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freizeit Leben, Liebe & Sex
08/27/2020

Seitensprung, Affäre – und was passiert danach?

„Monogamie ist kein Versprechen, sondern ein System ...“, sagt dazu der Sexualtherapeut David Schnarch. Aber was tun, wenn das System implodiert?

von Gabriele Kuhn

Ein „paar“ Mal sei es passiert, schreibt die Frau: Ihr Partner hatte Affären, schnellen, bedeutungslosen Sex. Gespürt hat sie es schon länger, hingeschaut erst spät. Irgendwann kam’s raus, das tat weh, erzählt sie. Doch statt Ciao zu sagen, blieb sie. Weil „sowas doch passieren kann“, „man lange zusammen sei“. Und da sei ja auch noch die … Liebe. Klingt bemerkenswert – und blieb einige Monate ihr Mantra. Geredet wurde über seine Seitensprünge kaum. Nur keine Fragen und Antworten, die womöglich wehtun. Dass einem Teil von ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, merkte die Heldin nicht. Stattdessen arrangierte sie sich, biss die Zähne zusammen, würgte ihr Herz ab. Bis klar wurde, dass etwas stört und mächtiger wird – ihr stoisches Misstrauen und die Frage: Was, wenn’s wieder passiert? Das Gefühl hockte im Hirn, bockig, wütend, in Lauerstellung. Nichts half dagegen – kein Ratgeber („Seitensprung, na und?“, „Monogamie – eine Illusion“), kein Tipp von Freundinnen („Mach ein Tantra-Seminar – ohne ihn“, „Schlaf drüber – aber mit einem anderen“). Kein Film, kein Song, kein Mantra. Und auch nicht die Zettelchen am Klo mit Botschaften ans innere Kind. Ein Stück ihres Partners war ihr fremd geworden. Etwas, das jahrelang gut war, schien verloren: Sie konnte sich beim Sex nicht mehr fallen lassen. Also vermied sie ihn – bis zum erotischen Stillstand.

„Das Gefühl hockte  im Hirn, bockig, wütend, in Lauerstellung. Nichts half dagegen – kein Ratgeber („Seitensprung, na und?“, „Monogamie – eine Illusion“), kein Tipp von Freundinnen ...“

Wann lässt der Schmerz nach?

Ja: Mit jemandem Sex zu haben bedeutet, sich dauerhaft anvertrauen zu können. Hingabe ist ein Geschenk – auf gewisse Weise schenkt man „sich“ vorbehaltlos, ohne sich selbst zu verlieren. Der Mensch sehnt sich aber nicht nur nach Hingabe, sondern auch nach Eroberung – schlecht für die Monogamie. „Die meisten Paare ringen im Laufe ihrer Beziehung irgendwann mit dem Problem der Verpflichtung“, weiß der Paartherapeut und Buchautor David Schnarch. Das mag in einem Jahr das Thema „gemeinsame Wohnung“ sein, und kann Monate später die sexuelle Exklusivität betreffen. Am Ende gilt immer: Wir gehören einander nicht – und der Partner ist kein Bedürfniserfüllungsgehilfe. Am Ende ist jeder auf sich selbst zurückgeworfen, letztendlich auch im Fall der sexuellen Untreue.

Wer bleiben möchte, muss sich stellen, doch das führt mitten ins Epizentrum des eigenen Lebens und Liebens: Jeder für sich, und schließlich gemeinsam. Ehrlich und vorbehaltlos ist so ein Prozess, im besten Fall. Aber dann geht was weiter, lässt der Schmerz nach, bis an den Punkt, wo es besser, aber eben anders ist. Das funktioniert nur, wenn einerseits keine Gefahr einer neuen Verletzung droht, andererseits der/die Betrogene nicht in der Anklage verharrt. Das gelingt nicht immer. Das Leid, die Unversöhnlichkeit und der Schmerz bleiben, wenn Szenen aus einem alten Drehbuch im „betrogenen“ Partner mitschwingen – aus früheren Beziehungen oder der Kindheit. Um sich weiterzuentwickeln, ist es wichtig, diese alten „Begleiter“ zu identifizieren, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, um irgendwann zu wissen: Das bin nicht mehr ich, ich bin schon groß. Wem klar ist, wer er ist, woher er kommt und wohin er möchte, braucht den Partner nicht, sondern „ist“ mit ihm. Dazu gehört laut Schnarch u. a. die Fähigkeit, „heilsam auf die eigenen Verletzungen einzuwirken und die eigenen Ängste zu verringern“.

Einer von vielen Schritten, sich vom Partner zu „differenzieren“ – heißt: Man ist bei sich. Zwei Menschen, die einander lieben, aber nicht verschmelzen. Daher ist der Wunsch, es möge wieder so sein wie früher, obwohl er (oder sie) herumgevögelt hat, unerfüllbar. Im besten Fall ziehen beide, emotional ein Stück reicher, weiter um an einem neuen „Ort“ Neues zu erleben.

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