© APA/dpa/Henning Kaiser

Interview
10/19/2020

Alice Schwarzer: "Ich würde es genauso wieder machen"

Die kämpferische Feministin blickt zurück. Ohne Zorn, aber mit derselben Verve wie vor 50 Jahren.

von Barbara Mader

Sie hat ihr Leben lang gegen Ungleichbehandlung gekämpft. Zuletzt musste Alice Schwarzer allerdings auch viel aus den eigenen Reihen einstecken. Fühlt sie sich missverstanden? Ein Gespräch über Dankbarkeit, falsche Kommunikation und Steuerhinterziehung.

KURIER: Sie kämpfen schon Ihr ganzes Berufsleben dafür und doch können sich heute noch immer nicht alle Frauen mit dem Wort Feminismus im Sinne von Gleichwertigkeit der Geschlechter identifizieren. Ist da etwas in der Kommunikation schiefgelaufen?

Alice Schwarzer: Ja. Aber das ist nicht die Schuld von uns Feministinnen. Wir werden einfach systematisch diffamiert: als frustriert, männerfeindlich, von gestern. Das macht natürlich Karrierefrauen und auch so mancher jungen Frau Angst. So wollen sie nicht sein. Sie sagen dann: Ich bin emanzipiert, aber keine Alice Schwarzer … So wie jüngst Ihre Frauenministerin Susanne Raab. Ich verstehe das sogar. Es ist eigentlich rührend: Die Frauen wollen gleichberechtigt sein – was bedeutet, Männer verlieren lieb gewordene Privilegien –, aber die Konfrontation mit den Männern wollen sie vermeiden.

Österreich hat derzeit so viele Frauen wie noch nie in der Regierung, die meisten davon kommen aus der ÖVP. In Deutschland ist Angela Merkel seit 2005 Kanzlerin, Ursula von der Leyen ist EU-Kommissions-Präsidentin, beide CDU. Machen Frauen bei den Konservativen leichter Karriere?

So ist es. Die privilegierteren konservativen Frauen sind oft selbstbewusster, die lassen sich nicht so leicht verdrängen. Die Ex-Arbeiterparteien aber haben zwar in der Theorie einen emanzipatorischen Anspruch, sind aber in der Praxis oft noch tief patriarchal geprägt. Die machen ihre starken Frauen noch schneller einen Kopf kürzer. Johanna Dohnal war da in der hohen Zeit der Frauenbewegung eine Ausnahme – aber letztendlich hat es auch sie erwischt, und ist sie aus der Burg gejagt worden.

Sie werden von jungen Feministinnen nicht nur als Vorbild gesehen. Fühlen Sie sich ungerecht behandelt?

Ungerecht behandelt? Aber nein! Es ist von den Töchtern und Enkelinnen der Pionierinnen doch nicht zu verlangen, dass sie jeden Morgen vor dem Spiegel sagen: Liebe Frauenbewegung, ich danke dir! Sie haben jetzt all die Rechte, die wir erkämpft haben, und die genießen sie. Das ist auch gut so. Das Problem ist nur, dass sie es selbstverständlich finden und nicht ahnen, dass man über 4.000 Jahre Patriarchat nicht in 40 Jahren abschaffen kann. Das heißt: Der Fortschritt ist nicht garantiert, ein Rückfall in alte Verhältnisse droht. Das sehen wir ja jetzt auch in der Coronakrise, wo viele Frauen erleben müssen, dass sie zwar voll berufstätig sein dürfen, der Mann aber trotzdem nicht die Hälfte der Familienarbeit übernimmt.

Wegen Ihres Engagements gegen den Kopftuchzwang wurde Ihnen mehrfach Rassismus vorgeworfen. Haben Sie den Eindruck, missverstanden zu werden?

Nein, ich werde überhaupt nicht missverstanden. Die meisten Menschen verstehen mich sehr gut: Nämlich, dass es mir nicht um eine Kritik am Islam als Glauben geht, sondern um den politisierten Islam. Die Islamisten und ihre Sympathisanten allerdings verleumden mich wissentlich. In meinem Buch habe ich gleich zwei Kapitel zu dem Thema veröffentlicht. In dem ersten erzähle ich, wie mir mein Besuch 1979 in Teheran, kurz nach der Machtergreifung von Khomeini die Augen geöffnet hat. Die neuen Herrscher und Herrscherinnen machten keinen Hehl aus ihren Absichten: der Einführung des Gottesstaates mit der Scharia als Gesetz. Steinigung von angeblich untreuen Ehefrauen oder Homosexuellen? Selbstverständlich! Steht so im Koran. Ich habe damals hellsichtig geschrieben, dass diese starken Frauen zwar für die Freiheit ihr Leben riskieren durften, aber nicht in Freiheit würden leben können. Die meisten waren wenig später tot oder im Exil. Was ich nicht ahnen konnte: Dass der politische Islam einen weltweiten Eroberungszug antreten würde, über Afghanistan und Algerien bis in die Herzen der westlichen Metropolen. Die Motive von Frauen, die nicht wie Millionen gezwungen sind, das Kopftuch zu tragen, sondern das hierzulande freiwillig tun, sind vielfältig. Aber dass das Kopftuch das Symbol, ja die Flagge der Islamisten ist, ist unstrittig. Das Kopftuch ist kein religiöses, sondern ein politisches Symbol. Darum hat es auf dem Kopf von Mädchen sowie in Schulen und im öffentlichen Dienst nichts verloren.

Was sagen Sie zu den Angriffen auf Joanne K. Rowling, der Trans-Feindlichkeit vorgeworfen wird, weil sie sagt, dass es eine spezifisch weibliche Welt-Erfahrung gibt, die von Trans-Personen nicht restlos geteilt werden kann?

Womit sie ja recht hat. Rowling ist mit Harry Potter und Hermine die Schöpferin eines Universums, in dem die Mädchen schlau und deren Freunde lieb sind, in dem es keine Kleinfamilie gibt und Kinder selbstständig und stark sind. Ausgerechnet ihr Trans-Feindlichkeit vorzuwerfen, ist lächerlich. Dass man für die Minderheit der 0,03 Prozent Transsexuellen (in Deutschland), die tief darüber verstört sind, in einer für sie „falschen Haut“ zu leben, einen Geschlechterwechsel möglich macht, finde ich selbstverständlich. Aber es gibt seit einigen Jahren den Trend, ja die Mode zu behaupten, dass Mädchen, die aus der Frauenrolle ausscheren – zum Beispiel gerne Fußball spielen oder sich in ein Mädchen verlieben – ja nur Jungen sein können. Das ist ein reaktionäres Schubladendenken. Kann, wer kein „richtiges“ Mädchen ist, nur ein Junge sein? Ich bin nicht für ein Dutzend neuer Schubladen, sondern ich bin für die Abschaffung aller Schubladen, für die Befreiung von der Geschlechterrolle. Das biologische Geschlecht darf nicht länger Vorwand sein für die Rollenzuweisung. Ich bin für den freien Menschen, der je nach Begabung und Interessen leben kann.

Sie sind 2016 wegen Steuerhinterziehung verurteilt worden. Hat das Ihrer Glaubwürdigkeit als Frauenrechtlerin geschadet?

Ich hatte bei einem Konto, das ich in den 80er Jahren in der Schweiz hatte, die Zinsen nicht versteuert. Das war ein Fehler. Ein moralischer Fehler. Aber kein feministischer.

Sie setzen sich für einen Feminismus ein, dessen Ziel die Aufhebung der Geschlechterrollen sowie gleiche Rechte und Chancen für beide Geschlechter sind. Wie weit sind wir davon entfernt und waren wir schon mal näher dran?

Tja, schwer zu sagen. Frauen sind heutzutage zwar Kanzlerin und Männer schieben Kinderwägen. Aber gerade habe ich gelesen, dass die Stimmenlagen von Frauen und Männern, die sich in den vergangenen Jahren angenähert hatten, wieder auseinander driften. Männer brummen wieder und Frauen piepsen. Was will uns das sagen?

Sind Sie manchmal müde vom Kämpfen? Würden Sie diesen Weg wieder einschlagen? Hat sich der Kampf gelohnt?

Nein, ich bin hellwach. Und ja, der Kampf hat sich gelohnt. Sehr gelohnt! Ich würde es genauso wieder machen.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.