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freizeit Leben, Liebe & Sex
07/13/2021

Schurlis letzte Reise

Schönbrunns Seniorenklub hat sein ältestes Mitglied verloren. Schildkröte Schurli ist mit 130 Jahren gestorben. Der dritte Fall in einer traurigen Todesserie.

von Barbara Mader

Das vergangene Jahr war auch für Vierbeiner herausfordernd. Riesenschildkröte Schurli alterte in den letzten elf Monaten gleich um zehn Jahre. Als der KURIER das rüstige Reptil im August 2020 besuchte, galt es mit 120 Jahren als ältestes Tier im Zoo. Aber was sind schon ein paar Jahre auf oder ab. Als Schurli vergangenen Sonntag sein Gehege für immer verließ, stellte Zoologe Anton Weissenbacher fest: Der Senior aus den Seychellen war ihn Wahrheit wohl schon um die 130, man hatte ihn jahrelang jünger gemacht.

Schurli lebte seit 1953 in Schönbrunn, Generationen von Besuchern und Pflegern kannten und schätzten das gemächliche Kriechtier, einst Patentier des früheren Wiener Bürgermeisters Michael Häupl und trotz seines grantigen Gesichtsausdrucks ein beliebtes Fotomodel. Man wusste aus Studien, dass es sich bei Schurli um ein schlaues Tier handelte. Was man nicht wusste, war die genaue Geschichte der Narbe, die seinen Panzer prägte. Möglicherweise handelte es sich dabei um eine Kriegsverletzung aus dem Zweiten Weltkrieg. Kein Zeitzeuge konnte die genauen Umstände mehr beschreiben, doch es muss sehr wehgetan haben.

Eine Schildkröte spürt, wenn man ihr bloß die Hand auf den Panzer legt. Viele Hände haben sich im Lauf der Zeit auf diesen Panzer gelegt. Schurlis strenge Miene ließ nicht erahnen, wie sehr er die Streicheleinheiten mochte. Wenn man ihm über den Hals strich, reckte er diesen und man vermeinte, ein Lächeln in seinem faltigen Gesicht zu erkennen. Gar nicht mochte Schurli, wenn man ihm auf den Panzer klopfte. Ein alter Grantler war er, sagte seine Pflegerin. Anders sein sanfter Revierkollege Menschik, der, nur unwesentlich jünger, nun als ältestes Tier im Zoo gilt.

Ob der Tod mit 130 unerwartet sein kann? Die älteste Riesenschildkröte der Welt wurde 170. Dennoch, eine vergleichsweise echte, böse Überraschung war der tragische Tod des Elefanten-Mädchens Kibali vergangenen Freitag. Das nicht einmal zwei Jahre alte Tier starb an Herzversagen. Ohne, dass es zuvor andere Symptome als Mattigkeit gezeigt hatte. Trotzdem stand das Tier unter Beobachtung. Am Freitag kippte Kibali vor den Augen von Pflegern und Tierärzten um und war sofort tot. Die pathologische Untersuchung ergab: Man hätte nichts mehr für sie tun können.

Brillenbären sind wie Menschen. In die Jahre gekommen, brauchen sie in der Früh ein bisserl länger. Wenn es feucht ist, spüren sie die Gelenke. Juan ist ein in die Jahre gekommener Brillenbär. Ein ruhiger, gemütlicher Zeitgenosse. Wenn seine Pflegerin morgens zu ihm ins Gehege kommt, wartet er schon auf sie. Sie sieht ihn an und weiß sofort, wie er drauf ist.Ob er am liebsten im Bett geblieben wäre. Juan, 28, stammt aus Südamerika und gehört zu den ältesten Bewohnern des Tiergartens. Trotz gelegentlicher Zores mit den Gelenken ist er ein gemütlicher Zeitgenosse. Anders als Vladimir, 55, grau und träge. Der Orang-Utan im Spätherbst seines Lebens wurde als  Kind in der Wildnis gefangen, lebt seit 1991  in Schönbrunn. Er geht schwer und verträgt die Hitze nicht. Man sieht es ihm an, wie er grantig auf seinem Ast hockt und die Besucher keines Blickes würdigt.  Er geht nicht mehr gern raus und lässt sich auch mit Futter nicht bestechen. Als junger Affe war er aufbrausend, ein garstiger Grapscher. Das berühmte „Alphamännchen“. Das Alter hat ihn beruhigt. Notgedrungen. Er hat steife Zehen und geht schlecht. Zu den Seniorinnen im Zoo zählen außerdem Norikerstute Gerti, mit 20 das älteste Tier am Schönbrunner Tirolerhof, und Bibiane, die 19-jährige Braunvieh-Kuh. Gelassen,  freundlich, aufgeschlossen wirkten die Damen beim letzten Besuch. Kein Vergleich zu  so manchem alten Grantscherm’.

Der Tiergarten erlebt schwierige Monate. Erst im Mai musste Kimbar, der älteste Giraffenbulle Europas, mit fast 28 Jahren eingeschläfert werden. Kimbar hatte zuletzt unter starken Gelenksschmerzen gelitten. Im Alter waren die Knochen heikel geworden, hatten keine großen Sprünge mehr erlaubt. Auf das Abschiednehmen hatte man sich längst vorbereitet. Und doch: mit seinen großen Augen und den langen Wimpern bezauberte Kimbar auch noch, als die Falten in seinem kleinen, grauen Gesicht Furchen geworden waren. Gutmütig und sanft sei er immer gewesen, berichtete Kimbars Pflegerin, im Alter sei er noch ruhiger geworden. Die Lust am Essen aber, die war geblieben. Auch, wenn er keine Zähne mehr hatte und die Fütterung eine feuchte Angelegenheit geworden war. Apropos feucht: Kimbar schleckte seinem Gegenüber gerne zärtlich über das Gesicht.

Was mit ihren sterblichen Überresten passiert, ist noch nicht entschieden. Fest steht: Man wird Kimbar, Kibali und Schurli vermissen. Sie lassen Reviergefährten, aber auch Pflegerinnen und Pfleger zurück. Sie hatten sich, so gut sie konnten, auf den Abschied vorbereitet. Er kam dann doch sehr plötzlich.

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