Räuchern: Für jeden Anlass das richtige Kraut

Räuchern sorgt für Stimmung.
Die uralte Technik ist seit Jahren ungebrochen in Mode. Warum das Ritual zum modernen Lifestyle passt und welche Trends es gibt.

Manche tun es täglich, etwa um sich bei der Arbeit zu konzentrieren. Andere greifen nur einmal im Jahr dazu. Und die dritte Gruppe vertraut bei markanten Lebensveränderungen darauf. Aus welchem Grund auch immer: Räuchern ist zu einem Lifestyle-Trend geworden – und seit Jahren ungebrochen in Mode. Tendenz steigend.

Dufter Hype

Anda Dinhopl bemerkt seit rund zehn Jahren einen richtiggehenden Hype um wohlriechende Kräuter und Harze, die in Schalen oder auf Stövchen verbrannt werden und für wohltuende Gerüche sorgen. Sie muss es wissen. Ihr Geschäft „Die Kräuterdrogerie“ in Wien-Josefstadt ist eine gefragte Anlaufstelle für Räucherzubehör und Kurse. „Die Menschen haben ein Bedürfnis, mit Ritualen wieder mehr zu sich zu kommen“, stellt sie im KURIER-Gespräch fest. Für viele sei etwa der Umzug in eine neue Wohnung der Einstieg in die Räucher-Welt. „Viele fangen damit an, um die alten Schwingungen loszuwerden.“

Neuorientierung

Wenn Dinhopl über passende Räuchermischungen spricht, klingt das alles andere als weltfremd oder esoterisch. Rituale des Ausräucherns im Sinne einer Reinigung, Erkenntnisfindung oder Neuorientierung ziehen sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte. „Mich interessiert die Psychologie des Menschen, der immer danach suchte, mit Ritualen zu sich zu kommen.“

Das Trendige, Moderne im Räuchern liegt für Christoph Frühwirth im schnelllebigen Alltag. „Wir sind es heute nicht mehr gewohnt, innezuhalten. Alles muss schnell und sofort passieren“, sagt der Buchautor ("Nächte zwischen der Zeit." Verlag Benevento. 197 Seiten. 20 Euro). So betrachtet sei Räuchern auch eine Selbstreinigung, nach der es eine wachsende Sehnsucht gebe. „Gerade durch die Corona-Pandemie kam es für viele zu einer Rückbesinnung auf das Wesentliche: Geh zu dir selbst zurück, nimm dir eine Auszeit. In Ritualen kann man diese finden.“ Der Buchautor hat sich dem Räuchern über die traditionellen Raunächte rund um die Weihnachtszeit angenähert. „Die Bauern im alpinen und voralpinen Raum nutzten diese von der Natur vorgegebene Auszeit genau in diesem Sinne. Mit dem Räuchern hängt auch vieles zusammen – Zusammensitzen, Gemeinschaft pflegen.“

Stimmungsmacher

Ob Harze oder Kräutermischungen für eine bestimmte Stimmung: Wofür man sich bei seinem persönlichen Räucherritualen entscheidet, ist sehr individuell. Expertin Anda Dinhopl sieht das undogmatisch. „Das ist jedem selbst überlassen. Für mich geht es beim Räuchern um das Ritual, um die Besinnung darauf, was ich gerade brauche.“ Grundsätzlich könne jedes Kraut, jedes Harz verwendet werden. Doch auch in der uralten Technik des Räucherns gibt es so etwas wie Trends. Da spiegelt sich mitunter auch Angesagtes aus der Kulinarik wider.

Momentan ist etwa die wegen ihres feinen Aromas in der gehobenen Gastronomie beliebte Tonkabohne unter den Räucherstoffen zu finden. „Sie ist herrlich, wirkt ausgleichend und stimmungsaufhellend“, schwärmt Dinhopl. Kardamom, ein beliebtes Gewürz, wird Fröhlichkeit und Leichtigkeit nachgesagt, Koriander soll klärend wirken. Zum Klassiker, etwa bei Umzügen, hat sich mittlerweile der weiße Salbei aufgrund seiner reinigenden Wirkung entwickelt. Und klarerweise muss man mit einer Vorliebe für klärenden Weihrauch nicht bis Weihnachten warten. „Wer sich auskennt, weiß, dass Wacholder ein uraltes Desinfektions- und Reinigungsmittel ist. Daher wurde es ja von jeher zum Räuchern verwendet“, weiß Frühwirth.

Undogmatisch

Er findet, man sollte aber nicht zu streng sein: „Es geht ja darum, ganz im Moment zu sein, sich Zeit für etwas zu nehmen. Das Ritual soll für Wohlbefinden sorgen. Ob ich den Duft einer Kräutermischung aus der Apotheke genieße oder der Rauchwolke einer Zigarre nachschaue – beides kann wunderbar sein.“

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