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freizeit Leben, Liebe & Sex
04/07/2020

Wie Schreiben hilft, Krisen zu bewältigen und Positives zu sehen

Zwei Menschen erzählen, wie das Schreiben sie unterstützt, mit Emotionen besser umzugehen und optimistisch zu bleiben.

von Gabriele Kuhn

„Am besten gefällt mir noch, dass ich das, was ich denke und fühle, wenigstens aufschreiben kann, sonst würde ich komplett ersticken.“: Das schrieb Anne Frank im März 1944 in ihr Tagebuch. In Worte zu fassen, was uns – einerseits – bedrückt, und – andererseits – beglückt oder gar dankbar macht, kann Menschen helfen, Krisen durchzustehen. Wohl deshalb greifen gerade jetzt wieder mehr Menschen vermehrt zu Papier und Bleistift (manche der Einfachheit halber zum Laptop) und schreiben nieder, was sie gerade bewegt.

Das Tagebuchschreiben hat in Corona-Zeiten wieder Hochsaison.

„Ich bin ja eher ein sonniges Gemüt, aber auch manchmal melancholisch“, erzählt Marion Minarik, 56, PR-Fachfrau. Ein Jahr lang hatte sie ein Dankbarkeits-Tagebuch geführt – jeden Tag, "weil mir das Halt gab und ich mich auf die Fülle fokussierte, statt den Mangel zu sehr zu sehen“, erzählt sie. Im Trubel des Alltags ging das Schreiben wieder verloren, jetzt hat sie es erneut aufgegriffen: „Weil es mir hilft, eine Tagesstruktur zu finden und ich dann rekapitulieren kann, was alles an Gutem gelungen ist. Das sind manchmal nur drei Sachen, dann wieder viel mehr. Es gibt aber immer etwas, wofür man dankbar sein kann, sogar in der Selbstisolation“, ist sie überzeugt. Keine großen Dinge, wie sie selbst sagt: „Um ehrlich zu sein, richte ich mich gerade sehr an Kleinigkeiten auf, zum Beispiel, dass im Balkonkisterl wieder Schnittlauch wächst oder vor dem Fenster die Forsythie so schön blüht.“ Leise, bescheidene Eindrücke und Momente: Man muss sie nur sehen wollen – und können.

Die Einsamkeit leichter ertragen

Eine Frage der Übung, dieser „Muskel“ will trainiert werden. Dass aber „Dankbarkeits-Interventionen“ helfen, wird auch von Psychologen untermauert. Sie erhöhen die Motivation und das Erreichen von Zielen. „Um das zu manifestieren, sollte man aber ein Dankbarkeits-Tagebuch besonders anfangs sehr konsequent führen, damit das Gehirn darauf trainiert wird, das Positive mehr und mehr wahrzunehmen. Das dauert im Schnitt 21 Tage“, weiß sie. Drei Wochen täglich hinsetzen, nachdenken, das Gute heranzoomen – und schließlich festhalten. Für Marion Minarik ist das auch ein Ritual, um die Einsamkeit leichter zu ertragen.

Andere schreiben stattedessen ehrlich und ungeschminkt nieder, wie es ihnen gerade geht. Eine Chronologie des Gefühlten, sozusagen, Hochs, Tiefs, was eben gerade da ist.  Dass dieses „expressive Schreiben“ helfen kann, in traumatischen oder krisenhaften Situationen Heilungsprozesse in Gang zu setzen, weiß man seit den 1980er-Jahren. Intensiv damit beschäftigt hat sich etwa der US-amerikanische Psychologieprofessor James W. Pennebaker. „Wir wissen, dass Menschen seltener zum Arzt gehen, wenn sie sich im expressiven Schreiben geübt haben“, sagt er. Diese Form des Ausdrucks hätte positive Auswirkungen auf das Immunsystem des Körpers ebenso wie auf die Stimmung. Expressives Schreiben ist Schreiben ohne Publikum, offen und ehrlich – um Belastendes zu verarbeiten.

"Das Tagebuch gibt mir Struktur"

Das macht zum Beispiel Hannes Glanz, bei dem beruflich derzeit alles in Schwebe ist. Täglich schreibt er sein Corona-Tagebuch, das allerdings auch öffentlich zugänglich ist. „Dieses Schreiben hilft mir, im Jetzt zu bleiben und zu vertrauen, dass wir alle gemeinsam eine Lösung finden.“ Die Form des „Verarbeitens“ ist ihm allerdings nichts Fremdes, bereits mit 17 Jahren hat er damit begonnen - erst Gedichte, dann Prosa: „Seither setze ich mich mit Themen, die mich beschäftigen, schriftlich auseinander.“ Hannes Glanz wurde mit einer spastischen Lähmung geboren, das verarbeitet er auch in seinen Texten und Gedichten.

„Auf das Corona-Tagebuch bin ich gekommen, weil die Krise vieles in den Menschen auslöst, auch in mir. Ich finde es spannend, darüber zu reflektieren. Außerdem gibt mir das Tagebuch Struktur“, erzählt er. Wenn ihm eine Geschichte „gelingt“, ist er glücklicher – dann stellt sich eine Art „lösender Effekt“ ein. Und so bleibt Hannes Glanz optimistisch: „Für mich gibt es nur den positiven Weg. Anders werden wir aus der Sache nicht gut rauskommen“, ist er überzeugt - dann setzt er sich hin, um zu schreiben.