Mit Pyjama, Ratgeber und Selbstzweifeln: Renée Zellweger wurde für ihre Darstellung der Bridget Jones oscarnominiert

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freizeit Leben, Liebe & Sex
02/06/2021

20 Jahre "Bridget Jones": Wie sich das Bild der Single-Frau verändert hat

2001 kam "Schokolade zum Frühstück" in die Kinos und damit die ultimative Verkörperung der Single-Frau. Warum Bridget Jones gut gealtert – und dennoch problematisch ist.

von Julia Pfligl

Ihre Abende verbringt sie Chardonnay-trinkend und Pyjama-tragend auf der Couch, in Gedanken irgendwo zwischen Laster, Lust und Liebeskummer. Auf Partys kreuzt sie als Einzige alleine auf, ihren Hüftumfang notiert sie täglich in ein Tagebuch. Sie ist witzig, klug, einigermaßen erfolgreich – und dennoch schwebt über allem die Frage: "Was stimmt nicht mit mir?"

Mit Bridget Jones haben weibliche Singles "Ü30" vor zwanzig Jahren erstmals ein Gesicht – und einen erfreulich durchschnittlichen Körper – bekommen: Erschaffen Mitte der Neunziger von der britischen Journalistin Helen Fielding als Protagonistin einer Zeitungskolumne, erschien die liebenswerte Kultfigur im Frühjahr 2001 erstmals auf der Kinoleinwand – und gab Millionen alleinstehenden Frauen das Gefühl, gar nicht so alleine zu sein.

"Bridget Jones war die erste Heldin, bei der wir Frauen denken konnten: Die ist ja wie wir!", fasst die Literaturwissenschafterin und Autorin Gunda Windmüller  den Erfolg zusammen. "Sie hatte keine Modelmaße, konnte nicht kochen, hatte Stress mit den Eltern. Eine ‚ganz normale‘ Frau, die als chaotisch, aber auch sexy gesehen wurde. Das war ein großer Schritt weg vom Hollywood-Ideal."

"Was macht die Liebe?"

Zwei Jahrzehnte und Bridget-Jones-Filme später wirkt die Darstellung der unverheirateten Frau verblüffend zeitgemäß – obwohl Flirt-Apps und MeToo die Dating-Spielregeln inzwischen einmal durchgerüttelt haben. Alleinlebende Frauen werden mit spätestens 35 Jahren oft noch als unvollständig und bemitleidenswert angesehen, schildert Windmüller in ihrer Streitschrift „Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht“ (Rowohlt Verlag): "‚Was macht die Liebe? Hast du schon mal Online-Dating probiert?‘ Das ist gut gemeint, es schwingt aber immer mit: Was stimmt nicht mit dir?"

Die wichtigere Frage, so die Autorin, sollte lauten: "Was stimmt nicht mit einer Gesellschaft, in der allen Scheidungsstatistiken zum Trotz die dauerhafte Paarbeziehung nach wie vor als Nonplusultra gilt?"

Ein Phänomen, das durch die Corona-Krise bestärkt wurde und auch in der Generation nach Bridget allgegenwärtig ist. Wie sehr, beschreibt die 30-jährige Single-Kolumnistin und Influencerin Lina Mallon in ihrem neuen Buch "zweit.nah" (Eden Books): „Ein einziger Scroll durch Instagram reicht, um dich daran zu erinnern, dass die #goals (Ziele), die Frauen auf den sozialen Netzwerken vorweisen, offenbar immer noch süße Kinder, schöne Männer und gemütlich eingerichtete Wohnzimmer sind.“ Hier setzt die Kritik an Kultfilmen und -Serien wie "Bridget Jones" und "Sex and the City" an: Zwar werden die Protagonistinnen als unabhängige, moderne Heldinnen gefeiert, auch ihre Geschichte ist aber erst dann auserzählt, nachdem sie ihren Traummann für sich gewinnen konnten.

"Ich würde mir wünschen, dass Frauen nicht immer auf die romantische Liebe reduziert werden", sagt Windmüller. "Fakt ist ja, dass auch Single-Frauen viel Liebe und Fürsorge und Nähe in ihrem Leben haben können, zu Familie und Freundinnen."

Lina Mallon, die nach sieben Jahren wieder in einer Beziehung ist, findet noch drastischere Worte. "Bridget Jones ist nichts, das ich je sein wollte. Eine unglückliche, verheulte Frau mit Schokolade, für die es nur eine einzige, wirklich wichtige Bestätigung gab: die eines Mannes. Ich verurteile sie oder zumindest das Narrativ, das ihr Charakter über Frauen erzählen soll."

Moderne Nachfolger

Mit der wachsenden Zahl an (teilweise freiwillig) Alleinlebenden steigt seit einigen Jahren auch das Bewusstsein für "Single Shaming", beobachtet Windmüller. Und auch die Popkultur passt sich an die wandelnde Lebensrealität an. Serien wie "Fleabag", "Girls" oder "Normal People" zeigen die Liebesnöte der Millennials ungeschönt und auf Augenhöhe, ohne Paarbeziehungen zu glorifizieren oder Singles abzuwerten. "Singles haben zunehmend keine Lust mehr auf diese immer gleiche Wendung, dass Frauen nur mit einer Beziehung komplett sind", sagt Windmüller.

Und Bridget? Wäre sie im Jahr 2021 eine 33-jährige Single-Frau, würde sie wohl über ihre Tinder-Abenteuer bloggen, Typen wie Daniel Cleaver (im Film: Hugh Grant) verfluchen und auf Instagram zu mehr Selbstliebe animieren. "Vielleicht trägt jede von uns ein Stück Bridget in sich", sagt Mallon. "Vielleicht ist es aber auch Zeit, Frieden mit der inneren Anti-Heldin zu schließen."

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