Lady Erika in der leeren Bar ihres Lieblingshotels: „Im Imperial wirst du immer behandelt wie eine Dame, auch wenn du ohne männliche Begleitung unterwegs bist“

© Kurier/Franz Gruber

Interview
12/04/2020

Psychoanalytikerin Erika Freeman über die Vorzüge des Lockdowns

Die berühmte Psychoanalytikerin über Resilienz, Trumps Ex-Frau und falsches Heldentum.

von Julia Pfligl

Das Imperial hat nur für sie geöffnet: Als das Virus über die Welt kam, konnte Erika Freeman nicht mehr in ihre Wohnung am Central Park West zurückkehren – und blieb. Die Aufenthalte im Ring-Hotel seien ihre „Rache an Hitler“, der hier eine Rede hielt, gibt die 93-Jährige in Interviews gerne zu Protokoll. Wie eine Königin thront die Psychoanalytikerin, zu deren Klientel Filmstars und Politiker zählten, top gestylt auf einem Loungesessel und beantwortet in einem Mix aus Deutsch, Englisch, Jiddisch und feiner Ironie die Fragen des KURIER.

KURIER: Dr. Freeman, wie geht es Ihnen?

Erika Freeman: Es geht mir immer gut, denn auch wenn es mir schlecht geht, wird es morgen wieder besser sein. Wenn es Nacht wird, bleibt es ja auch nicht immer dunkel, es sei denn, du bist am Südpol. Das Gute am Lockdown ist: Die Menschen, die du nicht sehen willst, darfst du nicht sehen. Sehr praktisch.

Wegen des Lockdowns haben Sie die US-Wahl aus der Ferne mitverfolgt. Wie beurteilen Sie Trumps Verhalten als Wahlverlierer?

(lacht) Das ist so ein Kasperl. Er hatte es nicht leicht, er ist ein Mittelkind und kämpfte sein Leben lang um die Anerkennung seines Vaters. Trump ist ein Narzisst, er kann Verlieren nicht akzeptieren und wenn etwas schiefgeht, ist immer jemand anderer schuld oder er leugnet, dass es schiefgegangen ist.

Mit Hillary Clinton sind Sie befreundet, kennen Sie auch Trump persönlich?

Ich habe ihn öfter im Restaurant Jean Georges im Trump Tower Hotel gesehen. Er hat einen richtigen Stockerlhintern! Mit seiner ersten Frau Ivana, eine sehr nette Person, war ich einmal gemeinsam auf der Bühne. Sie sagte zu mir: Amerika ist ein herrliches Land, wenn du hart arbeitest, kannst du Erfolg haben. Ich habe ihr gesagt, dass sie recht hat, aber nicht, dass es hilft, wenn man mit einem Milliardär verheiratet ist.

Eine junge Deutsche hat sich bei einer Corona-Demonstration mit Sophie Scholl verglichen. Was geht Ihnen da durch den Kopf?

(empört) Die versteht ja gar nicht, was Widerstand bedeutet! Wogegen leistet sie Widerstand? Gegend das Virus? Gegen den Schutz vor einer Krankheit? Bist du jetzt ein Held, weil du krank sein willst? Das ist kein Heldentum. Heute bist du ein Held, wenn du es schaffst, gesund zu bleiben, denn deine Gesundheit hilft auch anderen, gesund zu bleiben.

Oft heißt es, Corona sei die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, ist dieser Vergleich überhaupt zulässig?

Es ist nicht dasselbe. In der Corona-Krise ist die ganze Welt in einem Krieg gegen die Krankheit, nicht gegen andere Menschen. Also hasst das Virus, kämpft dagegen! Wenn du einen Platz brauchst für deinen Hass, dann hasse das Virus, nicht andere Menschen.

Bewegtes Leben
Geboren 1927 als Erika Padan in Wien, floh sie mit 12 als unbegleitete Minderjährige vor den Nazis nach New York, studierte an der Columbia University und wurde zu einer  angesehenen Psychotherapeutin. Sie war bis zu dessen Tod mit dem Maler Paul Freeman verheiratet und lebt in Wien und New York  

Wiener Vorlesungen
Das Gespräch von Erika Freeman  mit Markus Kupferblum aus dem MuTh wird am Montag,  7. 12., um 19.00 Uhr live auf Facebook übertragen und am 9. 12. um 23.20 Uhr in ORF III ausgestrahlt

Interessant an dieser Krise ist, dass es den Filmstar genauso getroffen hat wie den Arbeiter. Gehen Stars mit dieser Angst anders um?

Nein, denn alle Krankheiten sind sehr demokratisch – was die Ärzte für dich tun, ist eine andere Geschichte.

„Resilienz“ gilt als Modewort. Sie haben viel erlebt – machen Krisen stärker?

Das gilt sicher nicht für jeden. Man muss dafür sorgen, dass eine Krise nicht zum ganzen Leben wird. Resilienz ist die Gottesgabe, wieder aufzustehen. Lass das Gestern Gestern bleiben, wenn es dir für die Zukunft nicht helfen wird. Was soll das für eine Zukunft werden, wenn du die ganze Zeit einen Rucksack mit Zores herumschleppst?

Im Rahmen der Wiener Vorlesungen sprechen Sie über „Wunder und Liebe“. Was ist für Sie ein Wunder?

Wunder geschehen die ganze Zeit, wir nehmen sie nur nicht wahr. Alleine, dass ich jetzt da bin, im Imperial, mit dir rede! Dass mir noch jemand zuhört, ist ein Wunder. Wir glauben ja immer, ab einem gewissen Alter ist es zu spät. Aber es gibt kein „zu spät“. Solange du lebst, kannst du die Welt retten – oder dich zumindest amüsieren.

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