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10/14/2020

Jung und schlau: Warum manche Schüler schon im Hörsaal sitzen

Das Programm „Schüler an die Hochschulen“ ermöglicht es Schülern, Vorlesungen und Seminare an Unis zu besuchen. Worauf es bei der Hochbegabtenförderung ankommt, erläutert Expertin Claudia Resch.

von Ute Brühl

Erst Schule, dann Uni – so ist der übliche Weg. Doch in Österreich können schon Schüler Uniluft schnuppern. Die Jüngsten, die diese Möglichkeit nutzen, sind elf Jahre alt. „Ein Erfolgsprojekt“, weiß Claudia Resch vom Österreichischen Zentrum für Begabtenförderung und Begabtenforschung an der PH Salzburg: „Wir haben das wissenschaftlich begleitet und wissen, dass alle Teilnehmer die Tage an der Hochschule als Bereicherung erleben.“

In dieser Geschichte erfahren Sie:

  • Wie Schulen Kinder mit besonderen Talenten fördern können.
  • Was Hochbegabung mit Verhalten zu tun hat.
  • Welche Erfahrungen zwei junge Menschen an der Universität gemacht haben.

 

Die Initiative „Schüler/innen an die Hochschulen“ (Details auf youngscience.at) wendet sich nicht nur an Hochintelligente – also die drei Prozent der Österreicher, die einen IQ von 130 oder höher haben. Laut Resch haben „15 bis 20 Prozent der Schüler das Potenzial zu sehr hohen Leistungen – wenn die Förderbedingungen in der Schule, im Elternhaus, im Freundeskreis passen. In Summe sind das mehr als 200.000 Schülerinnen und Schüler in Österreich.“ Jedes dieser Kinder habe ein Recht auf Förderung.

Keine leichte Aufgabe, wenn man sich einmal in den Schulen umschaut: Da sitzen 30 oder mehr Kinder in einem Klassenzimmer, die von ihrer Leistungskapazität höchst unterschiedlich sind. Dennoch sollte man nichts unversucht lassen, sagt Resch. „Denn Begabungen können verkümmern, wenn sie nicht trainiert werden. Beispiel: Ein Pianist, der weder Klavier noch guten Lehrer hat, wird nie Weltspitze.“

Verträge mit Schülerinnen und Schülern

Oft sei es gar nicht so schwer, Talente in der Schule zu fördern, ist die Pädagogin überzeugt. Ihr Vorschlag: „Lehrkräfte schließen einen Lernvertrag mit dem Talentierten ab: Zwei Stunden pro Woche nimmt er wie alle am Unterricht teil, zwei Stunden arbeitet er selbstständig an einem Projekt.“ Das können hochbegabte Kinder nämlich besonders gut: „Sie neigen oft zu abstraktem, kritischem und unabhängigem Denken.“

Welche Merkmale noch auf ein besondere Talent hinweisen, fasst Resch so zusammen: „Begabte Kinder können Zusammenhänge gut durchschauen, sind sprachlich versiert, merken sich Dinge gut und können schon früh Wissen aus verschiedenen Fachgebieten verknüpfen.“

Von IQ-Tests hält Resch nur bedingt etwas: „Eltern merken ja, dass ihr Kind clever ist, und fördern es – egal ob der IQ jetzt bei 130 oder bei 114 liegt.“ Übrigens: Hochbegabte Kinder sind nicht verhaltensauffälliger als andere. „Die Studien belegen das schlichtweg nicht“, weiß Resch. Eine Entschuldigung für schlechtes Benehmen wäre Hochbegabung eh nicht.

Doch zurück zu den Schülern, die an die Hochschulen dürfen. Hier berichten Charnkamal Bhogal und Luisa Vortisch über ihre Erfahrungen.

Charnkamal Bhogal: „Wissen nutzt mir fürs Medizinstudium“

Als der HTL-Professor fragte, wer einmal Uniluft schnuppern wolle, musste Charnkamal Singh Bhogal nicht lange überlegen. Der 17-Jährige, der die HTL für Biomedizin und Gesundheitstechnik in Salzburg besucht, ist das ein Einser-Schüler. „Ich lerne nicht leichter als andere, interessiere mich aber für alles“, meint er bescheiden. Und deshalb vertieft er sich in jeden Stoff.

Auch an der Universität Salzburg, wo er eine Vorlesung über molekulare Biowissenschaft besuchte, legte er sich ins Zeug. „Anwesend war ich aufgrund der Corona-Regelung  nur eine Stunde, den Rest habe ich online gemacht“, erzählt er. Zuerst ging es ihm wie vielen Schülern, die den Schritt an die Universität wagen: Er hatte anfangs Respekt vor dem Hörsaal, doch er fühlte sich bald wohl.

„Ich habe mich sogar getraut, dem Professor Fragen zu stellen“, erzählt er.  Wie die Studenten hat auch er am Ende eine Prüfung gemacht – und mit „sehr gut“ bestanden.  Was ihm die Uni gebracht hat? „Ich habe zwar schon in der HTL trainiert, selbstständig zu arbeiten – doch an der Hochschule lernt man noch mehr, sich die nötigen Informationen zusammenzusammeln und sich zu organisieren. Da ich nach der Matura Medizin studieren will, kann ich diese Fähigkeiten gut brauchen.“  

Luisa Vortisch: „Mehr Schulen, die Kinder wie mich fördern“

Physik hat Luisa Vortisch schon sehr  früh interssiert. „Für mich war ein Ball nicht nur ein Spielzeug: Welche physikalischen Gesetze dahinter stecken, wenn er zu Boden geht und wieder aufspringt, hat mir mein Vater schon früh erklärt.“ Und so kam es, dass für sie schon als  Volksschülerin klar war, dass sie später Physikerin werden will.

Vortisch gehört zu den Schülerinnen, die stundenweise an der Uni sind (dazu gibt es eine extra Geschichte):   „Anfangs hatte ich einen Riesen-Respekt vor der Hochschule – sowohl vor der Vorlesung selbst  als auch vor den Mitstudenten.“ Davon ist jetzt nichts mehr zu spüren: „Viele der  Studierenden sind jetzt meine Freunde. Es macht mir Spaß, mit ihnen etwas vorzubereiten.“

Und wie geht es in der Schule? „Die ist oft langweilig, weshalb ich oft fehle. Meine Lehrer  stört das  nicht, solange ich überall auf  einem Einser stehe“. Stattdessen sitzt sie  im Hörsaal, bereitet sich auf die Physik-Olympiade vor - oder sie liest sich in die Literaturgeschichte, die Musiktheorie oder in die Quantenphysik ein: Vortisch hat viele Interessen.

Einen IQ-Test hat sie noch nicht gemacht, auch wenn sie das Ergebnis interessieren würde: „Ich brauch’ das aber nicht zum Glücklichsein. Ich bin  wie ich bin - man muss sich selbst akzeptieren.“ Nach der Schule will sie an der  ETH Zürich Hochenergiephysik studieren. Ihr Wunsch: „Mehr Schulen, die Kinder wie mich fördern. Ich habe es immer gehasst, Durchschnitt zu sein.“

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