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freizeit Leben, Liebe & Sex
10/02/2020

Die ganze Welt, ein Wunder: Warum wir alle mehr staunen sollten

So groß! So klein! So schön! Wer staunen kann, setzt dem Alltag etwas entgegen, und stellt wesentliche Fragen.

von Gabriele Kuhn

Stürzt die Sonne ins Meer, wenn sie untergeht?“, „Kann ich auf einem Regenbogen spazieren gehen?“, „Können Blumen glücklich sein?“: Wenn Kinder der elementaren Natur begegnen, stellen sie Fragen – die Welt ist für sie ein Abenteuer. Da wirkt ein Sonnenuntergang wie die erste Entdeckungsreise ins Universum und das Betrachten eines Regenbogens so aufregend wie ein Actionfilm oder eine Zaubershow für Erwachsene.

Staunen bereichertIm Staunen liegt eine Magie, die im Laufe der Jahre abhandenkommt. Schade. Weil dieses Wundern und Staunen nicht nur bereichert, sondern auch bildet. „Kinder besitzen oft eine Genialität, die im Erwachsenenalter verloren geht, es ist, als ob wir mit den Jahren in ein Gefängnis der Konventionen und Meinungen, der Verdeckungen und Unbefragtheiten einträten, wobei wir die Unbefangenheit des Kindes verlieren“, meinte dazu Karl Jaspers. Aristoteles sah in der Fähigkeit zu staunen und des Verwunderns nicht nur den Antrieb, Wissen zu erwerben, sondern auch den Anfang des Philosophierens und der Weisheit. Dabei geht es um Dinge, die wir als groß empfinden, größer als uns selbst. Die sprachlos machen, berühren: Wow, so schön, so mächtig, so winzig, so lebendig, so wunderbar!

Die Meeresbiologin und Umweltaktivistin Rachel Carson beschrieb die „Magie des Staunens“ so: „Die Welt eines Kindes ist frisch und neu und schön, voller Wunder und Begeisterung. Es ist unser Unglück, dass diese klare Sicht, der richtige Instinkt für das, was schön und ehrfurchtgebietend ist, sich für die meisten von uns verdunkelt und verloren geht, noch bevor wir erwachsen sind.“

Carson verstand den „Sinn fürs Staunen“ als unfehlbares Mittel gegen die Langeweile und Enttäuschung späterer Jahre, gegen „die sterile Beschäftigung mit Dingen, die künstlich sind, und gegen die Entfremdung von den Quellen unserer Kraft.“ Richtig angesagt ist das Wundern dennoch nicht – so mancher ist lieber cool, steht über den Dingen und betrachtet die Welt aus kritischer Distanz. Staunen hingegen würde bedeuten, für Momente innezuhalten, sich „herauszunehmen“ und einen Schritt zurückzutreten. Wer das kann, ist sozialer, behaupteten US-Psychologen vor fünf Jahren im Journal of Personality and Social Psychology. Das Gefühl des Erstaunens bewirke nämlich, dass Menschen kooperativer, hilfsbereiter und altruistischer werden.

Nachvollziehbar: Wer sich jemals beim Betrachten eines Sternenhimmels im Gefühl von Weite und Unendlichkeit verloren hat, weiß, wie klein und unbedeutend eigene Sorgen oder Anliegen auf einmal wirken können. Wie bereichernd das Staunen von und gemeinsam mit Kindern sein kann, weiß Daniela Camhy. Sie gründete die Österreichische Gesellschaft für Kinderphilosophie an der Uni Graz, die erste Einrichtung dieser Art. Im Rahmen ihrer Arbeit erlebt sie nahezu täglich die Faszination kindlichen Staunens. „Kinder sehen in der Natur noch viel Neues, sie wollen die Welt entdecken, alles wissen, fragen und sich wundern“, erzählt sie. Für Erwachsene sei das alles selbstverständlich – daher stellen sie grundlegende Fragen nicht mehr, man wird achtlos, steckt in eingefahrenen Denkmustern. „Im gemeinsamen Entdecken, Fragen, Reflektieren und Philosophieren können sie allerdings neue Perspektiven kennenlernen, jenseits vorgefertigter Antworten. Das kann sehr wertvoll sein“, ist Camhy überzeugt. Und es verbindet: „Weil Dialoge zwischen Kindern und Erwachsenen entstehen, mit denen diese Denkmuster aufgebrochen werden, sodass man selbst wieder ins Staunen und ins Hinterfragen kommt: „Wie ist es wirklich?“ Staunen hilft, die Gedanken zu klären. Schließlich zitiert sie den Philosophen Gareth Matthews: „Wer nie mit einem Kind oder einer Gruppe von Kindern richtig philosophiert hat, hat eine der schönsten Gaben, die das Leben zu bieten hat, verpasst.“

Ist es möglich, das Staunen erneut zu lernen? „Ja“, sagt Daniela Camhy: „Erwachsene können das tun, indem sie von Kindern lernen – vor allem, was die Unbefangenheit betrifft. Dafür braucht es Zeit, mit den Kindern zu sprechen, zuzuhören und sich darauf einzulassen. Um hinaus in die Natur zu gehen, und offen für Neues zu sein.“

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