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freizeit Leben, Liebe & Sex
07/19/2020

60 Jahre Antibabypille: "Ein Geschenk Gottes"

Am 18. August 1960 kam die erste Pille auf den Markt. Das hat die Welt maßgeblich verändert. Was Frauen über das populäre Verhütungsmittel denken und warum es noch Forschungsbedarf gibt.

von Gabriele Kuhn

Klein, grün, 140 mg leicht und in Folie verpackt – so schaut die erste Antibabypille aus, die im Jahr 1961 auf den deutschen und österreichischen Markt kommt. Ihr Name: Anovlar („kein Eisprung“). Zuvor feiert in den USA das Präparat „Enovid“ Premiere. Der 18. August 1960 gilt als Geburtstag der Antibabypille.

Kleines Ding, große Wirkung: Die Pille verändert die Welt und revolutioniert die weibliche Sexualität. Lust kann endlich losgelöst von der Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft ge- und erlebt werden. Ein Motor der sexuellen Revolution. Das gefällt nicht allen – man befürchtet den Verfall der Sitten und der Moral. Politiker wettern dagegen, die katholische Kirche will die Pille verbieten. Die empfängnisverhütende Wirkung der ersten Präparate wird erst nur verschämt, ganz am Ende des Beipacktexts, erwähnt. Ärzte verordnen sie gegen Menstruationsbeschwerden, später bekommen sie ausschließlich verheiratete, „anständige“ Frauen verschrieben.

Der Befreiungsschritt

Im Juni 1961 berichtet das Magazin Stern über ihr wahres Potenzial: „Eine Pille reguliert die Fruchtbarkeit“, heißt es – und: „Ein gewaltiger Schritt vorwärts“. Viele Frauen trauen sich nicht, sie zu nehmen – trotzdem ist der Siegeszug der Pille unaufhaltsam. Und, damit verbunden, die tiefgreifende, gesellschaftliche Veränderung, die im neuen Rollenverständnis der Geschlechter mündet. Das Leben, die Ausbildung, die Karriere wird für Frauen planbarer, ein großer Schritt Richtung Selbstbestimmung und Wiederaneignung des eigenen Körpers.

1919/1920 Der Physiologe Ludwig Haberlandt erfindet an der Uni Innsbruck das Prinzip der Pille im Tierversuch. Seine Arbeit wird als Grundlage für eine „Antikinder-tablette“ betrachtet, um illegale Abtreibungen zu verhindern. Für viele galt das damals aber als Verbrechen, er geriet wissenschaftlich ins Abseits. Haberlandt beging im Jahr 1932 Suizid.

1951 Maßgeblich für die Entwicklung der Pille sind zwei US-Frauenrechtlerinnen – die Krankenschwester Margaret Sanger (o.) und die  vermögende Biologin Katharine McCormick. Sanger lernt den Endokrinologen Gregory Pincus bei einer Dinnerparty kennen und fragt, wie viel  nötig sei, um eine Verhütungspille zu entwickeln, er schätzt, 125.000 Dollar. McCormick stellt zwei Millionen Dollar zur Verfügung.

Dem österreichischen Forscher Carl Djerassi gelingt es, das Hormon Gestagen künstlich herzustellen. Die erste Antibabypille wird nun entwickelt.

1960 Am 18. August kommt in den USA die erste Pille namens „Enovid“ auf den Markt. Im Jahr 1961 folgt Schering mit „Anovlar“ in Deutschland und Österreich. Sie enthält weit weniger Östrogen als Enovid.

1968 Am 25. Juli verurteilt Papst Paul VI in der „Enzyklika Humanae Vitae“ die Geburtenkontrolle durch künstliche Verhütungsmittel. Auch manche Ärzte beschließen, die Pille nicht zu verschreiben.

2019/2020 Weltweit verhüten rund 100 bis 150 Millionen Frauen  mit der Antibabypille. In Österreich gibt es rund 1,6 Millionen fruchtbare Frauen, davon verhüten 38 Prozent  mit der Pille, gefolgt von der Hormonspirale.

„Ich bin eine von vielen Millionen Frauen, die die Pille für ein Geschenk Gottes halten, wenn ich das in dem Zusammenhang so sagen darf“, schreibt Alice Schwarzer auf ihrer Homepage zum 50. Geburtstag der Pille im Jahr 2010. Zehn Jahre später ist die Pille nach wie vor eine der populärsten Verhütungsmethoden. Und – in der dritten und vierten Pillengeneration – ein Mittel, das zum Lifestyle-Medikament avanciert, also optimierend eingesetzt wird. Viele Mädchen und junge Frauen nehmen sie selbst dann, wenn sie keinen fixen Freund haben – der Zyklus ist überschaubar, Haut und Haare sind schöner. Das alles ist so selbstverständlich, dass sie sich gar nicht mehr vorstellen können, was die Pille für ihre Großmütter bedeutete.

Kritik an der Pille

Laut Verhütungsreport 2019 zeigt sich allerdings seit einigen Jahren ein Trend, Hormone zur Verhütung abzulehnen. Da geht es nicht nur um gesundheitliche Gefahren wie Krebs- oder Thromboserisiko. Viele Frauen wollen einfach nicht mehr die körperlich-seelischen Veränderungen in Kauf nehmen, die mit der dauerhaften Einnahme verbunden sind. Wie etwa die Sexualberaterin Nicole Siller, die die Pille als „unglaublichen Fortschritt zur Befreiung und Unabhängigkeit der Frauen“ empfindet, aber Vorbehalte hat. „Wir durften unsere Lust endlich genießen und uns sexuell mehr entfalten – ohne die Konsequenzen von Schwangerschaft und Kindern. Ich war mit 17 froh, dass es sie gab. Nach einer Lungenembolie mit 25 gilt heute für mich: Nie mehr Pille“.

So wirkt die Antibabypille
Alle Präparate enthalten künstliche Hormone, die den menschlichen Sexualhormonen ähnlich sind.     Östrogen und Gestagen unterdrücken die Eireifung im Eierstock und verhindern so den Eisprung.
Das gaukelt dem Körper eine Schwangerschaft vor. Der  Gebärmutterhalsschleim wird verändert, sodass  keine Spermien in den Uterus gelangen.  Außerdem wird die  Schleimhaut im Uterus nicht mehr so stark aufgebaut – was verhindert, dass sich eine Eizelle einnisten kann

Verschiedene Pillenarten
Bei den Kombinationspillen werden Ein-, Zwei- und Dreiphasenpillen unterschieden. Die Mini-Pille enthält nur Gestagen. Mittlerweile gibt es vier Pillen-Generationen. Speziell die der 3. und 4. Generation werden mit einem erhöhten Thromboserisiko in Zusammenhang gebracht

Sie kritisiert, dass heute viele, teilweise sehr junge Frauen die Pille nehmen, um „allzeit bereit“ zu sein: „Das kann, ohne Kondom als Schutz, gefährlich sein. Nicht von ungefähr nehmen Geschlechtskrankheiten zu.“ Ein weiterer Punkt sei ihre mögliche, indirekte Auswirkung auf Partnerschaften: „Der Geruchssinn kann durch die Einnahme von Hormonen irritiert werden, sodass sie nicht mehr instinktiv den passenden Partner wählen. Es stellt sich also die Frage, wie sehr sich die Beziehung verändern kann, wenn die Pille abgesetzt wird.“ Dazu kommt, dass die Last des Verhütungsthemas nahezu ausschließlich die Frauen zu tragen haben.

Bereits in den späten 1970er-Jahren bekommt der Mythos der sexuellen Befreiung durch die Pille erste Risse. Das Magazin Spiegel schreibt 1977 unter dem Titel „Das Unbehagen an der Pille“: „Zwei Jahrzehnte nach Einführung der oralen Empfängnisverhütung klagen viele Frauen über eine Beeinträchtigung ihres Wohlbefindens – und setzen die Pille wieder ab… Sie bekommen Haarausfall und bombastische Depressionen. Ihr ganzer Organismus gerät in Aufruhr, ihre Libido schwindet, und ihr Unbehagen wächst… Ob sich der weibliche Organismus diesen Eingriff wirklich auf die Dauer gefallen lässt?“

Wie Hormone im Hirn wirken

Mehr als 40 Jahre danach ist ein zentraler Aspekt kaum erforscht: die Wirkung der Pille auf das weibliche Gehirn – auf die Stimmung oder die Libido. Wer mit Frauen quer durch alle Altersgruppen spricht, bemerkt die Ambivalenz. Manche erfahren durch die Einnahme der Pille eine drastische Verbesserung der Lebensqualität, viele Beschwerden verschwinden. Andere berichten von depressiven Verstimmungen, Libidoverlust und ein ganz „allgemeines Neben-sich-Stehen“.

Martina Hrenecek, 47, etwa: „Mit 17 Jahren war die Pille meine erste Wahl, niedriger Pearl-Index und nervensparender als andere Methoden. Allerdings durfte mich mein Partner kaum mehr berühren. Die Lust war absolut dahin.“ Die Musikerin Daniela Krammer, 51: „Als junge Frau war ich nur glücklich darüber, das hat sich aber mit Mitte 20 radikal geändert. Ich habe mich nicht mehr gespürt damit.“

Großes Forschungsprojekt

Weshalb die Antibabypille auf Frauen so unterschiedlich wirkt, ist weitgehend unbekannt, sagt die Neurobiologin Belinda Pletzer, Uni Salzburg. Das mag u. a. damit zu tun haben, dass Pille nicht gleich Pille ist. Laut Agentur für Ernährung und Gesundheit AGES sind in Österreich 111 orale Kontrazeptiva registriert, mit unterschiedlichen Wirkstoffen. Allen gemeinsam ist, dass sie den Eisprung unterdrücken und empfängnisverhütend wirken. Dieser Mechanismus setzt im Gehirn an: „Die Antibabypille schaltet die körpereigene Hormonproduktion und damit den Zyklus aus. Das passiert mithilfe des ,Oberbosses’ der Hormonachse, das ist der Hypothalamus“, sagt Pletzer. Im Rahmen einer umfangreichen Studie mit zirka 600 Frauen untersucht sie nun über einen Zeitraum von fünf bis sechs Jahren, „was sich im Gehirn verändert, wenn Frauen anfangen oder aufhören, die Pille zu nehmen“.

Dabei gilt die Antibabypille als eines der bestuntersuchten Medikamente, mit Tausenden Studien zu körperlichen Nebenwirkungen, wie z. B. das Thromboserisiko. „Zum Gehirn sind es jedoch nur an die 15 Studien, was angesichts diverser psychischer Nebenwirkungen sehr erstaunlich ist“, wundert sich Pletzer. Ihr langfristiges Ziel ist es ebenfalls, „zu versuchen, Frauen so zu charakterisieren, dass man schon im Vorfeld abschätzen kann, welches Präparat sie vertragen“. Auch um mögliche kognitive Veränderungen soll es gehen, denn auch diese sind von der Pillenforschung bisher stiefmütterlich behandelt worden.

Weiters im Fokus: die Pubertät als sensible Zeit, in der sich das Gehirn neu vernetzt. „Eine Zeit, in der aber die meisten Mädchen mit der Pilleneinnahme beginnen. Sie sind eine Zielgruppe für eine Verschreibung und daher auch für unsere Forschung.“ Für die Neurobiologin scheint es naheliegend, dass der hormonelle Prozess, der diese Phase mit sich bringt, durch die Pilleneinnahme beeinflusst werden könnte. „Das kann negativ oder positiv sein und mag ich nicht werten, aber es gehört angeschaut.“

Wissen ist Macht

Ihr persönlicher Rat: „Jede Frau muss für sich selbst entscheiden – das ist individuell. Wichtig ist, dass genügend Informationen zu den verschiedenen Verhütungsmitteln vorhanden sind.“ Außerdem bräuchte es mehr sexuelle Aufklärung – das Wissen darüber, wie der Zyklus funktioniert, etwa. „Ich finde, man sollte seine Entscheidung so gut informiert wie möglich treffen – wie man sich damit wohlfühlt und nicht, was einem eingeredet wird. Denn es sind nach wie vor die Frauen, die sich entscheiden müssen – dafür brauchen sie alles an Wissen und Informationen.“

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