser. Und ich kann in Zukunft die Menschen ständig mit Anekdoten aus Wikipedia behelligen. Zum Beispiel, dass der Cappuccino so heißt, weil seine Farbe an die Kutte der Kapuzinermönche erinnert.“ 

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