Neue Anfänge: Kommendes Jahr geht Samu Haber mit Sunrise Avenue auf Abschiedstournee

© Janita Autio

freizeit Leben, Liebe & Sex
10/22/2020

Samu Haber über Depressionen: „Nichts, wofür man sich schämen muss“

Der Rockstar über seinen Weg aus der Depression und den Druck, eine öffentliche Person zu sein.

„Alles war immer gleichzeitig Glück und Qual“, schreibt Samu Haber in seiner neuen Biografie „Forever Yours“ (Riva). Der 44-jährige Finne, der gerade wieder als charmanter Juror bei „The Voice of Germany“ zu sehen ist, thematisiert darin nicht nur seinen steilen Aufstieg als Frontman der Band Sunrise Avenue, sondern auch die Schattenseiten des Ruhms: Burn-out, Selbstzweifel, Rückzug – und wie es ihm gelang, durch eine Psychotherapie wieder klar zu sehen. Dem KURIER gewährte er im Interview einen Blick in seine Seele.

KURIER: Wie schwer fiel es Ihnen, über persönliche Krisen und Ihre Erfahrung mit Psychotherapie zu schreiben?

Samu Haber: Natürlich macht es mich nervöser als jedes Konzert. Aber ich denke, es ist nichts, wofür man sich schämen muss – ich lasse mir auch beim Trainieren oder Dekorieren meines Hauses helfen. Und ich denke, wie man die Welt und sich selbst sieht, ist wichtiger als das, was man im Fitnesscenter macht. Ich habe eine Verantwortung verspürt, damit offen umzugehen.

Sie schreiben, dass Sie als Juror bei „The Voice“ massive Selbstzweifel plagten. Wie überwindet man sie?

Man überwindet sie nicht, aber man kann lernen, mit ihnen zu leben. Die erste Staffel war beängstigend für mich, weil ich kaum Deutsch konnte. Bei der zweiten dachte ich: Du hast es das erste Mal überlebt, du wirst es auch jetzt überleben. Humor ist eine gute Waffe in solchen Situationen, aber das Wichtigste ist: Akzeptiere, was du nicht ändern kannst. Manches im Leben ist wie ein Fluss, er bringt dich an einen anderen Ort und du kannst nichts dagegen tun, außer es zu akzeptieren.

Zuletzt äußerten sich immer mehr Künstler über psychische Krisen. Wie belastend ist das Leben im Rampenlicht?

Ich denke, die Welt der Künste war schon immer voll von sensiblen Persönlichkeiten. Für Außenstehende ist es oft schwer zu verstehen, wie sich jemand, der so toll aussieht, innerlich so schlecht fühlen kann. Der Druck ist enorm, aber ich habe mich dafür entschieden, in der Öffentlichkeit zu stehen. Wenn ich damit nicht klarkomme, muss ich aufhören und Briefträger oder Verkäufer werden.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie Hilfe brauchen?

So etwas passiert nicht von einem Tag auf den anderen. Vor ein paar Jahren fiel mir auf, dass ich meine Freunde und all die Menschen zu Hause seit Jahren nicht gesehen habe – ich lebte in meiner Sunrise-Avenue-Blase. Obwohl ich da war, wo ich immer hin wollte, wusste ich nicht mehr, wer ich war. Durch die Therapie habe ich gelernt, mich selbst besser zu verstehen.

Sie wurden von vielen Plattenfirmen zurückgewiesen, bevor Sie Erfolg hatten. Wie wichtig sind Niederlagen?

Glücklicherweise bin ich in meinem Leben oft gescheitert. Das Wichtigste ist, denke ich, dass man Nachsicht mit sich selbst hat und andere um Verzeihung bittet, wenn man jemanden verletzt hat. Wenn ich einen Fehler gemacht habe, schreibe ich ihn auf ein Blatt Papier und denke darüber nach, was ich das nächste Mal besser machen kann. Das tue ich aber auch, wenn mir etwas gut gelungen ist.

Vorreiter. Nach außen  sind sie reich und schön, innerlich kämpfen sie oft mit ihren Dämonen. Was in Hollywood schon länger üblich ist, schwappt nun auch nach Europa: Prominente verarbeiten ihre seelischen Krisen in Buchform und tragen  zur Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen bei. „Ich war antriebslos, konnte an nichts mehr Freude finden, war traurig und weinte sehr viel“, schreibt etwa Cathy Hummels, Influencerin und Ehefrau von Mats Hummels, in ihrem Buch „Mein Umweg zum Glück“, das Ende September erschienen ist. Psychotherapie und Medikamente hätten ihr durch diese Zeit geholfen, heute habe sie keine Angst mehr vor der Depression. Auch Paul Pizzera legte diesen Herbst einen autobiografischen Roman vor, der die Wichtigkeit von seelischer Gesundheit unterstreichen soll. „Der hippokratische Neid“ handelt von einer Psychotherapiesitzung und ist von Pizzeras eigener Krise vor fünf Jahren inspiriert. Sein Therapeut habe ihm damals die richtigen Fragen gestellt und so aus seinem Loch geholfen. Seine Botschaft: Niemand muss sich dafür schämen,  psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.    

Klingt nach der finnischen Lebensphilosophie Sisu – können Sie erklären, was Ihre Landsmänner auszeichnet?

Sisu bedeutet Widerstandskraft, sich in dem, was man tut, nicht beirren zu lassen. Wir Finnen denken, weil wir mit Rentieren im Wald aufgewachsen sind und viel Alkohol trinken, kann uns nichts umbringen. (lacht) Wir gehen durch Wände, wenn es nötig ist. Ich habe wirklich Glück, dass ich in einem Land wie Finnland geboren wurde, und liebe es, hier zu wohnen – gerade jetzt, wo man niemandem begegnet. (lacht)

Rockstars sind nicht bekannt für ihren gesunden Lebensstil – wie halten Sie sich fit?

Ich habe schon vor eineinhalb Jahren aufgehört zu rauchen. Durch Corona hatte ich mehr Zeit für Sport und zum Relaxen. Therapie ist etwas, das man sein Leben lang macht – manchmal geht man einmal im Jahr, manchmal jede Woche. Das Leben ist ein ewiger Lernprozess. Ich bin noch immer derselbe Typ, aber der Rucksack, den ich trage, ist leichter geworden.

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