© ILLUSTRATION:BARTOSZ CHUDY UND CHRISTINE KARNER/ISTOCKPHOTO

freizeit Leben, Liebe & Sex
09/26/2020

freizeit-Kurzgeschichte: Winkler will was vom Leben

Ein Hund, eine mysteriöse Frau auf dem Beifahrersitz und eine Überraschung am Ende: Vier freizeit-Kolumnisten wagen ein Experiment und schreiben hintereinander je ein Kapitel, entstanden ist eine lebendige, exklusive Fortsetzungsgeschichte – viel Spaß beim Lesen!

von Vea Kaiser, Guido Tartarotti, Christian Seiler, Polly Adler

Der Radiowecker piepte panisch, als wäre er ein vom Diebstahl bedrohtes Luxusauto und kein buchgroßes Kasterl aus dem Tchibo-Sortiment. Winkler erwischte den falschen Knopf. Sofort kreischte der Lieblingsmoderator seiner Frau:  „Was für ein gigageiler mannomega Morgen, Life’s gooooood!“

War es nicht schon Strafe genug aufzuwachen, obwohl man gar keinen Grund dazu hatte? Musste man auch noch die prächtige Laune eines aufgekratzten Moderators ertragen? Ehe Winkler das Radio abstellen konnte, schoss Berti um die Ecke, der zu nichts zu gebrauchende Pomerianer, den er seiner Frau um das Geld eines gebrauchten Kleinwagens geschenkt hatte. Berti bellte, der Moderator gellte: „Hoop hoop, Morning-Motivation des Tages: Das Leben ist geil und auch du hast eine Leistung erbracht, sei stolz auf dich!“

Berti fletschte die Zähne, Winkler stand auf. Ja, es war eine Leistung, vom eigenen Hund gehasst zu werden.

Die Ruhe der Küche war nach dem Lärm des Schlafzimmers weniger erholsam als deprimierend. In der Abwasch stand das benutzte Frühstücksgeschirr. Seine Frau hatte tatsächlich mit ihm gefrühstückt, ehe sie auf „Mädelswochenende“ in die Therme gefahren war. Ein Mädelswochenende ohne Mädels, wie er seit gestern Abend wusste, mit dem jungen Filialleiter der Raiffeisenbank. Winkler wollte sich einreden, der Kerl war mit seinen bartlosen Wangen und vom Yoga geformten Körper selbst ein Mädel, doch der Scherz funktionierte nicht. Immerhin stand er gehörnt in der Küche eines Fertigteilhauses, hier, an diesem trostlosen Ort im Weinviertel, wo er von den Weißweinen Gastritis bekam, wohin er nur derjenigen Frau zuliebe gezogen war, die nun mit einem glatthäutigen Baby-Delfin im Warmwasser planschte. Und er, Winkler, 44 Jahre alt, seit Kurzem arbeitslos, hatte nicht einmal den Mut gehabt, in diese drei Stunden entfernte Therme zu fahren und sie zur Rede zu stellen.

Stattdessen war er nachhause gegangen und hatte Berti ausgeführt. Berti, der ihn für den Abschaum der nördlichen Hemisphäre hielt.

Es klingelte an der Tür. Anna-Laura von schräg gegenüber stand davor.

„Die Mama fragt, ob wir zwei Eier ausborgen können?“

"Natürlich“, sagte er und reichte ihr einen vollen Karton.

„So viele brauchen wir nicht.“

Und da wurde Winkler etwas bewusst. „Nimm sie alle, ich muss sowieso weg!“, sagte er, hob Berti hoch und drückte ihn in Anna-Lauras Arme. Das Fellknäuel leckte ihren Hals. „Den schenk ich dir!“ Auf Anna-Lauras Antlitz ging die Sonne auf.  „Wirklich?“ fragte sie, und lief auf Winklers Nicken hin eilig davon, als könne er es sich anders überlegen. Nun musste er sich beeilen, also tauschte er hastig Pyjama gegen Straßenkleidung, schnappte seine Geldbörse und sprang ins Auto.

Der Radiomoderator hatte Recht: Das Leben war gut. Seines momentan nicht, aber es gab keinen Grund, das nicht zu ändern. Winkler setzte verkehrt aus der Einfahrt und sah im Rückspiegel, wie Anna-Lauras Mutter ihm mit Berti im Arm hinterherlief, bis er um die Kurve verschwand. (Vea Kaiser)

Winkler drehte am Knopf des Autoradios, bis er seinen Lieblingssender fand: eine alte tschechische Station, die schon vor Jahren den Betrieb eingestellt hatte. Die Frequenz war nicht mehr vergeben worden, also sendete der Kanal ausschließlich Stille. Winkler lauschte genüsslich. Er stellte den Lautstärkeregler auf Max, damit die Stille die Motorgeräusche übertönte – und fuhr. Er hatte keine Ahnung, wohin er fuhr, wichtig war ihm nur zu fahren.

Etwas zurücklassen zu können. Nirgendwo zu sein, sondern in Bewegung zu bleiben. Unterwegs zu sein, fühlte sich gut an. Winkler ertappte sich beim Versuch, die Melodie der Stille aus dem Radio mitzusummen. Er lachte, er lachte so laut, dass es die Stille übertönte.

Winkler fuhr, ohne darüber nachzudenken, wo er sich befand. Kam er an eine Kreuzung, bog er rechts ab oder links, falls er nicht geradeaus fuhr. Manchmal hatte er das Gefühl, im Kreis zu fahren, weil ihm die Gegend bekannt vorkam. Dann wieder fühlte er sich, als sei er bereits Hunderte Kilometer von seinem Haus entfernt. Winkler fuhr, bis die Dämmerung kam. Er musste sich zwingen, die Scheinwerfer einzuschalten. Es wäre doch interessant, im Dunkeln weiterzufahren, dachte er.

Nach einiger Zeit fiel Winkler etwas auf: Er vermisste Berti. Dieses Gefühl kam so vehement und gleichzeitig unerwartet, dass er abermals laut lachen musste.
Plötzlich trat Winkler mit aller Kraft auf die Bremse, so heftig, dass es ihn selbst überraschte. Er hatte etwas auf der Straße gesehen, und sein Hirn hatte dem Fuß den Bremsbefehl erteilt, so schnell, dass Winkler ein paar Sekunden brauchte, um zu verstehen, was vor sich ging. Und das ging vor sich: Die Bremsen quietschten, die Räder blockierten, das Auto rutschte auf das Ding auf der Straße zu und darüber hinweg. Winkler spürte keinen Aufprall. Dann  starb der Motor ab, und es war still.

Winkler stieg aus, ging um das Auto herum und blickte auf die Straße. Und da saß er: Berti. Er wedelte zufrieden mit dem Schwanz und zeigte sich kein bisschen von der Tatsache beeindruckt, dass er gerade von einem Auto überfahren worden war. Offenbar hatte sich Berti flach auf die Straße gelegt und war von den Reifen verfehlt worden.

„Was machst du hier?“, sagte Winkler. Es fiel ihm gar nicht auf, wie unsinnig es war, von Berti eine Antwort zu erwarten. Stattdessen sprang Berti ins Auto und legte sich auf die Rückbank. Winkler starrte noch ein wenig in die Dunkelheit, kratzte sich am Kopf, sagte „Hm“ und dann „Aha“ und dann noch „Soso“. Daraufhin stieg er wieder ein.

Auf dem Beifahrersitz saß eine Frau. Wer sind Sie und wo kommen Sie her, wollte er fragen, doch bevor er etwas sagen konnte, begann die Frau zu sprechen: „Das also war des Pudels Kern“, sagte sie und lachte.

Mich würde interessieren, wer meine Geschichte schreibt, dachte Winkler.
„Das bin ich“, sagte die Frau, „und jetzt fahr endlich los.“ (Guido Tartarotti)

lso fuhr er los. Er beschleunigte sanft, stellte das Radio ab, hörte genau auf das Geräusch des Motors, schaltete sauber in den nächsthöheren Gang. Irgendwo hatte er gelesen, dass die bewusste und konzentrierte Ausführung alltäglicher Handgriffe das eigene Bewusstsein kalibriert.Außerdem wollte er die Dame auf dem Beifahrersitz durch eine gewisse Umsichtigkeit beeindrucken. Winkler wagte zwar nicht, sich zu ihr zu drehen und sie aus der Nähe zu betrachten, aber er spürte ihre Gegenwart.

Winkler war feinfühlig, auch wenn er in den letzten Jahren seiner Ehe zum Misanthropen geworden war. Jedenfalls warf ihm das seine Frau immer wieder an den Kopf, wenn er keine Lust hatte, sie zu einer Vernissage oder Tupperwareparty zu begleiten, wie er die Abendessen bei ihren besten Freundinnen nannte. Auf diesen Veranstaltungen hatte er das Gefühl kennengelernt, irgendwo zu sein, aber irgendwo anders sein zu wollen. Irgendwann hatte dieser Zustand sein ganzes Leben gekidnappt.

Winkler konzentrierte sich auf die Fahrbahn, die im Kegel des Scheinwerferlichts breit und einladend schien: Klar, sie lud Winkler dazu ein, sein altes Leben hinter sich zu lassen. Gerade, als er diesen tröstlichen Gedanken gefasst hatte, sah er schon den Wegweiser. Das Schild war blau. Darauf deutete ein einzelner, weißer Pfeil nach oben und daneben stand: Neues Leben.

Er lächelte. Die schwache, grüne Anzeige auf dem Armaturenbrett tauchte das Innere des Wagens in ein schummriges Licht, und Winkler nahm die Anwesenheit der fremden Frau auf dem Beifahrersitz in fast schmerzhafter Intensität wahr. Es war keine unangenehme Wahrnehmung. Nein, das Gefühl erinnerte Winkler fast an jene Zeiten, als eine flüchtige Begegnung mit einer Frau noch das Zeug hatte, sein ganzes Leben auf den Kopf zu stellen.

„Hast du dir den Wegweiser ausgedacht?“, fragte er ins Dunkel des Autos. Wenn diese Frau seine Geschichte schrieb, dann war sie wohl auch für diese Pointe verantwortlich. Keine Antwort. Winkler wartete ein wenig, bis er den Blick nach rechts schweifen ließ, und obwohl er die Anwesenheit der Frau noch immer spüren konnte, sah er nur den leeren Sitz. Als er vorsichtig die Polsterung abtastete, weil er seinen Augen nicht recht traute, war der Sitz warm.

Gerade noch rechtzeitig sah er den Polizisten, der plötzlich am Straßenrand auftauchte, und ihn mit roter Kelle aufforderte, stehen zu bleiben.

Winkler erschrak zutiefst. Er erschrak immer, wenn er einen Polizisten sah. Polizisten erinnerten ihn daran, dass er verdiente, für etwas bestraft zu werden, auch wenn er keine Ahnung hatte, wofür.   
Er war nüchtern, nicht zu schnell gefahren, hatte keine Leiche im Keller, wobei, armer Berti ...

Winkler fuhr rechts ran, kurbelte das Fenster hinunter und hörte gerade noch, wie der Polizist zu den anderen schwarzen Gestalten, die das Auto umstellten, sagte: „Er ist es. Ziehen wir die Sache durch.“ (Christian Seiler)

Winklers Adrenalin schlug Blasen. Da waren sie wieder, die roten Pumps. Dem Himmel sei Dank. Immer wenn sich der alte Affe Angst auf seine Schultern hockte, visualisierte er die roten Pumps, die an den überschlagenen Beinen von Frau Morgenstern oft nur an den Zehen gebaumelt waren. Das beruhigte ihn. Adele Morgenstern war zwei lange Jahre Winklers Psychotherapeutin gewesen. Auf ihrem Schreibtisch stand eine kleine Freud-Puppe, die, wenn man sie auf den Rücken schlug, „fuck your mother“ quäkte. Immer wenn ihre Klienten ihr Unglück auf eine emotional unterkühlte Mutter abwälzen wollten, schlug sie auf Mini-Sigi.

Dieser Polizist roch so gar nicht nach der Duftnote Ironie, sondern nach Wurstsemmeln, die zu lange in überheizten Räumen gelegen waren.
„Gemma, gemma, wir ham’ unsere Zeit net in der Lotterie g’wonnen.“

Winkler fühlte sich, als ob er in eine Netflix-Serie von auf zu billige Drogen gesetzte Drehbuchautoren verpflanzt worden sei, als er sich mit hoch erhobenen Händen aus seinem versifften Auto schälte. Der junge Polizist sah nach einem Zweitwohnsitz in einem 19,90-Monatstarif-Fitnesscenter aus und hatte seiner Metrosexualität mit der Gestaltung seiner Augenbrauen Tribut gezollt. Er stieß Winkler mit einem Metallstab in die Kniekehlen, sodass der wie ein Crashtest-Dummy in sich zusammensank.

„Und“, deutete der Polizist auf Berti, „warum sagt der eigentlich nix?“ Winkler kroch inzwischen selbst in einer Art abschauendem Hund auf dem Boden.  In dieser Yoga-Stellung pflegte sich das Thermen-Luder, wie er seine Frau insgeheim nannte, um emotionale Distanz aufzubauen, gerne morgens aufzuhalten.
„Dieser Hund hat eine verdammt gute Ausrede“, ächzte Winkler, „er ist nämlich mausetot.“

„Net deppert reden, Depperter“, zischte der Polizist, „Sie san jetzt nämlich dran. Sie haben nämlich jemand überfahren.“
 „Wer, ächz, soll das sein?“„Ihr Leben, Depperter, Ihr Leben. Liegt seit Monaten halb tot auf dem Pannenstreifen.“
 Satzfetzen zweier heller Stimmen drängen durch den Nebel von Winklers Wahrnehmung.
 „Da is’ er ja, das Hasimandi“, sagte eine. „Was machst du denn für Sachen, Gerry?“
 Winkler blinzelte. Zwei Frauen saßen am Fußende seines Spitalsbetts. Die eine ähnelte gespenstisch der von seinem Beifahrer-Sitz Entflohenen. Die andere  der, an die er gar nicht denken wollte. In seiner rechten Hand spürte er etwas Hartes.

„Ein Amethyst, das ist der volle Kraftspender“, sagte die andere, „hat schon vielen nach einem Herzinfarkt geholfen.“

Winkler flüsterte, während sein Blick sich in einem Aquarell, auf dem Trolle und Elfen tanzten, auf der gegenüberliegenden Wand verfing: „Wer seid ihr bitte?“
 Das grauenhafte Gemälde stammte sicher von einer Primargattin auf Selbstverwirklichungstrip. Die Amethyst-Botschafterin strich ihrer Mitbewerberin jetzt über die Schulter: „Mei, wie süß, retrograde Amnesie. Ich bin’s, deine Frau, also wieder, und die da is’ das Gspusi.“

„Moment, die Sache zwischen mir und dem Gerry hat ... also hatte Substanz, es war nicht nur, aber auch … also alles ziemlich seelisch.“
Giftige Blicke flogen. Die Hauptfrau sammelte sich: „Jaja, passt schon. Jetzt brauchst keine Angst mehr haben, Hasimandi! Wir teilen uns das Sorgerecht … Eine Woche die Seelische, die andere Woche ich. Und aja, da gibt’s noch wen, der dich voll vermisst.“

Sie zückte ihr Smartphone und der bellende Berti erschien. Winkler druckte den Notfallknopf und notierte innerlich auf seiner Erledigungsliste: „DRINGEND: Frauengeschmack überdenken.“ (Polly Adler)

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