Leben
24.11.2015

Was Paare aus einer Affäre lernen können

Wenn ein Seitensprung auffliegt, tauchen viele Fragen auf - und Zweifel. Eine Sexualtherapeutin sagt, was hilft - und was nicht.

Im besten Fall kann ein Seitensprung der Hinweis darauf sein, was einer Beziehung fehlt, ist die Sexualtherapeutin und Psychologin Sandra Gathman überzeugt. Im Interview spricht sie über Themen wie Nähe, Distanz, Vertrauen und die große Frage: Wie viel soll man von seiner Affäre im Detail erzählen?

KURIER: Im Buch "Die Psychologie der Untreue" von Shirley P. Glass fällt dem Partner, der betrogen hat, der Part des "Heilers" zu. Er soll quasi alles gutmachen. Geht das überhaupt?

Sandra Gathmann: Das sehe ich kritisch. Es ist insofern schwierig, als alles von der Idee ausgeht, dass der, der fremdgeht weniger liebt als der Partner, der betrogen wurde. Was sein kann, aber oft nicht der Fall ist. Und es wird vorausgesetzt, dass eine monogame Beziehung das Nonplusultra ist. Das ist sehr moralisierend. Ich sehe in meiner Praxis häufig, dass der Bedarf nach alternativen Beziehungsmodellen steigt – so leben immer mehr Menschen polyamourös oder in offenen Beziehungen. Oft ist eine Affäre aber auch eine Art Provokation, um die Beziehungsdynamik zu verändern. Etwa, wenn man sich nicht mehr begehrt fühlt. Es gibt eine Vielzahl an Gründen, warum eine Außenbeziehung gesucht wird. Das birgt manchmal auch positive Aspekte.

Stichwort "Provokation": Die Tücke des langen Miteinanders liegt ja in der Vertrautheit - als Widerspruch zum Begehrtwerden.

Das ist das Dilemma von Beziehungen - die Regulation von Nähe und Distanz. Da ist einerseits die Sehnsucht nach dem Wir und der Verschmelzung. Aber die Sexualwissenschaft weiß natürlich, dass Nähe und Vertrautheit der Erotik wenig zuträglich sind. Wo das Freiheitsbedürfnis beginnt, wird die Abenteuerlust beflügelt - und die Frage "Bin ich noch begehrenswert?" taucht auf.

Wenn es zum Seitensprung kommt - kann Wiedergutmachung, wie im Buch "Psychologie der Untreue" erwähnt, nicht auch Genugtuung sein?

Das sehe ich sehr kritisch. Dieses Modell erzeugt die Schräglage "Täter – Opfer". Da heißt es: Einer muss büßen und hat alle Schuld. Diese Karte kann jahrelang ausgespielt werden und über eigene Grenzen hinausgehen. Das führt zu unaufhörlichem Groll – auf beiden Seiten und ist nicht sehr förderlich. Irgendwann muss es wieder genug sein.

Was hilft wirklich?

Es existiert kein gängiges Modell, das ist sehr individuell. Es gibt Paare, die tun so als wäre nichts gewesen – Motto: "Lassen wir die Vergangenheit ruhen." Das klappt oft nicht so gut, weil vieles ausgespart wird. Die "Verbitterten" wiederum sind nicht mehr in der Vergangenheit, aber auch nicht in der Zukunft. Das sind Paare, wo selbst zehn Jahre danach der aufgeflogene Seitensprung aufs Tapet kommt. Gute Chancen haben Paare, die erkennen können, dass da etwas zerbrochen ist. Auch wenn es gekittet wird, handelt es sich jetzt um ein anderes Gefäß. Hier gilt herauszufinden, was die Partner bewegt hat und was sie gesucht haben. Es geht darum, die Sehnsucht zu verstehen – sie ist ja durchaus legitim. Und sie ist eine Aussage für die Beziehung und was ihr möglicherweise fehlt. Da braucht es Fragen wie: Was bewegt uns? Wer sind wir? Was haben wir gesucht? Manchmal gehen beide Partner "fremd" - auf ihre Art. Das bedeutet nicht automatisch, dass es sich dabei um eine sexuelle Beziehung handelt, sondern man kann auch mit der Arbeit "fremdgehen" - und damit den anderen vernachlässigen. Also ist eine Affäre bzw. ein Seitensprung häufig der Hinweis darauf, was in einer Partnerschaft fehlt. Manchmal zeigt sie aber an, dass etwas definitiv vorbei ist, als Endpunkt einer Beziehung. Dann wäre eine Trennung angesagt.

Shirley P. Glass empfiehlt in ihrem Buch absolute Ehrlichkeit - heißt: der, der betrogen hat, soll alles erzählen, möglichst detailliert. Ist das wirklich empfehlenswert?

Das ist oft gefährlich und muss bewusst entschieden werden, in einem möglichst langsamen Prozess. Dieses "Was, wann, wo und wie" ist am Anfang vielleicht noch verständlich - diese Redaktion haben fast alle. Sie ist normal, muss aber gut überlegt werden. Es ist auf jeden Fall wichtig sich zu fragen, was man davon hat. Das kann nämlich Gift sein - es wird dann viel dazu fabuliert und führt zu unnötiger Kränkung. Vielleicht ist "kluges Nichtwissen" besser.

Und wie kann ich meinem Partner, der mich betrogen hat, jemals wieder vertrauen?

Oft muss man sich die Frage stellen, ob ich wirklich verzeihen will - was ich mir davon verspreche. Und: Was muss der andere tun, damit ich ihm verzeihen kann? Bei genauerer Betrachtung fällt oft schwer, das zu erkennen. Vertrauen ist meist eine Entscheidungssache. Ich bin für partielles Vertrauen, heißt: Ich kann meinem Partner in seiner Rolle als Freund, Vater, Partner etc. vertrauen - aber eben nicht als Sexualpartner. Da ist es legitim zu sagen, dass ich bei diesem Aspekt eben misstrauisch bleibe. Dass es da einen Persönlichkeitsanteil gibt, dem ich nicht vertrauen kann. Dann ist das keine pauschale Verdammnis.

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